Stand: 28.11.2018 17:15 Uhr

Raubkunst: 20 Jahre "Washingtoner Prinzipien"

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Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat bei der Internationalen Fachkonferenz zum Umgang mit NS-Raubkunst weitere Aufarbeitung versprochen.

Spätestens seit dem Fall Gurlitt forciert die deutsche Politik die Provenienzforschung. Kulturstaatsministerin Monika Grütters wirbt für mehr Sensibilität bei der Frage nach der Herkunft von Kunst. Vor 20 Jahren schon wurden in Washington die "Washingtoner Prinzipien" über "Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust" verabschiedet. Was aber wurde seitdem überhaupt umgesetzt? Fachleute aus aller Welt diskutieren darüber seit Montag in Berlin - die Kunstkritikerin Barbara Wiegand hat die Konferenz verfolgt.

Frau Wiegand, wie ist diese Konferenz einzuordnen - als harmonische Rückschau?

Barbara Wiegand: Auf der einen Seite schaute man zufrieden zurück auf das Erreichte: Deutschland, das die Washingtoner Prinzipien in einer ein Jahr später postulierten Erklärung anerkannte, bekam viel Lob von den angereisten Vertretern, auch der jüdischen Gemeinschaft. Man sei ganz im Sinne der Washingtoner Prinzipien dabei weitergekommen, Transparenz zu schaffen und nach einer fairen und gerechten Lösung zu suchen - will heißen: Rückgabe oder Ausgleich. Insgesamt wurden 16.000 Kunstwerke hierzulande jüdischen Alteigentümern oder deren Erben zurückgegeben. Es gibt die vom Magdeburger Zentrum für Kulturgutverluste verwaltete Lost Art-Datenbank und es gibt die Limbach-Kommission als Gremium, das Museen oder deren Erbenvertreter in Streitfällen anrufen können.

Auf der anderen Seite wurde klar, dass es noch viel zu tun gibt. Die Nazis haben circa 600.000 Kunstwerke geraubt, auch Tausende von Büchern. Da ist noch viel verschollen, verborgen in den Beständen öffentlicher oder privater Sammlungen. Die Frage, woher das kommt, ist in vielen Fällen immer noch nicht ergiebig beantwortet, und die Zeit drängt. Überlebende des Holocaust gibt es nicht mehr viele und ihre Erben sind sehr verstreut.

Gab es denn auch ganz konkrete Tagungsergebnisse oder Vorhaben?

Wiegand: Ja, ganz konkret wurde zum Beispiel eine neue Washingtoner Erklärung unterschrieben, in einer aktualisierten, erweiterten Form. Dabei sollen noch mehr Mittel in die Herkunftsforschung fließen. Die Museen werden noch weiter in die Pflicht genommen, und wenn Erben etwas zurückverlangen, sollen sie das in Zukunft nicht mehr so einfach abwehren können, wie das in der Vergangenheit leider oft der Fall war. Denn die Limbach-Kommission, die in solchen Streitfällen eine Lösung finden soll, kann in Zukunft auch von einer der beiden Parteien angerufen werden.

Man richtet sich in Zukunft auch an die privaten Sammler: Auch die sollen schauen, was sie sammeln, und um dort nachzuforschen, sollen sie auch Mittel beantragen dürfen. Hier muss man allerdings sehen, wie das gehen soll, weil das sehr schwierig ist. Denn gerade im privaten Kunsthandel ist zwar manches transparenter geworden, aber längst nicht so transparent, wie es sein sollte. Oftmals sind Kunstwerke durch Hunderte von Händen gegangen.

Inwieweit ist die Kontroverse, die spätestens seit dem Fall Gurlitt mit dem Thema verbunden wird, auch abgebildet worden?

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Wiegand: Gerade Gurlitt zeigt ja, wie aufgeheizt diese Stimmung war - aber es lohnt, noch einmal nüchtern und gründlich zu schauen. Cornelius Gurlitt - da reden wir von rund 1.500 Kunstwerken, und davon sind bisher neun eindeutig als Raubkunst identifiziert worden. Bei einigen weiteren Fällen ist es noch unklar. Aber es war nicht dieser große Nazi-Kunstschatz, den man am Anfang glaubte, gefunden zu haben. Und den Vorwurf, dass da von deutscher Seite gemauert und vertuscht wurde, kann man auch nicht so gelten lassen. Das hat einfach sehr lange gedauert. Die Museen haben früher sicherlich viel gemauert, aber es zeigt sich, dass sich in der Einstellung viel geändert hat. Die Krux ist eher die Schwierigkeit, dort zu forschen, denn es ist nicht alles schwarz-weiß - es gibt Grauzonen. Aber das Bewusstsein bei den Museen hat sich verändert, weil es persönliche Geschichten sind, die dahinter stehen. Man versucht, in vielen Fällen persönlich mit den Erben in Kontakt zu treten, egal ob es sich um wertvolle Kunstwerke oder um das kleine Kinderbuch handelt.

In diesen Tagen ist die Debatte um den Umgang mit Kulturgut aus ehemaligen Kolonialstaaten hochgekocht, besonders bei der einstigen Kolonialmacht Frankreich. Staatspräsident Macron hat den Anfang gemacht und 26 Kunstwerke an das Land Benin zurückgegeben, wofür er nicht nur Applaus bekommen hat. Spielte diese Diskussion auch auf der Konferenz in Berlin eine Rolle?

Wiegand: Leider nicht. Eigentlich wollte die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy etwas dazu sagen. Sie hat ja im Auftrag von Macron eine Studie zu den Bedingungen für eine eventuelle Rückgabe von Kulturgut an ehemalige Kolonien erstellt. Zehntausende Objekte sollte man zurückgeben, das hat sie empfohlen. Aber sie ist in ihrem Vortragsthema ein bisschen umgeschwenkt: Sie befasste sich dann doch mit der NS-Raubkunst, weil sie, nach dem Bekanntwerden der Rückgabe dieser 26 Objekte von Macron an Benin, noch einmal darüber nachgedacht hatte. Ich finde das schade. Es ist wirklich schwierig, da Parallelen zu ziehen.

Wenn koloniales Kulturgut gemeint ist, reden wir von Millionen von Objekten, und man weiß nicht genau: Wem gehörte was? Wohin gibt man es zurück? Wurde es damals gekauft, wurde es geraubt? Unter welchen Umständen? Es gibt ja auch noch eine Sammlungsgeschichte, die in den Museen der europäischen Kolonialmächte entstanden ist - und dort steht man ganz am Anfang. Aber auch hier gilt wie bei den NS-Raubkunstwerken: Es ist nicht schwarz-weiß, man muss vor allem Provenienzen erforschen - das ist das A und O, und das gilt für beide Seiten.

Wie ist ihr Fazit? Wird die Konferenz Weichen stellen, wie damals in Washington 1998?

Wiegand: Ich bin ein bisschen zwiegespalten. Nach dem ersten Vormittag war die Luft etwas raus in dieser Konferenz, weil die brennenden Debatten, die im Hintergrund schwelen, zu wenig angesprochen wurden. Deutschland steht zurecht im Fokus, aber in Europa ist noch so vieles offen, alleine was die NS-Raubkunst betrifft. Osteuropäische Länder sehen sich als Opfer der Nazis, und sie tun sich schwer damit, eventuelle Raubkunst als solche zu outen. Wie geht es weiter in privaten Sammlungen, mit dem Kunsthandel? Hier geschieht nach wie vor viel zu wenig. Mein Fazit ist also gemischt.

Was allerdings wirklich einen Anstoß gegeben hat und weiterhin geben sollte: Das Thema Raubkunst ist nicht vorbei - auch wenn es keine Menschen mehr geben wird, die klagen können, weil sie nicht mehr leben - es gehört vielmehr zu unserer Erinnerungskultur dazu. Man sollte vor Sammlungsgeschichten keine Angst haben und dazu stehen - ob man das zurückgibt oder es in den Ausstellungen kenntlich macht. Das gilt für NS-Raubkunst - aber auch für alle anderen abgepressten oder zu Unrecht in die europäischen Länder oder in die westliche Welt verbrachten Kulturgüter.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.11.2018 | 19:00 Uhr

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