Tabuthema: Psychische Probleme bei der Feuerwehr

Stand: 14.01.2021 20:25 Uhr

Nach Bränden oder tödlichen Unfällen kommen Rettungskräfte zur Hilfe. Wen oder was sie dort vorfinden, wissen sie nicht. Belastende Einsätze gehen auch an Einsatzkräften der Feuerwehr nicht spurlos vorbei.

Der Pieper geht los, Rettungsassistent Hannes Weber eilt zum Einsatz. Mit dem Rettungswagen geht es abends in der Umgebung zu einem kleinen Mädchen. Sie ist krank und in großer Gefahr. Als Rettungsassistent weiß Hannes Weber genau, was zu tun ist, er versorgt die Kleine. Anschließend wird sie ins Krankenhaus gebracht. Sie ist stabil. Für Weber ein bleibendes Erlebnis, denn er hat eine Tochter im gleichen Alter. Nach einem langen, einsatzreichen Tag passiert dann das: "Ich war zu Hause und meine Frau sagte, dass wir keinen Zucker mehr haben. Und ich hasse Kaffee ohne Zucker. Dann bin ich in den Supermarkt um die Ecke gegangen, hielt den Zucker in der Hand und war komplett starr, da liefen nur noch die Tränen und ich wusste in dem Moment gar nicht, was los ist." Mit seiner Frau versucht er das Erlebte zu verarbeiten. Auch anderen Kameraden passieren solche Dinge, darüber zu sprechen sei wichtig, betont Weber.

Instagram-Kanal soll aufklären

Hannes Weber und sein Kollege Ingo Paul sind bei der Freiwilligen Feuerwehr Ratzeburg und haben vor einem Jahr den Instagramaccount bulli_talk gegründet. Der heißt so, weil Weber vor einem Jahr mit einem Bulli zu verschiedenen Wehren gefahren ist und dort Interviews geführt hat. Den Bulli gibt es heute nicht mehr, aber der Name ist geblieben. Sie wollen mit dem Kanal vor allem junge Leute erreichen und für den Beruf und das Ehrenamt der Feuerwehr werben. Neben Einblicken in den Alltag eines Feuerwehrmanns werden auch solche Themen behandelt: "Gaffer an der Unfallstelle" oder "Wie erkenne ich einen Schlaganfall und was muss ich tun?" Die letzten Postings drehten sich um das Thema "Belastende Einsätze und wie gehe ich damit um". Darauf gab es tolle Rückmeldungen, freut sich der 33-jährige Ratzeburger. Denn nach belastenden Einsätzen nehmen viele Kameraden den Dienst der Seelsorger oder Psychiater nicht wahr. Ein Fehler, sagt Weber.

Reden ist das A und O

Hannes Weber findet nach belastenden Einsätzen Rückhalt in der Familie und spricht mit seiner Frau. Diese und weitere Tipps gibt er auf der Instagramseite. "Wir wollen da quasi als Vorbild fungieren und zeigen: Du musst das nicht in dich hineinfressen, das ist der falsche Weg. Der richtige Weg ist offen und transparent damit umzugehen und darüber zu reden. Egal, ob mit Kameraden und Kollegen oder professioneller Hilfe, wie Seelsorgern oder Psychiatern. Doch das trauen sich viele nicht." Bei der Freiwilligen Feuerwehr Ratzeburg zum Beispiel gibt es den Seelsorger Jürgen Hensel. Seit 2014 kümmert er sich um Kameraden und Einsatzkräfte und steht ihnen jederzeit zur Verfügung. Auch in anderen Feuerwehren im Land gibt es professionelle Hilfe. Die Berufsfeuerwehr Flensburg zum Beispiel hat eine eigens ausgebildete Sondereinsatzgruppe, die speziell geschult ist und sich um Einsatzkräfte kümmert, die über belastende Ereignisse reden wollen und Hilfe suchen. Der Kreisfeuerwehrverband Segeberg stellt Feuerwehrleuten und Angehörigen das sogenannte PSNV-Team an die Seite. Sie kümmern sich um die psychisch soziale Notfallversorgung.

Viel Zuspruch zum Thema belastende Einsätze

Hannes Weber und Ingo Paul können zwar keine Seelsorger und Psychologen ersetzen, aber sie geben mit ihrem Instagram-Kanal Anreize und Beispiele, was gemacht werden kann, um das Erlebte nicht in sich hineinzufressen. Positives Feedback gab es bereits aus den Niederlanden, Österreich und der Schweiz, immer mit der Rückmeldung, dass es toll sei, dass auf dieses Thema aufmerksam gemacht wird. Ingo Paul muss nämlich auch immer wieder an ein Ereignis zurückdenken. "Mein einschlägigstes Erlebnis, das ich wahrscheinlich nie vergessen werde, ist vom Mittwoch, den 3. Juni 1998, das Zugunglück von Eschede. Ich war noch ziemlich jung in meinem Beruf und war zu der Zeit beim Roten Kreuz in einer Rettungswache in der Nähe von Eschede stationiert. Damit gehörten wir quasi zu den ersten Fahrzeugen, die an dieser schlimmen Unfallstelle waren. Zu dieser Zeit gab es noch keine Konzepte, wie man so eine große Stelle überhaupt bearbeitet. Es gab auch hinterher keine wirkliche Seelsorge." Weil es damals so viele Kameraden betroffen hat, wurden Gruppengespräche angeboten, um das Erlebte aufzuarbeiten. Für Ingo Paul war das eine große Hilfe, um mit den Bildern klar zu kommen. Heutzutage findet die Seelsorge im Einzelgespräch statt - natürlich herrscht dort Schweigepflicht.

Einsatzvorsorge und Einsatznachsorge

Mittlerweile gehört der Umgang mit belastenden Einsätzen auch in die Ausbildung der Wehren und das sei auch wichtig, meint Hannes Weber. "Egal ob jetzt Haupt- oder Ehrenamt, im Bereich der Ausbildung ist auch die Vorsensibilisierung wichtig. Das heißt, die Thematik wird im Ausbildungsbetrieb schon aufgegriffen und man versucht offen und transparent mit diesem Thema umzugehen. Das heißt, nicht nur die Einsatznachsorge ist wichtig, sondern auch die Einsatzvorsorge."

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 14.01.2021 | 19:30 Uhr

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