Stand: 06.03.2020 18:38 Uhr

Auch Frauen haben Vorurteile gegenüber Frauen

Nur zehn von 193 Ländern werden von einer Frau geführt. Nur jede dritte Führungsposition in der EU ist von einer Frau besetzt. Die "Gender Pay Gap" beträgt in Deutschland mehr als 21 Prozent. Jede zwölfte Frau erlebt Gewalt durch ihren Partner. Das sind nur einige Zahlen und Fakten zum Internationalen Frauentag am Sonntag. Ein Gespräch mit der Philosophin Catherine Newmark. Sie ist Chefredakteurin für die Sonderausgaben des "Philosophie Magazins". Einer ihrer Schwerpunkte ist feministische Theorie und Ethik.

Frau Newmark, der Internationale Frauentag wird seit 1921 gefeiert. Warum können wir diesen Tag 99 Jahre später nicht einfach abschaffen?

Catherine Newmark © Catherine Newmark
Catherine Newmark erkennt bei Frauen eine "Selbstzurückstufung, die schwierig zu bekämpfen ist".

Catherine Newmark: Die Tatsache, dass wir es noch als notwendig empfinden, hängt damit zusammen, dass es immer noch - um mit Simone de Beauvoir zu sprechen - das eine Geschlecht und das andere Geschlecht gibt. Es gibt zwar viele Bewegungen in den letzten 50, 70 Jahren, wo die juristische und politische Gleichstellung durchgesetzt, aber auch die zunehmende Gleichstellung im persönlichen Leben vorangetrieben wird. Aber es gibt immer wieder auch Rückschritte, und die Welt, in der wir leben, ist immer noch eine sehr männerdominierte. In diesem Sinne haben wir immer noch den Frauentag, auch wenn man das langweilig und mühsam finden kann, dass das immer so weitergeht.

Eine weitere Studie besagt, dass neun von zehn Menschen Vorbehalte gegen Frauen haben - darunter auch Frauen selbst. Sie trauen sich gewisse Positionen nicht zu und finden es legitim, dass sie im Wesentlichen von Männern besetzt werden. Woher kommt das?

Newmark: Ich glaube, dass gewisse, sehr tief verankerte Ordnungsvorstellungen von Geschlechterrollenideen überhaupt nicht nur auf ein Geschlecht beschränkt sind. Wie jede Vorurteilsstruktur wabert sie unbewusst durch eine Kultur oder durch eine Welt. Es ist nicht so, dass Sexismus nur etwas ist, was Männer haben. In einer Welt, in der seit Tausenden von Jahren das weibliche Geschlecht als schwächer, als weniger geeignet für politische Funktionen oder für die Wissenschaft beschrieben wird, werden alle Mitglieder diese Vorteile haben. Außer den wenigen, die länger darüber nachgedacht haben und das für Quatsch halten. Aber selbst Leute, die relativ viel darüber nachdenken und meinen, sie hätten einen bewussten Umgang mit diesen Dingen, fallen auf einer ganz unbewussten, habituellen Ebene oft in die Falle, dass sie sich trotzdem anders verhalten, als sie es eigentlich möchten. Daran merkt man, dass da eine Tiefenstruktur am Werk ist, ein Unbewusstes der Kultur, das ganz schwer zu bekämpfen ist.

Weitere Informationen
Titelbild Mini-Serie "Frauen bewegen die Welt" © NDR Fernsehen

Weltfrauentag: Diese Frauen bewegen die Welt

Mutige Frauen haben unsere Welt vorangetrieben und unser Leben geprägt. Das NDR Fernsehen stellt einige von ihnen in einer mehrteiligen Serie zum Weltfrauentag vor. mehr

Können Sie da ein konkretes Beispiel nennen?

Newmark: Ein Beispiel aus dem journalistischen Alltag ist: Wenn ich eine kompetente Gesprächspartnerin oder einen kompetenten Gesprächspartner für ein Thema suche, habe ich sofort immer zuerst einen alten Mann im Kopf. Wenn ich aber fünf Minuten länger drüber nachdenke, fallen mir auch drei Frauen ein, die auch schon älter sind und seit Jahrzehnten zu dem Thema forschen. Aber sie fallen mir nicht als erstes ein, weil irgendwo in mir die Idee von Kompetenz und Expertise offensichtlich immer noch unbewusst als männlich abgespeichert ist.

Liegt es auch daran, dass Frauen sich selbst diese Expertise auch nicht zutrauen?

Newmark: Natürlich gibt es so eine Art von Geschmeidigkeit, mit der sich Menschen in die Rollenerwartungen fügen, die an sie herangetragen werden. Und wenn es kein typisches weibliches Muster ist, Expertin für Sicherheitspolitik zu werden, dann werden wahrscheinlich auch weniger Frauen Expertinnen für Sicherheitspolitik. Frauen haben die ihnen zugeschriebene Inkompetenz insoweit internalisiert, dass sie nicht nur anderen Frauen weniger Expertise zuschreiben, sondern auch sich selber. Sie bewerten sich immer schlechter, als sie von außen bewertet werden. Es gibt so eine Art von Selbstzurückstufung, die schwierig zu bekämpfen ist.

Weitere Informationen
Kathrin, Caralee und Robert (von links nach rechts), Teilnehmer an einer Diskussionsrunde über Gleichstellung im Beruf © NDR Foto: Jürgen Webermann

Ein Wohnzimmergespräch über Gleichberechtigung

Eine Mutter mit vier Kindern, eine Alleinerziehende und ein Hausmann haben in lockerer Frühstücks-Atmosphäre über Chancengleichheit im Berufsleben diskutiert. mehr

Sie haben in einem Artikel für "Die Zeit" ein neues Phänomen thematisiert: Es geht um Frauen, die sich in den sozialen Netzwerken als perfekte Hausfrauen präsentieren, die mit Petticoats und toll gebackenen Kuchen Fotos posten und damit ein bisschen in die Zeit der 50er-Jahre zurückfallen. Wie sind diese Frauen zu verstehen? Sind sie rechte Antifeministinnen oder kämpfen sie für die Anerkennung der Hausfrau?

Newmark: Unter dem Überbegriff "Tradwifes" gibt es unterschiedliche Szenen: Vor allem in den USA gibt es Szenen, die zu den "White Supremacists" gehören und die klar rechtsradikal sind. Wie viele rechtsradikale Ideologien vertreten sie nicht nur ein sehr traditionelles, sondern ein reaktionäres Frauenbild. Vor allem in Großbritannien gibt es aber auch eine sich in den sozialen Netzwerken vernetzende Gruppe von Leuten, die gegen diese Doppelbelastung von von Beruf und Familie sind. Die ist ein Fakt, und damit haben die Recht. Sie sagen: "Wir wollen einfach wieder Hausfrau sein, so wie es unsere Mütter waren, und wir wollen es auch sehr schön haben." Da ist eine gewisse Fetischisierung dessen, was sie als Kinder erlebt haben, die ich komischerweise nachvollziehen kann. Wir alle haben Sehnsucht nach den guten alten Haushalten, in denen wir aufgewachsen sind, die wir so aber nicht mehr leisten können, weil wir dafür keine Zeit mehr haben. Das muss also nicht unbedingt antifeministisch oder rechtsradikal sein.

Das Interview führte Andrea Schwyzer

Weitere Informationen
Eine Frau mit wehenden schwarzen Haaren und roten Gummistiefeln steht am Meer und spielt Trompete. © photocase.de Foto: Nordreisender

Radio-Aktion für Musikerinnen am Weltfrauentag

Zum Weltfrauentag startet die europaweite Aktion "Women In Music Days", an der sich auch der NDR beteiligt. Ziel ist eine Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Musikbusiness. mehr

Die Sängerin Lena Meyer-Landrut mit mehreren Tänzerinnen auf der Bühne. © picture alliance/Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa Foto: Britta Pedersen

Warum Frauen es in der Popmusik immer noch schwer haben

Die Single-Charts werden noch immer von Männern dominiert. Frauen sind aber nicht nur seltener erfolgreich - sie haben in der Musikbranche auch mit anderen Hürden zu kämpfen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.03.2020 | 19:00 Uhr

Übersicht

Drucker bei der Arbeit © dpa

Journal

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr