Stand: 18.02.2019 18:35 Uhr

KNV-Insolvenz: Sorge um den Buchmarkt?

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Alexander Skipis ist Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Die KNV-Gruppe hat Insolvenz angemeldet. Deutschlands größter Zwischenbuchhändler sorgt dafür, dass Bücher von den Verlagen in Läden gelangen, schnell und zuverlässig. Das ist vor allem für kleine unabhängige Buchhandlungen wichtig. 5.600 Filialen, davon 4.200 in Deutschland, 800 in Österreich und der Schweiz, werden von KNV beliefert. An die 600.000 lieferbare Titel hält der Zwischenhändler dafür auf Lager, von mehr als 5.000 Verlagen, die also auch betroffen sind, genau wie die 1.900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Traditionsbetriebs. Gründe genug für Fragen an Alexander Skipis, den Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Herr Skipis, was bedeutet die Zahlungsunfähigkeit von KNV für den Buchmarkt?

Alexander Skipis: Zunächst muss man sagen, dass KNV ein Logistiker ist. Logistiker haben große Lagerhallen, in denen sie Bücher lagern und die dann auf Abruf an die Buchhändler ausgefahren und verteilt werden. Übrigens mit einem erstklassigen, sehr schnellen Lieferdienst: Jedes Buch, das spätnachmittags bestellt wird, ist am nächsten Tag da. Wenn so jemand ausfällt durch Konkurs, bedeutet das Schwierigkeiten in der Lieferkette. In erster Linie könnte es sein, dass diese Übernachtlieferungen erst nach zwei Nächten beim Kunden ankommen. Aber so weit sind wir noch gar nicht; der Konkurs ist jetzt eingeleitet - in den nächsten drei Monaten wird das Geschäft aber fortgeführt und es dürften sich keine großen Bemerkbarkeiten in der Lieferkette machen.

Wo liegen die Ursachen für die Entwicklung, die jetzt eingetreten ist? Welche Fehler hat KNV womöglich gemacht?

Skipis: Das ist sehr schwer zu beurteilen, und darüber will ich auch nicht spekulieren. Aber ich kann eines ausschließen: Es hat nichts damit zu tun, dass etwa der Buchmarkt schwächelt. Ganz im Gegenteil, dem Buchmarkt geht es gut: Wir haben neue Käufer hinzugewonnen, der Umsatz ist gewachsen. Es ist also ein Problem, das bei KNV liegt, die die Logistik nach dem Umzug nach Erfurt offensichtlich noch nicht hundertprozentig in den Griff bekommen haben.

Für die Verlage geht es um Liquiditätsentzug. Zumal kleinere Verlage, die keine Konzernstruktur im Rücken haben, womöglich vergebens auf Geld für Ware warten, die an KNV ausgeliefert ist. Wie real ist die Gefahr für das Verlagswesen?

Skipis: Diese Gefahr ist durchaus real. Die Frage ist, wie groß diese Gefahr ist. Das können wir heute noch nicht sagen, wir wissen aber, dass alle handelnden Personen diese große Verantwortung tragen und wissen, dass sie diese Verantwortung tragen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels selbst wird natürlich alles dafür tun, dass etwaige Auswirkungen eines dann richtigen Konkurses abgefedert werden. Aber ich denke, so weit sind wir noch lange nicht. Ich gehe davon aus, dass dieses Unternehmen fortgeführt werden kann, vielleicht unter neuer Leitung, aber dennoch als weiterer Bestandteil im Buchmarkt.

Man liest im Zusammenhang mit der Berichterstattung über diesen Insolvenzantrag das Wort "Systemrelevanz", das aus der Banken- und Finanzkrise bekannt ist. "Too big to fail" - zu groß, um zu scheitern oder scheitern zu dürfen: Das treffe auch auf KNV zu. Wer soll im Zweifel die Gruppe vor dem Scheitern retten, woher sollen die nötigen Mittel fließen? Sie haben gesagt, der Börsenverein sei bereit, alles zu tun - was hieße das?

Skipis: Es geht natürlich jetzt erst mal nicht um Mittel, sondern es geht um Hilfestellungen, wie man sich verhalten kann, was man tun soll, ob man liefern sollte. Da machen wir gerade einen Leitfaden, der in einigen Stunden an unsere Mitglieder gehen wird, um ihnen dadurch zu helfen. Möglicherweise wird sich am Ende des Tages auch die Frage stellen, wie wir gerade kleinere Verlage unterstützen, die durch diesen Konkurs Geld verloren haben und selbst bedroht sind. Ich glaube, da ist die deutsche Buchbranche sehr solidarisch und wir werden eine Möglichkeit finden, da Unterstützung bieten zu können.

Werden Sie denn empfehlen, vorläufig weiterhin zu liefern? Auch denen, die vielleicht Sorge haben, Geld zu verlieren?

Skipis: Also im Moment ist garantiert, dass diese Lieferungen bezahlt werden. Insofern gibt es da keine Bedenken.

Wäre es denkbar, dass zuletzt etwa auch der Bund einstehen könnte und damit die Steuerzahlenden? Es geht ja um das Kulturgut Buch, das in Deutschland zudem durch die Buchpreisbindung besonderen Schutz genießt.

Skipis: Denkbar ist es auf jeden Fall. Wir haben immer große Unterstützung der Kulturstaatsministerin Grütters und wir sind auch in einem Gespräch mit ihr darüber. Aber ich halte es im Moment für viel zu verfrüht, zu spekulieren, ob es da auch Geld gibt. Ich weiß aber, dass die Solidarität und das Interesse des Bundes, insbesondere der Kulturstaatsministerin, an der deutschen Buchbranche extrem hoch sind. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir da eine Lösung finden werden.

Hat denn Rechtsanwalt Tobias Wahl, der bestellte vorläufige Insolvenzverwalter, den nötigen Einblick in die Branche, um dabei zu helfen, dass das Unternehmen fortgeführt werden kann?

Skipis: Das kann ich nicht beurteilen. Als Jurist weiß ich nur, dass Konkursverwalter sich sehr schnell sachkundig machen, welche Gegebenheiten vorherrschen. Deswegen glaube ich, dass das auf jeden Fall in guten Händen sein wird.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.02.2019 | 19:00 Uhr

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