Stand: 20.01.2020 17:57 Uhr  - NDR Kultur

Federico Fellini - Ein Magier des italienischen Kinos

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Federico Fellini wurde am 20. Januar 1920 in Rimini/Italien geboren.

"Der einzig wahre Realist ist der Visionär." Das fand Federico Fellini - und meinte damit natürlich sich. Der italienische Regisseur war einer der großen Meister, ein Magier des italienischen Kinos, einer der unbestritten als Visionär bezeichnet werden kann. Vor 100 Jahren wurde "il grande Maestro" geboren. Anlässlich seines Geburtstags sprechen wir mit der Journalistin und Filmwissenschaftlerin Antje Dechert über Federico Fellini. Sie hat "Stars all'italiana" geschrieben, ein Buch über den Starkult und Körperdiskurse im italienischen Kino in den Jahren 1930 bis 1965.

Frau Dechert, Fellini war einer der Mitbegründer des italienischen Neo-Realismus, entwickelte aber eine so ureigene Erzählweise und Bildsprache, dass daraus ein feststehender Begriff geworden ist: das Fellineske. Was ist das für Sie, das Fellineske? Welche Bilder, welche Szene haben Sie vor Augen?

Antje Dechert: Das Fellineske - das ist das, was jeder gleich im Kopf hat, der Fellinis Filme kennt. Dazu gehören diese übergroßen, voluminösen Frauenfiguren, generell überzeichnete Körper und Charaktere. Es ist diese ganz eigene, fantasievolle Welt, die Fellini in seinen Filmen geschaffen hat. Diese Welt war mal ein grotesker Spiegel seiner Gesellschaft und nur reine Illusion, mit der er seine Zuschauer verzaubert hat.

Fellini hatte einen ganz eigenen Erzählstil: Seine Filme sind oft episodenhaft gestaltet, die Handlungsstränge sind nie eindeutig in ihrer Botschaft und haben ein offenes Ende. "La dolce vita" ist der erste Film, wo er das ganz konsequent durchführt; das war damals revolutionär: das Verbinden realistischer Sequenzen mit traumhaften, surrealen Episoden. Eine große Rolle spielt bei Fellini immer wieder die Welt des Theaters, das Varieté, der Zirkus - eine Welt, von der Fellini selbst seit seiner Kindheit sehr fasziniert war. Er ist im faschistischen Italien großgeworden und hat selbst immer wieder gesagt, das sei die Gegenwelt, mit der er die Realität ertragen konnte. Er träumt sich selbst in diese Welt hinein und tut das auch immer wieder in seinen Filmen. Das Fellineske ist auch diese Bildsprache.

Haben Sie ein Bild, das sich bei Ihnen besonders eingebrannt hat, das Sie besonders stark mit Fellini in Verbindung bringen?

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Marcello Mastroianni zusammen mit Anita Ekberg während der Dreharbeiten von "La dolce vita".

Dechert: Da geht es mir wie vielen anderen: Das ist vor allen Dingen das Bild von Anita Ekberg, wie sie vollbusig, voluminös in diesem schwarzen Abendkleid ihre blonde Mähne schüttelt und in den Trevi-Brunnen steigt. Marcello Mastroianni hechelt ihr hinterher, will sie verführen, aber es gelingt ihm nicht. Sie ist eine unerreichbare Venus, eine Göttin inmitten dieses Trevi-Brunnens.

Vielleicht ein anderes Bild noch, auch typisch Fellini: Dieselbe Ekberg steigt in einem Kardinalskostüm, was aber im Stil der 50er-Jahre geschneidert ist, die Treppen hoch zur Kuppel des Petersdoms. Also eine geballte Weiblichkeit, die die katholische Moral sprengt. Das alles steckt in diesen Bildern.

Diese sinnlichen Frauen sind ja eine Spezialität von Fellini gewesen - denen gegenüber standen oft diese "hechelnden" Männer. Geschlechterbilder, Körper und Sexualität haben tragende Rollen in all seinen Filmen gespielt. Das sind auch Themen, mit denen Sie sich in Ihrem Buch eingehend beschäftigt haben. Wie würden Sie diese Männerdarstellungen beschreiben? Und mit welchen Blick schaut er auf die Frau?

Dechert: Fellini hat in einem Interview selbst von sich gesagt, dass er immer Frauen kreiert hat, wie sie von einem bestimmten Männertyp zu seiner Zeit gesehen wurden. Diese hypersexuellen Frauen hätte er für das "naschhafte, unreife, infantile Auge eines unterentwickelten Mannes" kreiert, und damit kritisierte er immer wieder diese offizielle, sehr rigide Sexualmoral der damaligen italienischen Gesellschaft, die vom Katholizismus sehr beeinflusst war und von der auch viele seiner männlichen Zeitgenossen sehr geprägt waren.

Sexualität, vor allem die weibliche, war öffentlich weitgehend ein Tabuthema. Das Frauenbild zerfiel für viele in zwei Extreme: die keusche, heilige, engelhafte Frau auf der einen Seite und die Prostituierte, die dämonische Frau auf der anderen Seite. Fellini kreiert diese Bilder immer wieder in seinen Filmen, lässt sie dann aber auch in sich zusammenfallen, indem er sie auch vermischt. Da funktioniert diese eindeutige Zuweisung nicht mehr. Er zeigt Männer und Frauen, die an genau diesen Idealen ihrer Zeit scheitern und nach alternativen Beziehungsformen suchen. In "La dolce vita" sieht man das zum Beispiel ganz deutlich: Da sieht man Frauen, die ihre Sexualität ganz selbstbewusst leben, und Männer, die mit diesem patriarchalischen Männlichkeitsbild überhaupt nicht zurechtkommen. Da sieht man Marcello Mastroianni als gescheiterten Klatschreporter, der gar nichts auf die Reihe kriegt - weder beruflich, noch schafft er es, eine Familie zu gründen, eine feste Beziehung zu führen. Diese gescheiterten Typen zeigt Fellini aber positiv, und damit ist das auch ein Aufruf zu anderen Lebensformen und Werten. Er ist da seinerzeit sehr voraus: Er greift vieles auf, was dann die 68er-Bewegung in Italien aufgreifen wird.

Können Sie als Fachfrau für den italienischen Film Fellinis Rolle, seine Bedeutung für das Kino in Italien oder das europäische Kino einordnen?

Dechert: Ich habe vor kurzem mit Franco Bernini, einem italienischen Regisseur und Drehbuchautor gesprochen, der an der Filmhochschule in Rom unterrichtet. Er sagte: "Fellini hat uns alle beeinflusst." Er sei auch für seine Schüler heute immer noch bewusst oder unbewusst ein Vorbild, egal welche Art von Kino sie jetzt machen wollten, ob realistisches Kino oder Fantasy." Viele bekannte Regisseure wie Roberto Benigni oder Paolo Sorrentino eifern ja mit ihren Filmen Fellini nach. Eine letzte Hommage an sein Werk war der auch in Deutschland erfolgreiche Film "La Grande Bellezza - Die große Schönheit" von Paolo Sorrentino. Fellinis Werk ist nach wie vor für viele Inspirationsquelle und als solche bisher auch unübertroffen im italienischen Kino.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Federico Fellini © picture alliance / dpa Foto: Ursula Düren

Federico Fellini - Ein Magier des italienischen Kinos

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Vor 100 Jahren wurde der italienische Regisseur Federico Fellini geboren. Ein Gespräch mit der Filmwissenschaftlerin Antje Dechert.

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NDR Kultur | Journal | 20.01.2020 | 19:00 Uhr