Stand: 03.04.2020 15:25 Uhr

"Einspielung mit Neuentdeckungen der zweiten Fassung"

Johannes-Passion
von Ensemble AElbgut und Ensemble Wunderkammer
Vorgestellt von Marcus Stäbler

"Die" Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach gibt es gar nicht. Jedenfalls nicht als endgültige Fassung. Der Komponist hat das Stück während seiner Zeit als Leipziger Thomaskantor mehrfach überarbeitet, es war für ihn eine Art "work in progress". Die Ensembles AElbgut und Wunderkammer haben nun die wenig bekannte zweite Version der Johannes Passion von 1725 aufgenommen.

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Von Bachs Johannes-Passion ist keine endgültige Fassung überliefert. Die Ensembles AElbgut und Wunderkammer haben nun die wenig bekannte zweite Version der Passion aufgenommen.
Voller Überraschungen

Zum Einstieg gleich eine Überraschung. Johann Sebastian Bach beginnt die zweite Version seiner Johannes-Passion nicht mit dem Eingangschor "Herr, unser Herrscher", wie wir es gewohnt sind, sondern mit dem Choralchor "O Mensch, bewein' dein Sünde groß", den er Jahre später noch einmal in seiner Matthäus-Passion aufgreift.

Dieser veränderte Start ist nicht der einzige gravierende Eingriff. In der zweiten Fassung der Johannes-Passion - für den Karfreitag des Jahres 1725 überarbeitet - hat Bach einiges gestrichen oder ausgetauscht und auch Passagen hinzukomponiert. Darunter die Arie "Zerschmettert mich, ihr Felsen und ihr Hügel", in der neuen Aufnahme gesungen vom Tenor Florian Sievers.

Schlanke Besetzung lässt klares Klangbild entstehen

Der Tenor Florian Sievers - ein gebürtiger Hamburger, der seine ersten musikalischen Erfahrungen bei den Chorknaben Uetersen gesammelt und dann in Lübeck und Leipzig studiert hat - ist Teil eines exquisiten Vokalensembles. Es nennt sich Aelbgut und ist solistisch besetzt, ebenso wie das kleine Barockorchester namens Wunderkammer. Insgesamt sind hier also nur sieben Sängerinnen und Sänger und zwölf Instrumentalisten versammelt. Durch die schlanke Besetzung entsteht ein äußerst klares Klangbild, die Choräle wirken wunderbar schlicht.

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Eins von vielen Beispielen für die nicht bloß sorgfältige, sondern geradezu liebevolle Textgestaltung. Jede Phrase folgt dem natürlichen Fluss der Sprache und ihren Betonungen. Vokal- und Instrumentalstimmen wachsen zu einer homogenen Einheit zusammen, indem die Interpreten sensibel aufeinander hören und miteinander musizieren. Einen Leiter oder eine Leiterin brauchen sie dafür nicht.

Intime Momente und dramatische Passagen

Die Transparenz der Aufnahme kommt nicht nur den intimen und verletzlichen Momenten zugute, sondern auch den dramatischen Passagen der Johannes-Passion. Dort, wo Johann Sebastian Bach den Volksszorn plastisch ausmalt und die Masse geifern lässt, die Jesus am Kreuz hängen sehen will. Die schneidende Chromatik der Musik tritt hier noch deutlicher zu Tage als in anderen Produktionen mit größeren Ensembles.

Gerade wegen solcher Passagen, in denen die Juden als blutrünstiger Lynchmob dargestellt sind, wird die Passionserzählung des Evangelisten Johannes und mit ihr auch die Musik von Johann Sebastian Bach oft als antisemitisch kritisiert. Dieses Unbehagen gegenüber einigen Stellen der Johannes-Passion kann auch die neue Aufnahme nicht ausräumen, das liegt am Stück selbst. Aber davon abgesehen, fesselt die Einspielung mit einer lebendigen Interpretation und den Neuentdeckungen der zweiten Fassung.

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AElbgut und Ensemble Wunderkammer: Johannes-Passion

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Johannes-Passion

Label:
Coviello Classics

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 05.04.2020 | 11:20 Uhr