Stand: 12.08.2016 00:01 Uhr  | Archiv

Jorge González: Ein Paradiesvogel im Paradies

von Stefanie Grossmann

Kann sich ein feuriger Kubaner im eher unterkühlten Hamburg wohlfühlen? Jorge González kann. Für seine stets positive Ausstrahlung braucht der Mann keine Sonne. Er ist einer, der fast immer lacht - so als ob es ihm geradezu schwerfallen würde, nicht zu lachen. Mit seiner Lebensfreude ist González so ganz anders als viele Menschen in seiner Wahlheimat.

Dennoch ist die Hansestadt für den Latino das Paradies. Seit vielen Jahren lebt der 49-Jährige in Hamburg. Hier kann sich eine schillernde Persönlichkeit wie er unauffällig unters Volk mischen, niemand diskriminiert ihn wegen seiner Homosexualität. Das war in Kuba ganz anders - dort kommt er als Jorge Alexis González Madrigal Varona Vila am 11. August 1967 auf die Welt. Im sozialistischen Karibikstaat wurden Schwule schikaniert, es herrschte der Machismo. Dort hieß es "lieber einen kriminellen, als einen homosexuellen Sohn", erzählt González in der Talkshow Tietjen und Hirschhausen.

Traum von Freiheit

Kaum vorstellbar, aber bereits mit vier Jahren entdeckt der Junge mit dem Lockenkopf seine Vorliebe fürs eigene Geschlecht - in einem Alter, wenn andere Fahrrad fahren lernen. Der kleine Jorge schlüpft lieber in die High Heels seiner Oma und posiert vor dem Spiegel. Prompt ertappt ihn der Vater, der keine Ballerina will und den Sohn zurechtweist: "Männer tun so etwas nicht." González versteckt sein zweites Ich: "Damals begann mein Doppelleben", schreibt er in seiner Biografie. Als seine Oma seine Homosexualität entdeckt, wird sie zur Vertrauensperson und sagt: "Du bist gut, wie du bist." Das bedeutet ihm viel.

Die hohen Schuhe sind irgendwie ein Sinnbild für sein Leben, denn hoch hinaus will González schon immer. Und auch vor allem raus - aus dem Sozialismus in die große Freiheit, von der er stets träumt.

Studium in Bratislava

Trotz der Liebe seiner Familie fühlt er sich wie ein Außenseiter, es fehlt ihm die Luft zum Atmen. Nachdem ihm die Tanzkompanie in Havanna verwehrt bleibt, setzt er alles daran, das Land zu verlassen. Er ackert dafür, einer der besten Schüler zu werden und setzt alles daran, einen Studienplatz in Osteuropa zu bekommen. Denn für Abiturienten des sozialistischen Fidel-Castro-Staates stehen nur die damaligen Ostblockstaaten offen. Eigentlich träumt Gonzáles von Prag, doch stattdessen landet er 1985 in Bratislava - als Student der Nuklear-Ökologie. Unter 800 Bewerbern ergattert er einen von vier Studienplätzen.

Im Visier des Geheimdiensts

Jorge Gonzalez © picture alliance/Geisler-Fotopress
Ein Modefreak mit einem Diplom als Nuklear-Ökologe in der Tasche: Jorge González ist ein Mann mit vielen Talenten.

Nebenbei jobbt er als Model. Weil er einen Werbespot für Coca-Cola macht, soll er zurück nach Kuba: "Ich war jetzt ein Abtrünniger der Revolution", so González. Kubanische Studenten durften nicht arbeiten - schon gar nicht für den Klassenfeind. Noch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verfolgt ihn der Geheimdienst in der Slowakei, doch González bittet um politisches Asyl. Er taucht ab und lebt drei Monate in verschiedenen Wohnungen bei Freunden. Als er sich wieder frei bewegen kann, beendet er 1991 sein Studium. Bis heute ist er der einzige Nuklear-Ökologe Kubas.

Gonzáles findet neue Heimat in Hamburg

Nach dem Studium lebt González zunächst in Prag, doch er sucht den Kontrast und will die "imperialistischen" Länder kennenlernen. Er bereist Europa - Italien, Spanien und auch Deutschland. Hier gefällt es ihm am besten. Er mag die Menschen und er schätzt vor allem deren Toleranz. 1994 verliebt er sich in seine zukünftige Wahlheimat Hamburg. Als eher "lauter" Zeitgenosse mag er die reservierten Hanseaten. Erst 1997 darf González mit einem Touristenvisum wieder in seine Heimat Kuba reisen. Zu dem Zeitpunkt hat er seine Eltern acht Jahre nicht mehr gesehen.

Jorge Gonzalez bei den Dreharbeiten zur ZDF-Serie "Notruf Hafenkante" auf dem Hamburger Fischmarkt im August 2012 © imago lars mountain
Bekanntes Metier auf unbekanntem Terrain: González spielt in der ZDF-Serie "Notruf Hafenkante" einen Laufsteg-Trainer.

González arbeitet in Deutschland zunächst als Laufsteg-Trainer und Stylist für Designer wie Vivienne Westwood und diverse Shows, bis er 2009 in Heidi Klums Sendung "Germany's Next Topmodel" anheuert. Von dem Zeitpunkt an kennen alle den schrillen Paradiesvogel mit den langen Haaren, der den Hüftschwung auf Plateaus wie kein Zweiter beherrscht. 2012 steigt er aus der Show aus, um sich neuen Projekten zu widmen. Seit April 2013 sitzt González in der Jury bei "Let's Dance". Rhythmus hat der Mann jedenfalls im Blut, bleibt nur zu hoffen, dass er den Kandidaten nicht die Show stiehlt. Denn einen Salsa-Tanz legt der Latino ganz lässig aufs Parkett.

Mit seinem Projekt, der "Chicas Walk Academy", erfüllt sich González einen weiteren Traum. In einer sechsteiligen Coaching-Doku lernen deutsche Frauen wie "Chicas" zu laufen. Zuletzt ist er auch als Synchronsprecher im Einsatz für den Film "Absolutely Fabulous", der im September in die deutschen Kinos kommt.

Dass sein Leben bisher sehr turbulent verlaufen ist, beschreibt Jorge González in seiner Biografie "Hola Chicas". Sie zeichnet ein Leben voller Brüche, aber auch ein Bild von einem Mann, der seine innere Freiheit, sein "Ich" in Deutschland findet.

Dieses Thema im Programm:

NDR Talk Show | 18.11.2016 | 22:00 Uhr