Ein großes Schiff liegt in einem Hafen. © NDR Foto: Oliver Kring

SNG-Weltpremiere: Grüner Sprit auf Schiffen?

Stand: 03.10.2021 06:00 Uhr

Der Container-Frachter "Elbblue" kann bis zu 1.036 große Container transportieren. Er wird durch einen riesigen Achtzylinder-Reihenmotor angetrieben, der sowohl mit LNG als auch mit SNG betrieben werden kann.

von Oliver Kring

Der Betrieb des Schiffes mit SNG ist nach Angaben des Herstellers, MAN Energy Solutions, der Grundstein für eine klimaneutrale Schifffahrt in naher Zukunft. Denn das neu entwickelte SNG (Synthetic Natural Gas) wird aus erneuerbarer Energie produziert.

Treibstoff mit Hilfe von Windstrom

Im Gegensatz zum Flüssigerdgas LNG (Liquified Natural Gas) wird SNG "künstlich" hergestellt. Im niedersächsischen Werlte wird der Kraftstoff von einer MAN-Tochter entwickelt: Dazu wird zunächst mit Hilfe von Windstrom Wasserstoff gewonnen. Im Anschluss wird der Wasserstoff mit Kohlenstoff angereichert, einem Reststoff, der aus einer Biogasanlage stammt. Die Anlage wird mit Gülle aus der Landwirtschaft befeuert. So entsteht das künstliche Flüssigerdgas, mit dem nun weltweit zum ersten Mal ein Frachtschiff betankt wurde.

Industrielle Produktion erforderlich

Nach den Vorstellungen des Produzenten MAN ist SNG der Schiffstreibstoff der Zukunft. Mit dem Pilotprojekt will das Unternehmen nach eigenen Angaben zeigen, dass die Technik fertig ist und funktioniert. Das unterstreicht Marcel Lodder. Er ist der verantwortliche Projekt-Ingenieur bei MAN Energy Solutions. Es sei jetzt eine Herstellungsmethode gefunden, Schiffe mit emissionsarmen Kraftstoffen weltweit zu versorgen. Allerdings ist SNG nach seinen Worten noch nicht in ausreichenden Mengen für eine Energiewende in der Schifffahrt verfügbar. Daher müssten nun die Kapazitäten massiv vergrößert werden. Er hält es für notwendig, dass nun die Politik Regeln und schaffen muss, vor allem durch große Förderprogramme.

Politik sieht Anzeichen für Null-Emission-Schifffahrt

Der Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft, Norbert Brackmann sprach in Brunsbüttel von einem wichtigen Tag für die Energiewende: Motoren, die aktuell noch fossiles LNG verbrennen, werden nach seinen Worten künftig mit klimaneutralem LNG betrieben. Und auch Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht sieht den Weg für das Null-Emission-Frachtschiff von Morgen geebnet. Er nannte die Entwicklung des SNG einen Meilenstein und sagte zu NDR Schleswig-Holstein: "Wenn es gelingt, mit dieser Technologie wirklich auf Klimaneutralität zu kommen, und dabei einen effizienten Einsatz erneuerbarer Energien zu nutzen, dann kann das ein Weg sein. Ich hoffe, dass wir nicht auf eine Brückentechnologie, sondern auf eine Zukunftstechnologie hier setzen."

Wie "grün" ist "grüner" Treibstoff?

Die Deutsche Umwelthilfe sieht das Projekt etwas kritischer. Sie freue sich zwar darüber, dass Unternehmen in Richtung neuer emissionsfreier Kraftstoffe experimentierten. Sie kritisiert nach Angaben eines Sprechers aber, dass viel zu viel Strom eingesetzt werden muss, um erst Wasserstoff und dann im nächsten Schritt synthetisches Flüssigerdgas zu gewinnen. Und mit der Verbrennung gelange wiederum klimaschädliches Methan in die Atmosphäre. Das sei noch 60 Mal klimaschädlicher als CO2, teilte der Sprecher der Umwelthilfe, Constantin Zerger, mit.

Keine bessere Alternative

Für den technischen Direktor an Bord der "Elbblue", Rainer Runde, gibt es in der Container-Schifffahrt momentan dennoch keine bessere Alternative zu klimaneutralen Treibstoffen als SNG: "Batteriespeicher haben einfach nicht genug Leistung, um ein großes Schiff anzutreiben. Das funktioniert nicht. Fossile Treibstoffe müssen ersetzt werden", sagte er. Daher empfehle sich SNG, weil es chemisch mit LNG identisch sei. Er sagt, das sich Schiffe, die bisher mit LNG fuhren, leicht umrüsten lassen. Auch die "Elbblue" wurde bislang mit LNG angetrieben. Heute ist sie auf der Jungfernfahrt in den Zielhafen nach St. Petersburg - mit 20.000 Litern SNG im Tank.

Noch nicht wirtschaftlich

Im Moment ist der Einsatz von SNG auf Container-Schiffen noch zu teuer, meint Ingenieur Rainer Runde. Marcel Lodde ist sich aber sicher: "Wenn wir es schaffen die Mengen deutlich zu erhöhen - mit einer Anschubfinanzierung durch Fördermittel, dann sowohl die Herstellung als auch eine Energiewende in der Container-Schifffahrt denkbar".


04.10.2021 10:04 Uhr

In einer vorherigen Version des Artikels hat sich eine "0" zu viel im ersten Satz eingeschlichen: Die "ElbBlue" kann nicht 10.000, sondern etwas mehr als 1.000 Container laden. Wir haben den Fehler korrigiert und danken für den Hinweis.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 29.09.2021 | 19:30 Uhr