Zwei Mitarbeiter stehen in Schutzkleidung im Flur der Intensivstation des UKSH. © NDR Foto: Cassandra Arden

Wie ist die Situation auf der Covid-19-Intensivstation?

Stand: 10.05.2021 06:09 Uhr

Fast 30 Prozent der Schleswig-Holsteiner wurden inzwischen mindestens ein Mal geimpft, eine Mutante hat die ursprüngliche Version verdrängt und die Inzidenzen sinken. Wie hat all das die Arbeit auf der Intensivstation verändert?

von Cassandra Arden

Es ist erst drei Monate her, da haben wir die Covid-19 Intensivstation am UKSH in Kiel besucht. Damals endete gerade die zweite Welle - nun sieht es so aus, als würde die dritte Welle langsam abklingen. Seit Anfang Februar ist viel passiert. Steffen Ochs, Pflegeleiter auf der Covid-19-Intensivstation, geht kurz in sich und überlegt. Die Frage, was sich in den vergangenen Monaten geändert hat, ist nicht so leicht zu beantworten, nur eins ist für ihn sicher: "Natürlich, wenn die alten Menschen nicht geimpft worden wären, dann hätten wir jetzt hier mehr Betten mit Covid-19-Patienten belegt."

Aktuell sind fünf Patienten auf der Covid-Intensivstation am UKSH in Kiel. Hinzukommen acht, die auf der normalen Station liegen. In der ersten und zweiten Welle sei die Station durchaus mal voll gewesen, erinnert sich Arzt Rafael Rangel. "Da hatten wir alle elf Betten hier belegt." Aber unter dem Strich sei Schleswig-Holstein immer noch relativ gut durch die Pandemie gekommen.

Arzt im UKSH Rafael Rangel © NDR Foto: Cassandra Arden
Rafael Rangel ist Arzt auf der Intensivstation des UKSH Kiel.
Ohne Covid-19-Patienten wären die Intensivbetten nicht leer

Arzt Rafael Rangel holt etwas aus und sagt: "Im Moment haben wir tendenziell etwas weniger Covid-Patienten, aber trotzdem sind es ja immer noch viele, die wir versorgen müssen." Wenn - wie jetzt - fünf Patienten versorgt werden müssen, dann wären diese Betten ja sonst nicht einfach frei. Pflegeleiter Steffen Ochs macht deutlich: "Es wären sonst andere Patienten da. Wir haben natürlich auch hier im Haus intern Patienten verschoben, wegen der Covid-19-Patienten. Auch das OP-Programm wird angepasst, das heißt reduziert."

Welche Operation ist lebensnotwendig und welche nicht? Seit Beginn der Pandemie ist das eine Frage, die immer gestellt und beantwortet werden muss, sagt Steffen Ochs ganz klar. "Zum Beispiel bei einem Darmkrebspatienten kommt die Frage: Kann man die Operation um einige Wochen verschieben oder nicht?" Verschieben, das passiere seit mehr als einem Jahr: "Es ist eine Frage von Kapazität, wenn sie kein Intensivbett für schwere Operationen haben, dann können sie die nicht durchführen."

Mutation hat auf Station wenig geändert

Durchschnittlich hat die Intensivstation von Steffen Ochs eine Auslastung von 90 bis über 100 Prozent. Insofern seien die Kapazitäten schon voll ausgeschöpft. Jeder Covid-19 Patient reize die Kapazitätsgrenze weiter aus, sagt Ochs. Rafael Rangel ergänzt: "Die Covid-Patienten sind auch aufwendiger zu versorgen. Wenn die Patienten beatmet werden, erfordert das sehr viel Aufmerksamkeit seitens der Pflegenden und der Ärzte. Wir müssen oft ins Zimmer." Das sei bei Nicht-Covid-19-Patienten, die schwer krank sind, oft anders. Immerhin: Die ansteckende Mutation B.1.1.7. hat wenig geändert auf der Station: "Der Krankheitsverlauf ist nicht anders." Und auch die Hygienestandards waren für das Personal auf der Intensivstation schon so hoch, dass auch daran wegen der Mutante nichts geändert werden musste.

Pflegeleiter auf der Intensivstation im UKSH Steffen Ochs © NDR Foto: Cassandra Arden
Der Pflegeleiter auf der Intensivstation im UKSH Steffen Ochs.
Alle Hoffnungen liegen auf der Impfung

Steffen Ochs ist erleichtert, er persönlich gehe etwas leichteren Herzens zur Arbeit, seit er und die meisten Kollegen zweifach geimpft sind. "Die Anspannung und Sorge vielleicht doch Covid-19 mit nach Hause zu bringen, ist weniger geworden." Und trotzdem: Alle Hygienemaßnahmen müssen weiter strikt eingehalten werden. "Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob wir nicht doch was übertragen können." Aber das Risiko sinkt und die Hoffnung, dass das Impfen alles ändern könnte, steigt. Deswegen wünscht sich Arzt Rafael Rangel, "dass es noch schneller voran geht." Aber es ist ein Thema voller Widersprüche und so dämpft der Arzt die Hoffnung auf leere Covid-Intensivstationen gleich wieder: "Ich glaube, Patienten, die schwer an Covid erkranken, wird es noch lange geben. Selbst wenn wir weniger Infektionen haben, es werden immer einige wenige schwere Verläufe haben."

Noch immer gibt es kein sicheres Rezept, Covid-19 zu heilen

Frustrierend ist für Arzt und Pfleger, dass die Krankheit eigentlich noch nicht geknackt ist. Steffen Ochs sagt: "Klar wir wissen, dass wir Blutverdünner und Cortison geben müssen. Was wir vermeiden können, sind Embolien oder Infarkte, die wir am Anfang der Pandemie oft hatten. Das haben wir im Griff." Aber das Rätsel Covid-19 ist nicht gelöst: "Wir haben noch keine Maßnahmen, wo wir sagen: das hilft jetzt, das bringt uns richtig voran." 

Das Licht am Ende des Tunnels, es ist und bleibt: weiter impfen. Rafael Rangel überlegt kurz und meint: "Ich würde mich freuen, wenn wir keine Corona-Patienten mehr hätten, wenn wir uns das Anziehen der ganzen Schutzmaßnahmen sparen könnten, dieses Schwitzen darunter, dann würde ich aufatmen. Ich glaube aber, dass wir uns an den Gedanken gewöhnen müssen, dass wir noch lange Corona-Patienten versorgen müssen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 10.05.2021 | 08:00 Uhr

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