Von Metall zu Stoff: FFP2-Masken made in Schleswig-Holstein

Stand: 02.01.2021 14:32 Uhr

Die Neustädter Firma F&F steigt zu Beginn der Corona-Krise in die Maskenproduktion ein. Dafür entwickeln und bauen die Metallbauer die Maschinen selbst und merken schnell: Das wird größer als gedacht.

von Naïs Marie Baier

März 2020: Der Maskennachschub aus China bleibt aus, in Norddeutschland fehlen richtige Schutzmasken an allen Ecken und Enden. In Neustadt in Holstein einsteht eine Idee: Die Firma F&F, spezialisiert auf Metallverarbeitung und Lasertechnik, will in die Maskenproduktion einsteigen. Eine große Marktlücke, aber auch komplettes Neuland für Geschäftsführer Jens Sager und seine Kollegen: "Wir mussten uns da erst mal reinfuchsen, wie so eine Maske aufgebaut ist und welche Voraussetzungen sie erfüllen muss, um als FFP2-Maske zertifiziert zu werden."

Ein Entwickler-Team konzipiert und baut die Maschinen für die Maskenproduktion. Ihre Expertise im Metallbau kommt ihnen hier zugute: Aus Metall stellen sie zwei ineinanderpassende Maskenformen her. Dazwischen werden mit Druck und Hitze mehrere Stoffschichten zu einer Maske gepresst. So halten die Metallbauer einen Prototyp ihrer Maske nach kurzer Zeit in den Händen.

Zu wenig Produktionsfläche, zu wenig Material, zu wenige Leute

Doch damit in Neustadt der Startschuss für die FFP2-Maskenproduktion fallen kann, braucht die Firma noch die offizielle Zertifizierung der EU. Die hat aufgrund des Maskenmangels in der Pandemie das Verfahren zwar beschleunigt, aber die Neustädter warten dennoch wochenlang auf Rückmeldung aus Brüssel.

In der Zwischenzeit sprechen sich die Pläne der Metallbauer schnell herum. Die Anfragen prasseln nur so auf die Firma herein. Mit ihrem ursprünglichen Plan, kleiner anzufangen und die Produktion langsam zu steigern, können sie der Nachfrage nicht gerecht werden. Ihnen fehlen Produktionsfläche, Material und Mitarbeiter - sie müssen investieren.

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Neuer Standort in Grube

Im Juli 2020 eröffnet die Firma in Grube (Kreis Ostholstein) ihren neuen Standort. Eine komplette Halle nur für die Maskenproduktion. Rund fünf Millionen Euro haben die Neustädter hierfür investiert: Unter anderem in neue Maschinen, die Dutzende Masken gleichzeitig pressen oder mit dem Laser zurechtschneiden. "Wir haben eine sehr hohe Produktionstiefe, auch weil es nicht anders ging: Zwischenzeitlich konnte man nirgendwo mehr Gummibänder bekommen. Also weben wir die jetzt eben auch selbst", erklärt Jens Sager. Die Maschine zum Weben der Gummibänder müssen sie ausnahmsweise dazu kaufen. Mit ihrer grünen Farbe fällt sie deswegen ziemlich auf zwischen den eigenen weißen F&F-Maschinen in der Halle.

Produktion in drei Schichten mit internationalem Team

Als Nächstes geht es in der Firma um das Personal. Die bisherigen Mitarbeiter werden weiterhin bei der Metallverarbeitung im Stammbetrieb in Neustadt gebraucht, für den neuen Standort Grube brauchen sie neue Leute. 35 neue Mitarbeiter stellt die Firma im Sommer ein und verdoppelt sich somit fast. Das neue Team in Grube ist international: Die neuen Angestellten kommen unter anderem aus Vietnam, Russland, Irak und Syrien. Für Ibrahim Khallo ist die neue Arbeit mitten in der Krise gleichzeitig auch sein erster fester Job in Deutschland.

2015 floh der gelernte Schneider aus Syrien, lernte Deutsch und hielt sich dann mit Nebenjobs in der Gastronomie über Wasser. "Am Anfang der Corona-Krise habe ich Masken aus Kleidung bei mir im Keller genäht und Bilder davon auf Facebook gepostet", erzählt Khallo. "Und dann kam das Jobcenter auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich mich nicht bei dieser Firma in Grube bewerben möchte, die auch Masken herstellen. Da habe ich gesagt: 'Ja gerne!', habe einen Termin gemacht und ich habe es geschafft." Beworben hatte er sich als Hilfsarbeiter, doch als die Geschäftsführer von F&F im Gespräch merken, dass Khallo in Syrien in einer Jeans-Firma gearbeitet hat und mit Produktionsabläufen vertraut ist, stellen sie ihn als Schichtleiter ein.

Keine Kurzarbeit dank Maskenproduktion

Im Dezember 2020 wird in Neustadt mittlerweile im Dreischicht-Betrieb gearbeitet. So werden 500.000 FFP2-Masken im Monat produziert. Die Masken aus Grube gehen an Großkunden in ganz Norddeutschland. Die meisten davon gehören zum öffentlichen Gesundheitswesen. Nach Startschwierigkeiten und unvorhersehbaren Herausforderungen läuft die Maskenproduktion in Ostholstein und Geschäftsführer Jens Sager ist zufrieden mit den Entwicklungen seiner Firma im Krisenjahr 2020. "Für uns war das genau das Richtige, in die Maskenproduktion einzusteigen, weil auch unsere Stammfirma mit der industriellen Stahlverarbeitung unter Corona leidet. Es ist für die Mitarbeiter natürlich auch toll, dass da keine Kurzarbeit oder Entlassungen anstehen."

Auch nach der Corona-Krise will F&F im Maskengeschäft bleiben. Für 2021 plant sie, ihr Sortiment noch weiter auszubauen und langfristig Masken made in Schleswig-Holstein anzubieten.

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Schleswig-Holstein Magazin | 02.01.2021 | 19:30 Uhr

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