Stand: 15.09.2020 12:43 Uhr

Alma Hoppe: Ende der "satirischen Quarantäne"

Das Haus ist eine Hamburger Institution, hier gibt sich das Who-is-Who der deutschen Kabarettszene die Klinke in die Hand: in Alma Hoppes Lustspielhaus. Sechs Monate stand es still wie alle Bühnen der Stadt, jetzt geht es wieder los. Am 15. September ist das Ende der "satirischen Quarantäne", versprechen die Leiter des Hauses, Jan-Peter Petersen und Nils Loenicker. Mit ihrem Programm "macht-aktiv" feiern sie ihren Neustart. Peter Helling hat sich mit Petersen unterhalten.

Probenpause bei Alma Hoppe. Jan-Peter Petersen setzt sich an einen der Bistrotische - mit breitem Lächeln: "Man ist halt doch eine Rampensau, man will den Spaß haben. Wir haben gedacht, wir kennen auch von unseren Texten gar nichts mehr, müssen wir auch nicht, weil wir sowieso nur neuen Kram machen, aber wir haben gemerkt, ah, jetzt wieder Proben und Spielen! Wir haben einen Heidenspaß, es macht einfach wieder den gleich Spaß wie vorher."

Zwei lachende Männer mit verschränkten Armen posieren vor einem leeren Theatersall. Im Hintergrund ist die Bühne zu sehen. © dpa picture alliance Foto: Carsten Rehder
Das Kabarett-Duo Jan-Peter Petersen (rechts) und Nils Loenicker von Alma Hoppes Lustspielhaus

Zusammen mit seinem Kompagnon Nils Loenicker arbeitet er gerade am Eröffnungsprogramm, "macht-aktiv" heißt es. Zwei leitende Beamte müssen sich in ihrem Ministerium mit den Problemen von heute herumschlagen, Arbeit, Klimaschutz, Soziales und mit den Beschwerden besorgter Bürger. Er verspricht, es wird sich nicht nur um Corona drehen, denn: "Ich glaube, alle Corona-Witze sind im Grunde genommen schon erzählt."

Neustart ist "betriebswirtschaftlicher Unsinn"

Hinaus aus dem "Tränental der letzten Monate" geht es also wieder los in Alma Hoppes Lustspielhaus, natürlich mit eingeschränkter Platzzahl. Gerade mal 120 statt der üblichen 350 bis 400 Sitze stehen zur Verfügung. Betriebswirtschaftlich sei das absoluter Unsinn, keine der Veranstaltungen könne das Geld generieren durch die Eintrittskarten. "Was wir brauchen, um den Laden hier zu unterhalten, das geht auch nur durch die Förderung der Behörde, aber die Frage ist natürlich: Wie lange hält die Behörde das aus?", überlegt Petersen.

Auf die Bühne dürfen nur maximal zwei Personen, die Vorstellungen dauern rund 75 Minuten, Pausen gibt es nicht. Das übliche Gedrängel im Foyer - also das, was so ein Haus auch ausmacht - das müssen die Theatermacher natürlich vermeiden. Petersen ist trotzdem optimistisch: Denn die meisten der geplanten Gastspiele finden statt.

Kabarettist Jochen Malmsheimer beim Vortrag in Eckernförde. © Schleswig-Holstein Magazin
Kabarettist Jochen Malmsheimer bei einem Vortrag in Eckernförde 2017.

Etwa das von Jochen Malmsheimer oder Florian Schroeder. Auch Schroeder freut sich, dass es in Alma Hoppes Lustspielhaus wieder losgeht nach der Zwangspause. "Einem von mir heißgeliebten Theater, das - glaube ich - sogar das erste war, das mich jemals engagiert hat." Auch Chin Meyer ist dabei, er tritt im Oktober auf: "Ich freue mich scheckig, dass Alma Hoppe die Tore wieder öffnet, was für eine tolle Nachricht für Hamburg! Ich wünsch' uns allen eine tolle Saison, toi, toi, toi."

Viel Solidarität von Zuschauern erfahren

Petersen und sein Haus haben viel Solidarität in den letzten Monaten erlebt. Viele Karten mussten nicht zurückerstattet werden: Die Zuschauer haben einfach gesagt: "Hey komm, behalt' das Geld, für mich sind es nur zwei Karten, aber für euch kommt in der Summe viel zusammen", da sei ganz viel Wohlwollen da. Sein Hardcore-Publikum, sagt Petersen, glaube fest an das Überleben dieser Institution, auch wenn der Kartenverkauf noch etwas zaghaft anläuft. Kabarettist Matthias Brododwy aus Hannover findet das Signal des Neustarts ganz wichtig, denn: "Wir sind da, wir wollen die Kultur erhalten. Ohne uns ist es tatsächlich nicht nur still, Kunst ist für eine Gesellschaft wichtig, und dafür braucht's eben genau diese Kabarettbühnen wie Alma Hoppes Lustspielhaus."

Künstler unter "Entzugserscheinungen"

So mancher Künstler, der nicht mehr auf die Bühne durfte, litt sogar unter akuten Entzugserscheinungen, wie Andreas Rebers. "Ich hatte wirklich Abende, wo meine Familie in der Küche saß, ich hatte gekocht, dann bin ich rausgegangen, hab mein Kostüm angezogen, bin in die Küche gegangen und hab einen Schneebesen als Mikrofon in die Hand genommen und gesagt: 'Herzlich willkommen, es geht wieder los!'"

Für Rebers sind die Kabarettisten die wahren Seelentröster der Gesellschaft, Alma Hoppes Lustspielhaus sei einer ihrer Gebetsräume. Seine kabarettistische Eminenz Jan-Peter Petersen verspricht dem Publikum: "Wir wollen euch das Gefühl geben, hier könnt ihr einen unbeschwerten Abend haben. - Auch einfach deshalb, weil wir selber den Spaß haben wollen und einfach Geld verdienen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 15.09.2020 | 19:00 Uhr

Der Kabarettist Florian Schroeder zu Gast bei einer ARD-Talkshow © imago images / Horst Galuschka Foto: Horst Galuschka

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