Stand: 22.02.2019 17:28 Uhr

Diversität im Theater: Forum will Anstöße geben

Immer noch bestimmen im Theater weiße, männliche Macher das Bild. Intendantinnen sind vergleichsweise rar, auch wenn sich da zuletzt einiges tut; noch viel rarer sind auf Leitungs- und Konzeptionsebene Künstlerinnen und Künstler jeglichen Geschlechts aus anderen Kulturkreisen. Das in etwa ist die Beobachtung, die den Anstoß gegeben hat für ein dreitägiges Forum in Hannover zur Diversitätsdebatte im Theater. Barbara Kantel ist Leiterin des Jungen Schauspiels und der Kopf hinter dem Forums-Programm.

Frau Kantel, wenn man das alles hört, gewinnt man fast den Eindruck, das Theater spiele den Part der besonders Rückständigen in der Gesellschaft. Ist das wirklich so?

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Barbara Kantel ist Leiterin des Jungen Schauspiels Hannover.

Barbara Kantel: Interessante Frage, weil wir uns eigentlich immer eher als Vorhut definieren und uns selber immer als besonders fortschrittlich empfinden. Wenn man sich aber rein demografisch die Zusammensetzung der Bevölkerung anguckt, vor allen Dingen in den Städten, und die Zusammensetzung von Belegschaften, insbesondere im künstlerischen Bereich, dann muss man tatsächlich feststellen, dass wir eine sehr homogene Blase sind.

Was und wer ist bei dem Forumstreffen vor allem gemeint, wenn von Diversität die Rede ist? Auf welche Gruppen zielt das?

Kantel: Es ist wichtig, das nochmals zu unterscheiden, weil wir es tatsächlich nicht geschafft haben, uns komplett divers aufzustellen, sondern wir haben das Gefühl, wir sind am Beginn. Ich sage wir, weil es ein kooperatives Projekt ist, das wir zusammen mit dem Landesverband Freier Theater Niedersachsen e.V., dem Musikland Niedersachsen und dem Literaturhaus Hannover machen. Wir haben uns also mit mehreren Institutionen zusammengetan, die mal mehr, mal weniger weit in Bezug auf diese Fragestellung sind. Mit "divers" meinen wir zum einen weibliche Künstlerinnen, aber auch gerade zugereiste oder seit einiger Zeit in Deutschland ansässige Künstlerinnen und Künstler. Für unser Programm sind das sehr viele Menschen, die aus Syrien kommen. Es gibt das Netzwerk "New Connections", das sich vor zwei Jahren gegründet hat, in dem wir versucht haben, zugewanderte Künstlerinnen und Künstler mit Institutionen und hier bereits ansässigen Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch zu bringen. Daran knüpfen wir an.

Was ist der leitende perspektivische Gedanke? Geht es um Bewusstseinsschärfung? Geht es um eine andere Denkhaltung? Vielleicht auch um Quoten?

Kantel: Es geht sicherlich um eine Bewusstseinsschärfung, vor allen Dingen für die Menschen in den Häusern. Für uns ist es so selbstverständlich, wie wir arbeiten. Wir brauchen von außen Anstöße, das nicht mehr für selbstverständlich zu halten, sondern zu bemerken, dass unsere so fortschrittliche künstlerische Tätigkeit an manchen Stellen blinde Flecke hat. Der eine Teil unseres Programms ist, dass wir beispielhaft Gastspieler eingeladen haben, die uns zeigen, dass es sie gibt. Der zweite Teil ist die Begegnung und der Austausch zwischen Künstlerinnen und Künstlern, die dazugekommen sind, und Künstlerinnen und Künstlern, die hier schon eine Weile arbeiten, sowie Vertretern verschiedener Institutionen, von denen wir hoffen, dass sie sich als Entscheider speziell angesprochen fühlen.

Sonja Anders, die von der kommenden Spielzeit an das Schauspiel Hannover als Intendantin leiten wird, hat in einem Interview mit der "HAZ" gesagt: "Wenn ich ein rein weißes Ensemble habe, kann ich tausendmal gegen Rassismus predigen, es bleibt bei der Anklage." Und weiter: "Quoten wären durchaus ein Anfang."

Kantel: Da würde ich Sonja Anders zustimmen. Natürlich sind Quoten immer heiß diskutiert und auch immer irgendwie ungerecht. Aber vielleicht braucht man erst mal so einen Ausschlag in eine Richtung, um es hinterher als selbstverständlich zu sehen. Gerade bei dem Thema "Quoten in der Ensemblezusammensetzung" hatte ich vor ein paar Wochen eine sehr interessante Diskussion mit einem Ensemblemitglied, der das ganz unmöglich fand. Als ich darauf hinwies, dass wir vor ein paar Jahren auch über Frauenquoten gesprochen haben und es mittlerweile selbstverständlich ist, dass es eine entsprechende Anzahl an Frauen im Ensemble gibt - obwohl auch da noch Nachholbedarf ist -, horchte er auf und sagte: 'Ja, eigentlich stimmt es.' Man muss sich also erst mal mit diesem Gedanken auseinandersetzen, und das ist auch die Idee dieses Forums: Anstöße zu geben.

Eines der Panels auf dem Forum trägt den Titel: "Let's talk about Systems". Da soll am Sonntag z.B. die Frage diskutiert werden: "Wann verändern sich endlich die vier PPPP - Publikum, Partner*innen, Programm, Personal?" Wenn sich das Publikum eines bis auf den letzten Platz gefüllten Theaters verändern soll, müssen welche draußen bleiben, damit andere dabei sein können. Auf welches Publikumssegment würden Sie ganz gern verzichten? Vielleicht auf die weißen alten Männer?

Kantel: Es wäre schön, wenn wir davon ausgehen könnten, dass unsere Häuser bis auf den letzten Platz gefüllt wären - das sind sie nicht. Insofern stellt sich die Entweder-oder-Frage in dem Zusammenhang nicht. Als Leiterin des Jungen Schauspielhauses merke ich, dass wir durch die Zusammenarbeit mit den Schulen dort bereits ein sehr diverses Publikum haben, sehr viel diverser als das, was wir ihnen dann auf der Bühne zeigen. Wir merken, dass wir an der Stelle auch loslegen müssen. Weil in dem Moment, in dem ich mich als nicht weißes Mädchen in den Geschichten auf der Bühne überhaupt nicht gespiegelt fühle, fühle ich mich nicht angesprochen und werde auch nicht darüber nachdenken, für mich diesen kulturellen Bereich überhaupt als möglichen Tätigkeitsbereich in Blick zu nehmen. Wenn wir da insgesamt etwas ändern wollen, müssen wir also sehr früh anfangen, um dort Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen.

Was die großen Häuser angeht, glaube ich nicht, dass die Alternative da ist, dass man entweder für die weißen alten Männer erzählt oder für die nicht weißen jungen Frauen, sondern dass das eine möglich ist, ohne das andere zu lassen.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Leiterin des Jungen Schauspiels Hannover Barbara Kantel © Katrin Ribbe

Diversität im Theater: Forum will Anstöße geben

NDR Kultur - Journal Gespräch -

In einem dreitägigen Forum in Hannover steht das Thema Diversität im Theater auf dem Programm. Ein Gespräch mit der Dramaturgin Barbara Kantel, die das Forums-Programm gestaltet hat.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.02.2019 | 19:00 Uhr

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