Stand: 24.07.2020 19:35 Uhr  - NDR Kultur

100 Jahre bewegte Geschichte der Salzburger Festspiele

Die Salzburger Festspiele feiern in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag. Ab dem 1. August findet eine Corona-taugliche Festivalausgabe in Salzburg statt - und auch die eigentlich bereits für April geplante Landesausstellung unter dem Titel "Großes Welttheater - 100 Jahre Salzburger Festspiele". Ein Gespräch mit unserem Reporter in Salzburg Sven Ricklefs.

Herr Ricklefs, was ist das für eine Ausstellung? Was zeigt die?

Salzburg: Festspielfahnen in der Hofstallgasse mit Blick auf die Festung © picture alliance/APA/picturedesk.com Foto: Barbara Gindl

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Sven Ricklefs: Zusammen mit den Salzburger Festspielen hat das Team des Salzburg Museums eine großartige Landesausstellung inszeniert, die mit vielen Aspekten versucht, diese 100-jährige Geschichte einzufangen - mit 100 Objekten aus der Requisite, aus den Archiven und aus vielen anderen Quellen. Man hat große Künstler gebeten, sich mit eigenen, extra für diese Ausstellung entworfenen Kunstwerken in den Dialog zu begeben. Das ist wirklich großartig.

Werfen wir einen Blick in die bewegte Historie dieses Festivals. Wie haben die Salzburger Festspiele begonnen?

Ricklefs: Im Grunde ist der Festspielgedanke keiner, der nur von den als Gründerväter bekannten Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss gekommen ist. Es gab schon im 19. Jahrhundert immer wieder Anläufe, in Salzburg Festspiele zu gründen - von Salzburger Bürgern, aber auch von Wiener Intellektuellen. Auch in Verbindung mit dem Genius loci von Salzburg, Wolfgang Amadeus Mozart. Diese Anläufe sind aber immer wieder am Geld gescheitert. Es gilt eigentlich als mehr oder minder zufällig, dass es dann Max Reinhardt und den Seinen gelungen ist, diesen Gedanken Wirklichkeit werden zu lassen - noch dazu unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, in Zeiten größter Not und größten Mangels. Gleichzeitig war aber die Erfahrung des Krieges auch eine Initialzündung, die Max Reinhardt in seinen Festspielkonzept aufgenommen hat: Die Festspiele hat er als ein Friedenswerk entworfen, als das Werk einer europäischen Kultur. Das ist dann als Festspielidee 1920 in einem sehr kleinen Rahmen Wirklichkeit geworden.

Hugo von Hofmannsthals Stück "Jedermann" steht seit 100 Jahren auf dem Programm und wird jedes Jahr aufs Neue inszeniert. Warum ausgerechnet immer wieder dieses Stück?

Ricklefs: Die ersten Festspiele bestanden tatsächlich nur aus sechs Aufführungen vom "Jedermann". Gleichzeitig aber hat "Jedermann" seine Bedeutung nur zufällig erlangt. Eigentlich wollte Max Reinhardt 1920 Hugo von Hofmannsthals "Großes Welttheater" zur Uraufführung bringen - auch das ein Mysterienspiel, ähnlich dem "Jedermann". Das wurde aber nicht rechtzeitig fertig und ist erst 1922 in Salzburg uraufgeführt worden. Deswegen musste man auf "Jedermann" zurückgreifen, den Reinhardt bereits 1911 in Berlin uraufgeführt hatte. Das war damals eigentlich ein Flop.

Man hat sich damals nicht träumen lassen können, dass "Jedermann" mal diese Bedeutung für die Salzburger Festspiele bekommen würde. Aber anscheinend ist die Frage, die das Stück stellt, nämlich was passiert, wenn der Tod ins Leben tritt, eine so grundsätzliche, dass sie bis heute in ihrer Wirkung nicht nachgelassen hat.

Das Festival gilt heute als eines der renommiertesten für klassische Musik und darstellende Kunst weltweit. Setzen wir ein paar Schlaglichter auf einige Höhepunkte der vergangenen 100 Jahre - was sticht besonders hervor?

Ricklefs: Ich würde es an den großen Namen und Künstlerpersönlichkeiten festmachen, die diese Festspiele über die Jahrzehnte maßgeblich geprägt haben. Dazu gehört in der ersten Zeit und bis in die 30er-Jahre hinein Max Reinhardt. Dazu gehören aber auch nach dem sehr dunklen Kapitel der Festspiele ab 1938, also nach dem sogenannten Anschluss Österreichs und der Vertreibung vieler großer Künstlerinnen und Künstler aus Salzburg, Namen wie Oscar Fritz Schuh als Regisseur oder der Komponist Gottfried von Einem. Auch Herbert von Karajan und in seiner Nachfolge Gerard Mortier, der die Festspiele in den 90er-Jahren in eine neue Zeit geführt hat.

Wie bereitet man sich in Salzburg unter den Corona-Vorzeichen auf das Festival vor?

Ricklefs: Die Festspiele können in diesem Jahr nur stattfinden, weil sie im Umfang stark geschrumpft sind. Zugleich hat man ein striktes Hygienekonzept, was bedeutet, dass weniger als die Hälfte der Zuschauer überhaupt Zugang bekommen. Es herrscht strenge Maskenpflicht - nur am Platz nicht - und es gibt keine Pausen und keine Bewirtung.

Auf Seiten des Festivals gibt es drei "Hygiene-Gruppen": Das sind unter der Farbe Rot die Künstler, die den Kontakt nicht vermeiden können und ständig getestet werden. Es gibt auch die Gruppen Orange und Gelb, die in weiterem Abstand zu dieser Gruppe existieren können. Man will damit das Risiko einschränken, schlimmstenfalls eine Produktion oder das ganze Festival absagen zu müssen.

Das Gespräch führte Janek Wiechers.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.07.2020 | 19:00 Uhr