Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek im Corona-Podcast: Jede Lockerung führt zu mehr Kontakten

Stand: 09.02.2021 17:33 Uhr

In der neuen Folge des NDR Info Podcasts Coronavirus-Update spricht Sandra Ciesek über die möglichen Folgen zu schneller Lockerungen der Corona-Maßnahmen.

von Ines Bellinger

Einen Stufenplan für den Weg aus dem Lockdown hält die Virologin gleichwohl für wichtig. "Ich finde gut, wenn man klar kommuniziert und feste Regeln hat, gerade in einer Zeit der Unsicherheit", sagte die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main zu dem immer lauter werdenden Ruf nach Öffnungsperspektiven vor dem Bund-Länder-Treffen am Mittwoch. Festgelegte Stufen würden den Menschen bei der Orientierung helfen: "Wir haben die und die Inzidenz, und das bedeutet für mich selber die und die Konsequenz." Trotz sinkender Zahlen bei den Neuinfektionen könnten nicht sofort alle Maßnahmen eingestellt werden. "Was jedem klar sein muss: dass jede Lockerung immer auch zu mehr Kontakten führt. Und dass das das Entscheidende ist für die Anzahl der Infektionen."

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Impfen, impfen, impfen (85 Min)

Lockerungen schon ab einem Sieben-Tage-Inzidenzwert von unter 100 - wie im Stufenplan von Schleswig-Holstein vorgesehen - sieht Ciesek aus virologischer Sicht daher kritisch. Und noch ein Punkt ist ihr in den Kieler Planungen aufgefallen: dass darin viel für den Privatbereich und das öffentliche Leben geregelt würde und weniger zu beruflichen Situationen und Veranstaltungen. "Was ist zum Beispiel mit Homeoffice-Pflicht, wie ist es in der Industrie oder auf Baustellen? Da gibt es meines Erachtens noch Nachholbedarf." Es ergebe wenig Sinn, wenn man sich privat nur mit fünf Leuten treffen dürfe, aber im Beruf Seminare mit 30 Leuten erlaubt würden.

Neben Inzidenz auch R-Wert berücksichtigen

Die Virologin hält es zudem nicht für zielführend, bei der Planung von Ausstiegsszenarien aus dem Lockdown nur auf die Inzidenz zu schauen. Auch den R-Wert müsse man im Blick behalten. So ist nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner am Montag erstmals seit drei Monaten bundesweit auf unter 75 gesunken. Der R-Wert lag am Sonntagabend aber immer noch bei 0,94. Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 94 weitere Menschen anstecken.

Kitas und Schulen: Feste Gruppen und Tests erhöhen Sicherheit

Der R-Wert spielt sicherlich auch bei den Überlegungen für Kitas und Schulen eine Rolle. Die Kinderbetreuung soll beim Gipfel am Mittwoch besonders im Fokus stehen. Der Plan aus Sachsen, Kinder in getrennten Gruppen zu betreuen und zu unterrichten und zusätzlich freiwillige Corona-Schnelltests anzubieten, würde laut Ciesek die Sicherheit erhöhen: "Wenn man wirklich feste Gruppen hat plus ein ausgeklügeltes Testsystem, kann man das wahrscheinlich länger durchhalten, dass es nicht sofort zu einem wahnsinnigen Anstieg der Zahlen kommen würde." Dass die Zahlen bei vermehrten Kontakten wieder ansteigen, hält sie für unvermeidlich.

Lockerungen trotz britischer Virusvariante?

Ob man angesichts des Auftretens der ansteckenderen britischen Virusvariante überhaupt lockern sollte, sei eine schwierige Frage, sagte Ciesek. Sie verwies auf eine Ad-hoc-Erhebung des RKI von Ende Januar. Der Bericht zeige, dass bei 5,8 Prozent der dort genauer untersuchten positiven PCR-Tests beide, für die britische B.1.1.7-Variante typischen Mutationen nachweisbar waren. Diese Untersuchungen würden nun wiederholt, um zu sehen, ob das Auftreten der Variante in Deutschland im Vergleich zum sogenannten Wildtyp genauso zunehme wie in anderen Ländern.

Ob die Großbritannien-Variante gar eine dritte Welle der Pandemie auslösen könnte, sei nicht eindeutig zu beantworten, weil man die Ausbreitungs-Dynamik virologisch noch nicht vollständig verstanden habe, so Ciesek. Allerdings würden Corona-Maßnahmen prinzipiell auch gegen die Varianten helfen. "Wenn man jetzt lockern würde und dem Virus den freien Lauf lassen würde, würde es sicher zu einer dritten Welle kommen." Das erschwere die Entscheidung über Lockerungen.

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Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

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Sputnik V verstärkt Wirkung durch Vektorwechsel

Mut machende Erkenntnisse gibt es laut Ciesek weiterhin aus der Impfstoffforschung. Zwar sind bislang nur drei Impfstoffe in der EU zugelassen, weltweit sind aber 50 Vakzin-Projekte bekannt, die sich in der klinischen Erprobung befinden. Für den von Russland entwickelten Impfstoff Sputnik V wird derzeit eine Zulassung bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA angestrebt, die Daten der Impfstudie stehen aber in der Kritik.

Sputnik V war der weltweit erste zugelassene Impfstoff gegen Sars-CoV-2 - allerdings wurde er bereits vor Abschluss der Phase-III-Studie eingesetzt. Inzwischen liegt ein im medizinischen Fachmagazin "The Lancet" veröffentlichtes Paper mit Zwischenergebnissen vor, das von einer Wirksamkeit von über 90 Prozent ausgeht. Doch die Daten weisen nach Einschätzung vieler Experten Ungenauigkeiten auf. "Es ist erforderlich, dass vor der Zulassung in der EU die Rohdaten angeschaut werden", sagte Ciesek. Das sei ohnehin Standard bei Impfstoff-Zulassungen. "Elegant" sei an diesem Impfstoff, dass er bei erster und zweiter Dosis verschiedene Vektoren (in diesem Fall die Hülle von Erkältungsviren) benutzt, um Antikörper einzuschleusen. Das erhöhe die Wahrscheinlichkeit einer wirksameren Immunantwort. Denkbar sei auch eine Kombination von Sputnik V beispielsweise mit dem Vakzin von AstraZeneca, das auf dem gleichen Prinzip beruht. Das könnte die Wirkung der Impfstoffe "boosten", also verstärken. Gespräche dazu liefen bereits.

Vakzin von Johnson & Johnson – Potenzial für Südafrika-Variante?

Der Konzern Johnson & Johnson hat in den USA bereits eine Notfallzulassung für einen Impfstoff beantragt, ein entsprechender Vorstoß bei der EMA wird erwartet. Würde dieses Vakzin zugelassen, wäre es der erste Corona-Impfstoff in den USA und der EU, der mit nur einer Dosis auskommt. Zwischenergebnisse aus der Phase-III- Studie gehen von einem 66-prozentigen Schutz vor mittleren oder schweren Covid-19-Krankheitsverläufen aus. Aus den bislang vorliegenden Daten, so Ciesek, sei zudem eine besonders gute Reaktion der T-Zellen ablesbar, die eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr spielen. Das könnte bei der südafrikanischen Virusvariante helfen, die ersten Untersuchungen zufolge imstande ist, Antikörpern auszuweichen und so die Wirkung anderer Impfstoffen abschwächt.

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Es sei eine der häufigsten Fragen, die an ihrem Institut eingingen. Die Befürchtung sei, dass sich die vom Impfstoff gebildeten Antikörper nicht nur gegen das Spike-Protein von Sars-CoV-2 richteten, sondern auch gegen ein Eiweiß, dass bei der Bildung der Plazenta und beim Verschmelzen des Spermiums mit der Eizelle eine Rolle spielt. Ciesek nennt das einen "Mythos". Es gebe weltweit keinerlei Hinweise auf einen derartigen Zusammenhang. Es ergebe biologisch auch keinen Sinn, weil sich die besagten Proteine nicht ähnelten.

Dass Schwangere und stillende Frauen bei den frühen klinischen Studien ausgeschlossen würden, sei ein normales Vorgehen, sagt sie. "Das heißt nicht, dass sie besonders gefährdet sind." Im Verlauf späterer Studien seien auch Frauen schwanger geworden, während sie daran teilnahmen. Frauen, die dennoch Zweifel plagten, sollten das mit ihrem behandelnden Arzt oder ihrer Ärztin besprechen. "Ich kann dazu nur sagen: Wenn man schwanger ist, schwanger werden will oder stillt, ist eine Infektion mit Sicherheit gefährlicher als die Impfung, weil man nicht weiß, wie der Verlauf ist."

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NDR Info | 09.02.2021 | 17:00 Uhr