Stand: 22.09.2020 14:16 Uhr

(Fast) wie immer: Die Kunstfestspiele Herrenhausen 2020

von Andrea Schwyzer

Die Kunstfestspiele Herrenhausen in Hannover finden trotz Corona statt ... einige Monate später als ursprünglich geplant. Das Programm ist dabei ziemlich üppig: Über 30 Veranstaltungen sind vor Ort zu erleben: Konzerte, Theateraufführungen und Installationen. Hinzu kommen Live-Gespräche und die "Künstlerischen Mahlzeiten" im Festivalzelt, zumindest an einigen Abenden. So zumindest der Plan.

Eszter Salamon © picture alliance Foto: Eventpress Hoensch
Die ungarische Choreographin Eszter Salamon lebt in Berlin, Paris und Brüssel.

Fast scheint es so, als wären die Kunstfestspiele Herrenhausen nicht von der aktuellen Pandemie betroffen: Das Programm ist bunt wie eh und je. Nur vereinzelt ist auf der Homepage in gelber Schrift zu lesen: "Veranstaltung verschoben" oder "verändertes Programm".

So kann etwa "Mother", aus der Monument-Serie der ungarischen Choreographin Eszter Salamon, nicht auf der Bühne gezeigt werden. Stattdessen ist eine filmische Dokumentation von der Berliner Uraufführung zu sehen.

Mit Aug und Ohr

Aber es gibt auch ganz reale Performances. Etwa die der britischen Theaterkompanie "1927". An die Wand geworfene Animationen, rankende Schattenspiele, mittendrin und in echt: Schauspielerinnen und Live-Musik. Magisch ist diese Welt zwischen Film und Theater. In "Roots", eine deutsche Erstaufführung, geht es um Volksmärchen aus aller Welt, mal skurril, mal poetisch. Eine Reise zu unseren kulturellen Wurzeln.

In "Sounds and Spaces - unseen" erleben die Konzertbesucher Klänge und Instrumente aus fernen Ländern. Eine Augenbinde zwingt sie dazu, erst einmal nur mit den Ohren zu entdecken.

Fahnen der Kunstfestspiele Herrenhausen vor dem Anzeiger-Hochhaus © imago images / imagebroker Foto: -
Die Kunstfestspiele Herrenhausen fanden erstmals 2010 statt.
Beethoven meets Brexit

Für die Produktion "Eight" wird die Augenbinde gegen die VR-Brille ausgetauscht. Aus der Dunkelheit erscheint die Gestalt einer Frau. Sie streckt der Besucherin die Hand entgegen und nimmt sie mit in ihre Vergangenheit. 15 Minuten lang ist man, umgeben von Musik, traumwandelnd unterwegs in fantastischen, fiktiven Welten - so das Versprechen.

Apropos Fiktion: Wie würde sich Ludwig van Beethoven im heutigen London fühlen? Der Film "Second Self: Beethoven Resurrection" wagt das Experiment und begleitet den Geist des Komponisten auf seinem Streifzug durch eine Stadt kurz vor dem Brexit, in einem Zustand der Selbstzerstörung. Dazu: Live-Musik, gespielt von der hannoverschen "musica assoluta". Ein Geisterwerk Beethovens, so könnte man meinen.

Shakespeare-Werke mit Tuben auf YouTube

Bereits begonnen hat das Projekt des Theaterkollektivs "Forced Entertainment": Mit Kosmetiktuben, Klorollen und Kartoffelstampfer inszenieren die Mitglieder alle 36 Werke von Shakespeare. Und zwar auf dem privaten Küchentisch - britischer Humor via YouTube:

Was gibt es noch zu sehen oder zu hören?

Es wird auch einen Kunstfestspiel-Tag geben: Mit verschiedenen Produktionen und Konzerten, die man für jeweils fünf Euro besuchen kann. Außerdem: Ein sechsstündiger Lese-Marathon, bei dem die Besucherinnen und Besucher zu Vorlesenden werden. Ein Schlagwerk-Konzert mit Johannes Fischer, der selbst Blumentöpfe zum Klingen bringt. Das Stück "Chinchilla Arschloch, waswas" des Theaterkollektivs "Rimini Protokoll": Ein Beweis dafür, dass Theater und Tourette-Syndrom bereichernd und bühnentauglich verschmelzen können. Das Mantra von Karlheinz Stockhausen. Die Streichquartette von Arnold Schönberg ... Es ist wirklich erstaunlich: Bei diesem Festival scheinen wir auf (fast) nichts verzichten zu müssen.

Weitere Informationen
Ingo Metzmacher © Picture-Alliance / Tagesspiegel Foto: Doris Spiekermann-Klaas

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 23.09.2020 | 07:20 Uhr

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