Stand: 21.08.2020 18:13 Uhr

100 Jahre "Jedermann": Veronica Ferres im Gespräch

Die Salzburger Festspiele und der "Jedermann" feiern in diesem Jahr ein gemeinsames rundes Jubiläum. Vor 100 Jahren eröffnete Hugo von Hofmannsthals allegorisches Lehrstück die erste Ausgabe der Festspiele, und auch 2020 durfte die Geschichte vom "Sterben eines reichen Mannes" den Startschuss in Salzburg geben. Neben der Titelrolle des "Jedermann" ist auch die Figur seiner Gefährtin, der "Buhlschaft", inzwischen zu einem schillernden Mythos geworden. Die Besetzung ruft alljährlich ein großes Medieninteresse hervor. So auch - und insbesondere - im Fall von Veronica Ferres.

Frau Ferres, ich gratuliere Ihnen und Ihrem damaligen "Jedermann", Peter Simonischek. Mögen Sie kurz erzählen, wozu ich Ihnen gratulieren darf?

Veronica Ferres © picture alliance/dpa Foto: Ursula Düren
"Ich glaube, dass dieses Stück um Liebe, Macht und Reichtum einfach zeitlos ist", sagt Veronica Ferres.

Veronica Ferres: Wir haben erfahren, dass die Österreicher uns zum besten Buhlschaft-Jedermann-Paar aller Zeiten gewählt haben. Deshalb haben wir morgen vor der Vorstellung eine gemeinsame Lesung im Museum der Moderne und werden unser Publikum überraschen.

Sie haben die Buhlschaft in den Jahren 2002 bis 2004 verkörpert. "Einen Ritterschlag" haben Sie Ihr Engagement damals genannt. Wie erinnern Sie sich heute - 16 Jahre später - an diese Zeit?

Ferres: Das war eine unglaublich tolle Gelegenheit. Christian Stückl hat eine Neuinszenierung gemacht und hat den "Jedermann" modernisiert. Und da Jürgen Flimm, der damalige Schauspieldirektor und spätere Intendant der Salzburger Festspiele, mich am Residenztheater in München in einem Stück gesehen hatte, hat er mich gefragt, ob ich Interesse daran hätte. Ich weiß noch genau: Ich war im Auto, beim Verwandtenbesuch in Stuttgart, als der Anruf von Jürgen Flimm kam, und ich bin im wahrsten Sinne des Wortes an die Decke gesprungen und habe mir den Kopf oben angestoßen, weil ich mich so sehr gefreut habe.

Das ist ein Abenteuer, eine ganz andere Herausforderung. Senta Berger, mit der ich befreundet bin, hat damals gesagt: "Veronica, geh auf ein Feld, irgendwo außerhalb von München, und sprich deinen Text. Und wenn du denkst, der Mensch am anderen Ende vom Feld hat es gehört, dann machst du es noch dreimal intensiver." Der Domplatz verlangt so viel Kraft, der schluckt so viel von der Akustik, dass das eine sehr kraftraubende Vorstellung war und eine ganz besondere Art, damit umzugehen.

Die Schauspieler Veronica Ferres als Buhlschaft und Peter Simonischek als reicher Prasser Jedermann bei der Kostümprobe einer Szene des Mysterienspiels "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal am 22.7.2003 bei den Festspielen in Salzburg © picture alliance/dpa
Veronica Ferres hat die Buhlschaft zwischen 2002 und 2004 verkörpert. Hier ist sie zusammen mit Peter Simonischek zu sehen.

Dadurch, dass es eine Neuinszenierung war und Christian Stückl mich dafür allumfassend haben wollte, hat er gesagt: "Du verkörperst für mich Sinnlichkeit und hast eine starke Verbindung zur Mutter Erde. Ich möchte, dass du barfuß spielst, dass du aus der Natur kommst." Im Sommer ist es dort sehr heiß, die Hitze staut sich auf diesem Platz vor dem Dom, und ich musste mich immer schon eine halbe Stunde vorher unter einem Heuhaufen verstecken. Das war - mit meinem Heuschnupfen - immer eine ganz besondere Herausforderung. Ich wurde dann vor meinen ersten Worten mit diesem Heuwagen an den Bühnenrand gefahren, habe das Heu weggeworfen und war plötzlich, aus der Mutter Erde, aus der Natur, für Jedermann da.

Die Buhlschaft wurde von zahlreichen Darstellerinnen sehr unterschiedlich interpretiert: Dazu zählen Senta Berger, Christiane Hörbiger, Sophie Rois, Birgit Minichmayr, Nina Hoss - in diesem Jahr ist es Caroline Peters. Was ist für Sie die Essenz dieser Rolle?

Interview
Salzburg: Festspielfahnen in der Hofstallgasse mit Blick auf die Festung © picture alliance/APA/picturedesk.com Foto: Barbara Gindl

100 Jahre bewegte Geschichte der Salzburger Festspiele

Die Salzburger Festspiele feiern in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag. Ab dem 1. August findet eine Corona-taugliche Festivalausgabe statt. Ein Gespräch mit dem Reporter Sven Ricklefs. mehr

Ferres: Der "Jedermann" ist ein Theaterstück, das jeder Mann und jede Frau kennt. Es ist ein sehr populäres Stück, denn es geht um einen reichen Mann, der nicht sterben will. Es geht um Liebe, Macht und Geld - und um die Frage, die wir uns alle stellen: Was bedeutet unsere Sterblichkeit? Was kommt nach dem Tod? Und wie wird unser individuelles Sterben irgendwann sein? Deshalb ist die Identifikation des Zuschauers damit sehr groß. Die Buhlschaft ist eigentlich sein verlängerter Arm zum Leben, zur Lebensfreude, zur Sinnlichkeit, zur Liebe. In dem Moment, wenn der Tod ihm gefährlich nahe rückt, ist das erste, was sie tut, schreiend davonrennen. Das hat aber Stückl bei mir auch verändert: Er hat sie noch etwas ausharren und nachdenken lassen und sich dann von ihm abwenden lassen. Das ist sehr populär, weil es durch die Themen, die das Stück anspricht, in jedem viel bewegt.

Wenn wir auf die aktuelle Situation, auf unsere Gesellschaft schauen - welche Relevanz hat der "Jedermann" im Hier und Jetzt?

Ferres: Die Relevanz, die das Stück heute hat, ist, sich rechtzeitig mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Natürlich hat es auch ein wenig mit Voyeurismus zu tun, zu sehen: Was macht er denn da oben? Ich sitze hier sicher behütet und beschützt im Publikum und schaue zu, wie Jedermann sich dem Tod stellen muss. Wie verhält er sich? Das hat auch etwas Kathartisches, etwas Reinigendes, wenn man dadurch reflektiert, wie man sich selbst verhalten würde. Deshalb glaube ich, dass dieses Stück um Liebe, Macht und Reichtum einfach zeitlos ist.

Das Interview führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.08.2020 | 19:00 Uhr