Stand: 11.06.2019 19:10 Uhr

Leipzigs Kunstszene und die Angst vor der AfD

Der Maler Axel Krause, der mit politisch rechtsgerichteten Ansichten sympathisiert, war zur 26. Jahresausstellung in der Baumwollspinnerei in Leipzig geladen. Weil er aber für Haltungen der AfD eintritt, das auf Facebook auch kundtut und dem Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung angehört, haben Künstlerkollegen gegen seine Teilnahme protestiert. Der Vorstand des Vereins "Leipziger Jahresausstellung" schloss daraufhin Ende Mai Krause von der Ausstellung aus, trat zurück, und die Ausstellung wurde abgesagt. Dabei blieb es nicht - es soll doch eine Jahresausstellung geben. Und weil die Sache viel Wirbel verursacht hat und viele Fragen offen sind, war für Dienstagabend eine Podiumsdiskussion mit Axel Krause angesetzt. Ein Gespräch mit Alfred Weidinger, dem Direktor des Leipziger Museums der bildenden Künste.

Herr Weidinger, die Podiumsdiskussion wird es nun doch nicht geben. Axel Krause wollte nicht mehr mitdiskutieren, weil der von ihm gewünschte Gesprächsteilnehmer, der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, nicht an seiner Seite sein wird. Was ist da los?

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"Wenn Künstlerinnen und Künstler, für die wir uns einsetzen, Sorgen haben, dann ist das etwas, was uns nicht kaltlässt", betont Alfred Weidinger.

Alfred Weidinger: Das finde ich nicht besonders schlimm - das passiert. Das war eine Bedingung, die er nachträglich an seine Teilnahme geknüpft hat - aber es war nicht mehr möglich, Herrn Maaz zeitgerecht einzuladen. Daher ist die Podiumsdiskussion ausgefallen - was aber nicht heißt, dass wir uns nicht trotzdem darum kümmern. Wir sind gerade dabei, eine etwas längere, größere Veranstaltungsreihe ins Leben zu rufen, bei der wir uns vor allem mit dem Thema der Ängste auseinandersetzen. Diese unterschiedlichen Prozesse hier in Leipzig haben gezeigt, dass Künstlerinnen und Künstler Angst haben. Es gibt vermehrt Aussagen von neurechten Aktivisten zum Thema Kulturpolitik, und da besteht große Angst. Wir als Museum fühlen uns auch für Künstlerinnen und Künstler in dieser Region verantwortlich und wollen eine Veranstaltungsreihe mit Experten entwickeln, um herauszufinden, was diese Angst ist.

In der Lesart von Axel Krause gab es keine offizielle Einladung an Maaz, die es hätte geben müssen, um Maaz zur Teilnahme zu bewegen. Ist die Einladung bewusst unterblieben?

Weidinger: Das ist alles relativ kurzfristig entstanden. Herr Maaz hat natürlich einen vollen Terminplan, und unsere Einladung hat ihn nicht mehr zeitgerecht erreicht.

Axel Krause ist ein Vertreter der Neuen Leipziger Schule. In seinen "etwas lahmen Werken" - so hat es heute die "Süddeutsche Zeitung" formuliert -, die sich nun plötzlich aber gut verkaufen, ist seine politische Haltung nicht unbedingt zu entdecken. Wussten die Kuratoren der Jahresausstellung etwa gar nicht, wen sie sich da eingeladen hatten? Wie konnte es zu diesem Hin und Her kommen?

Weidinger: Die wussten natürlich ganz genau, wer das ist - das ist kein Geheimnis. Man wusste, dass er sich mit rechten Aktivisten trifft, mit AfD-Meinungen liebäugelt und die in sozialen Netzwerken eifrig kundtut. Das war also keine Überraschung. Als ich die Einladung zur Jahresausstellung bekommen habe, hat es mich überrascht, ihn dort unkommentiert zu sehen. Wobei ich grundsätzlich der Meinung bin, dass er sehr wohl hätte ausgestellt werden sollen.

Warum sind Sie dieser Meinung?

Weidinger: Er ist ein Vertreter der Neuen Leipziger Schule und sein Name ist in Kunstgeschichtsbüchern verankert. Er ist kein unwesentlicher Teil dieser Gruppierung und spielt diesbezüglich eine Rolle - unabhängig von der künstlerischen Qualität. Das ist etwas, was sehr wohl gezeigt werden muss. Aber die Gesellschaft fordert das auch entsprechend kontextualisiert - und das habe ich vermisst. Es ist auch nicht so, dass die Künstlerinnen und Künstler darauf gedrängt haben, sie aus der Ausstellung zu entfernen - das wurde falsch dargestellt. Es hat kein einziger Künstler verlangt, dass Axel Krause aus der Ausstellung genommen werden muss. Das war allein eine Entscheidung des Vorstands.

Wie kann das sein, wenn er zunächst eingeladen war und dann der Vorstand dieses Vereins, der wohl die Einladung mitgetragen hatte, beschließt, ihn nun doch nicht dabei haben zu wollen? Sie sind da nicht in der Erklärungspflicht, aber haben Sie eine Erklärung?

Weidinger: Herr Schade, der Vorstand dieses Vereins, hat mir geschildert, dass er sich im Nachhinein sehr intensiv mit Krauses Social-Media-Beiträgen auseinandergesetzt und sehr rasch erkannt hat, dass sie sehr AfD-gefärbt sind. Es sind sehr heftige Meinungen, die Krause da vertritt, und so hat der Vorstand beschlossen, dass sich das nicht mit den Idealen des Vereins in Verbindung bringen lässt. Und daher haben sie ihn ausgeladen.

Axel Krause hat das Eingangsstatement, dass er für die nun abgesagte Diskussion vorbereitet hatte, auf Facebook veröffentlicht. In diesem Text heißt es: "Selbstverständlich gilt das freie Wort für alle Bürger, egal ob Künstler oder nicht! Doch ob das meine Künstlerkollegen ebenso sehen, weiß ich nicht!" Hat der gesamte Verlauf, bis hin zur Absage der Podiumsdiskussion, nicht die recht gern genommene Opferrolle fast ein bisschen aufdringlich angeboten, die da jetzt offenbar auch genommen wird?

Weidinger: KIar, das ist so. Das ist so ein Phänomen, dass die Opferrolle eine große Rolle spielt. Ich sehe - und das kann man auch in seinen Texten lesen -, dass er sich ganz wohl in dieser Rolle des Opfers fühlt. Das wird natürlich auch instrumentalisiert. Dieser Situation versuchen wir mit einer sehr offenen Veranstaltungsreihe zu entgegnen. Ich glaube, dass die Angst der Künstlerinnen und Künstler ernstgenommen werden muss und mögliche Konsequenzen ablesbar sind.

Die AfD wird in Sachsen eine relativ große Rolle spielen, und Mitglieder der AfD werden dann in diversen Gremien sein. Darüber muss man sich Gedanken machen, und daraufhin zielt auch unsere Veranstaltungsreihe: Was sind dann die Konsequenzen? In welchen Gremien werden sie sitzen? Welche Entscheidungsprozesse können sie behindern - welche werden sie fördern? Das sind Dinge, die wir besprechen, weil es keinen Sinn ergibt, abzuwarten. Den Fall kann man im Vorhinein besprechen und dem einen oder anderen die Ängste nehmen. Dem einen oder anderen wird wahrscheinlich dann noch viel mehr an Angst entstehen.

Teilen Sie denn selbst diese Angst als Direktor eines Museums?

Weidinger: Im Grunde bin ich kein ängstlicher Mensch, aber wenn ich von den neurechten Akteuren höre, dass sie die freie Szene in dieser Art und Weise nicht mehr fördern und auf Theater einwirken wollen - das ist keine Entwicklung, die ich als Museumsdirektor positiv finde. Wenn Künstlerinnen und Künstler, für die wir uns einsetzen, Sorgen haben, dann ist das etwas, was uns nicht kaltlässt.

Worum also geht es nun? Geht es um die Freiheit der Kunst? Geht es um die Fähigkeit, ein Werk für sich sprechen zu lassen? Geht es um politisch angenehme Ansichten?

Weidinger: Es geht um die Freiheit der Kunst. Es geht um die Einschränkung dieser Freiheit, und das ist das, was uns offensichtlich auch bevorsteht.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Alfred Weidinger © dpa-Zentralbild Foto: Hendrik Schmidt

Leipzigs Kunstszene und die Angst vor der AfD

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Der Museumsdirektor Alfred Weidinger über den schwierigen Umgang mit Rechtspopulisten in der Kunstszene.

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NDR Kultur | Journal | 11.06.2019 | 19:00 Uhr

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