Zwei Ärzte behandeln einen Patienten, der in einem Intensivbett liegt. © NDR

Intensivstationen: Die Zahl der freien Betten in SH sinkt

Stand: 09.12.2021 05:00 Uhr

Die Zahl der freien Intensivbetten in Schleswig-Holstein geht zurück. Der Krankenstand ist hoch, es fehlt an Fachpersonal und eine Verordnung zum Personal macht den Kliniken zusätzlich zu schaffen.

von Sophia Stritzel

Schrilles Piepen, rote Warnleuchten - es geht der Alarm für Zimmer Nummer elf. Die Sauerstoffsättigung der Patientin scheint abzusacken. Doch Tom Friemel bleibt gelassen: "Da ist ein Sensor ab", sagt der gelernte Gesundheits- und Krankenpfleger und macht sich auf den Weg. Eigentlich ist das nicht sein Job. Als Teamleiter von 70 Pflegekräften der internistischen Intensivstation am Städtischen Krankenhaus in Kiel hat er genug zu tun. Läuft irgendetwas schief auf der Station, ist Tom Friemel Ansprechpartner.

Er muss Dienstpläne schreiben, auch kommen bei ihm die Krankmeldungen an - und das momentan zahlreich. "Ich habe für den Spätdienst drei Krankmeldungen - geplant waren sieben Leute." Deshalb ist er selbst eingesprungen. Wie lange er heute schon im Dienst ist, will er nicht sagen. Er und sein Team seien erschöpft: "Normalerweise hat man auch mal ein Sommerloch, eine Zeit zum Durchatmen, das hatten wir dieses Jahr wegen Corona nicht."

Kein Personal - vier Betten konnten nicht belegt werden

Der Gebäudeeingang vom Städtischen Krankenhaus Kiel.  Foto: Samir Chawki
Krankmeldungen, fehlendes Fachpersonal - viele Pflegende sind im Städtischen Krankenhaus in Kiel an der Grenze ihrer Belastbarkeit.

Roland Ventzke sitzt ein Haus weiter in einem hellen Büro. Er ist der Geschäftsführer des Städtischen Krankenhauses. Nicht nur die vielen Krankmeldungen, auch der Fachkräftemangel sei ein Problem, sagt er: "Freiwerdende Stellen sind wahnsinnig schwer oder überhaupt nicht zu besetzen und das hat uns Betten gekostet." Allein in den vergangenen zwei Wochen konnten vier Betten auf der operativen Intensivstation nicht belegt werden, weil das Personal fehlte. Und das in Zeiten hoher Corona-Zahlen. "Wir laufen auf eine maximale Auslastung zu. Wenn wir sehen, dass wir das nicht mehr bewältigen können, dann werden wir planbare Operationen einschränken", sagt Roland Ventzke.

Tagsüber maximal zwei Patienten

Wann es an Personal fehlt und wann nicht, gibt die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung vor, die im Februar in Kraft getreten ist. Tagsüber darf ein Pflegender auf einer Intensivstation maximal zwei, in der Nacht drei Patienten betreuen. Das Ziel der Verordnung: Mehr Sicherheit für die Patienten, Entlastung für das Pflegepersonal. "Bei Verstößen drohen fünf- oder sogar sechsstellige Geldstrafen", erklärt der Geschäftsführer des Städtischen Krankenhauses. "Wir bekommen zusätzlich Corona- Patienten aus dem Süden. Das heißt, dass wir unsere Intensivstationen maximal auslasten und wir die Untergrenzen nicht mehr einhalten können. Die Folge werden finanzielle Sanktionen sein. Wir kommen also unserer Versorgungsverpflichtung nach und werden dafür finanziell bestraft."

Wegen der Corona Pandemie wurde die Untergrenze im vergangenen Jahr ausgesetzt. Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) hat sich bereits an den Bund gewandt und um eine Wiederholung gebeten. Auch die Krankenhausgesellschaft fordert die Aussetzung. Der Sozialverband VdK mahnt: "Nur wenn es gar nicht anders gehen sollte, wäre dies vorübergehend denkbar. Eine weitere zusätzliche Überforderung des Pflegepersonals ist in der jetzigen Situation das Letzte, was wir noch brauchen."

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Die Zahl der freien Intensivbetten geht landesweit zurück - wenn auch nur leicht. Die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung, Fachkräftemangel und ein hoher Krankenstand - die Probleme des Städtischen Krankenhauses in Kiel lassen sich auf viele Kliniken im Land übertragen. "Das Personal auf den Intensivstationen ist an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangt", resümiert Patrick Reimund von der Krankenhausgesellschaft. Rund 730 Intensivbetten gibt es landesweit. Der Rückgang der freien Betten geht auch aus dem DIVI-Intensivregister hervor, einer Internetseite des Robert-Koch-Instituts. Waren es am 6. November noch 169 freie Betten, sank die Zahl auf 99 (Stand: 8.12.21). Definitionsunklarheiten hatte es im August und November gegeben. Laut DIVI war die Zahl der freien Betten in diesen Monaten deutlich zurückgegangen. Das entspreche jedoch nicht der Realität, so Patrick Reimund. Die Zahl der Intensivbetten sei in den vergangenen zwei Jahren recht konstant geblieben. Die Sprünge in der Statistik kämen dadurch zustande, dass beispielsweise erst im August zwischen freien Betten und Notbetten unterschieden wurde.

Freie Betten können nicht immer als freie Betten gemeldet werden

Ein Bett wird vom Krankenhaus als frei gemeldet, wenn nicht nur das Bett, sondern auch genug Pflegekräfte vorhanden sind. Sollten die Betten knapp werden, halten die Krankenhäuser zusätzlich Notbetten bereit: Räume, Geräte und Betten sind vorhanden - die Mitarbeiter jedoch nicht. Diese müssen dann von anderen Stationen abgezogen werden. "Wir setzen dann Mitarbeiter ein, die in der Pflege hochqualifiziert, im Intensivbereich aber nicht voll eingearbeitet sind. Man muss sich klarmachen, das ist dann nicht mehr die absolute Spitzenversorgung, die wir in Deutschland normalerweise kennen", sagt Roland Ventzke vom Städtischen Krankenhaus. Er hofft, dass es dazu nicht kommen wird.

Die Karte zeigt die Belegung der norddeutschen Intensivstationen. Je dunkler sie eingefärbt ist, desto höher ist der Anteil an Covid-19-Patienten. Die Karte zeigt auch, dass einige Intensivstationen auch ohne Corona-Fälle bereits ausgelastet sind.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.12.2021 | 19:30 Uhr

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