Stand: 22.01.2019 17:18 Uhr

Das Tempolimit und der gesunde Menschenverstand

Sollte auf Deutschlands Autobahnen bald nur noch 130 km/h schnell gefahren werden? Diese Frage beschäftigt das Land gerade wie kaum ein anderes Thema. Und auch wenn es um den Klimaschutz geht: In Zukunft nicht mehr rasen zu dürfen, gefällt vielen Autofahrern überhaupt nicht. Wobei es Ausnahmen gibt.

Eine Glosse von Detlev Gröning, NDR Info

Wo hab ich bloß meinen gesunden Menschenverstand gelassen? Ich befürchte: Der ist mir letzte Woche auf der A7 im Sog eines vorbeizischenden AMG-Mercedes mit dänischem Kennzeichen aus dem Seitenfenster geweht. Der düste mit Schallgeschwindigkeit an mir vorbei in eine unklare Melange aus Tagesbaustelle, Einfädelspur und Elefantenrennen und verlor sich im dichten Sprühregennebel hinter einer hektischen Lichtorgel aus Bremsleuchten.

Autos fahren auf der Autobahn A81 auf einem Abschnitt ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. © dpa-Bildfunk Foto: Sebastian Gollnow

"Ja" zum Tempolimit

NDR Info - Auf ein Wort -

Sollte auf Deutschlands Autobahnen bald nur noch 130 km/h schnell gefahren werden? Detlev Gröning bemüht seinen gesunden Menschenverstand und bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Nicht ungefährlich, gewiss, aber was soll er denn machen, der Däne? Sich erst eine 300-PS-Rakete zum Doppelten einer Unsumme vom Munde absparen und dann von einheimischer Verkehrspolitik ausbremsen lassen? Das schreit doch geradezu nach Auslauf im Freigehege der grenzenlosen Nachbarschaft. Da muss man Verständnis haben, und trotzdem dachte ich kurz: Tempolimit wär nicht schlecht, merkte aber sofort: Mist! Mein gesunder Menschenverstand ist weg.

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Die Debatte um das Tempolimit beschäftigt die Deutschen schon lang.

Der sagt einem - laut Verkehrsminister Scheuer -, dass alles, was Autos langsamer oder umweltverträglicher macht, unseren Wohlstand gefährdet. Und der Mann hat ja recht! Denken Sie nur an die Suppenküchen, die Schlangen vorm Sozialamt und die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten damals, als der Katalysator vorgeschrieben wurde - das waren schlimme Zeiten.

Glücklicherweise sind wir Deutschen ja seit den 1970er-Jahren an diese Diskussion gewöhnt; das Thema liegt auf einem gesicherten Mittelfeldplatz zwischen Butter oder Margarine, Waldsterben und Amalgam-Füllungen. Unsere Debatte ums Tempolimit könnte demnächst sogar ins immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen werden.

Kommentar

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An Argumenten mangelt es nicht: Stauvermeidung, Abgasminderung - manchmal steht sogar der Sicherheitsgedanke im Vordergrund, wenn man sagt: In einem Land, in dem nirgendwo mehr geraucht werden darf und der harmloseste Drops rezeptpflichtig ist, sollte man auch die Geschwindigkeit auf der Autobahn nicht dem individuellen Gutdünken anheimstellen. Das gibt nämlich sowohl dem Führerschein-Neuling als auch dem demografischen Wandel freie Fahrt. Man stelle sich vor: Prinz Phillip mit 240 auf der A1 - da fahr ich nur noch im Asbestanzug rauf.

Mit Blick auf meine alte Karre könnten Sie jetzt einwenden, mein "Ja" zum Tempolimit sei wohl in erster Linie auf Neid und Missgunst zurückzuführen. Die Wahrheit ist: Ich bin einfach bloß zu faul zum Rasen und mach mich lieber zehn Minuten früher auf den Weg. Aber wo bleibt dabei der gesunde Menschenverstand? Ich fahre wohl gleich nochmal die A7 ab - vielleicht liegt der da ja noch irgendwo.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 22.01.2019 | 18:25 Uhr