Psychiatrie in der Nachkriegszeit: "Wir konnten nicht anders"

Stand: 30.06.2021 19:21 Uhr

Seit fünf Jahren berichtet der NDR Schleswig-Holstein über die schlechten Bedingungen in Psychiatrien seit den 1950ern - und über Medikamentenversuche. Dabei kamen Betroffene zu Wort, Forscher und Politiker, die von Unrecht sprechen. Nun hat sich eine Zeitzeugin gemeldet, die eine andere Sicht hat.

von Julia Schumacher und Christian Schepsmeier

Es ist ein einziger kurzer Satz, der nach einem langen Gespräch stehen bleibt. Er fasst Irmgard Pade-Schmidts andere Sicht, ihr Erleben zusammen: "Wir konnten gar nicht anders." Pade-Schmidt ist inzwischen 87 Jahre alt, war Oberschwester in den Ricklinger Anstalten. Sie meint damit die schlechten Bedingungen Anfang der 1950er-Jahre in der Psychiatrie - Mangel, Platznot und die Art und Weise, wie sie die Patienten damals versorgt haben: "Wir haben sie als Kranke betrachtet und wollten ihnen helfen." Ein Widerspruch?

Medikamentenversuche auch in Rickling

Frau Pade-Schmidt im Portrait. © NDR Foto: NDR
Irmgard Pade-Schmidt war Oberschwester in den Ricklinger Anstalten.

Damals wie heute sind die Ricklinger Anstalten eine Einrichtung für psychisch Kranke in kirchlicher Trägerschaft. Heute sogar die größte Klinik dieser Art in Schleswig-Holstein. In Rickling wurden in den 1960er-Jahren an Patienten neuartige Psychopharmaka erprobt. Auch dort wurden die Patienten mit Zwang und auf eine menschenunwürdige Weise behandelt, belegen Wissenschaftler der Uni Lübeck in einer Studie. Professor Cornelius Borck und seine Kollegen sprechen deshalb von Unrecht, das damals in Rickling geschehen ist.

Ehemaliger Oberschwester ärgert sich über Studie

Nach der Berichterstattung über Gewalt, die Medikamentenversuche und das Unrecht in den Ricklinger Anstalten hatte Irmgard Pade-Schmidt das Bedürfnis, sich beim NDR zu melden. Sie hatte sich über das Fazit der Wissenschaftler geärgert:

"Dass diesen Ärzten in den Ricklinger Anstalten, die damals wirklich viel gearbeitet haben und sich nicht mehr verteidigen können, dass denen gesagt wird: Sie haben nicht therapiert, sondern wollten nur Ruhe auf Stationen haben - das fand ich schlimm." Irmgard Pade-Schmidt

Um ihre Sicht auf die Zeit zu erzählen, hat sie entschieden, ein Interview zu geben. Schon als Mädchen hatte sie über die Kirche eine Verbindung zur Einrichtung im Dorf, damals wie heute in kirchlicher Trägerschaft. Deshalb hat sie mit 19 entschieden, dort anzufangen.

"Wir hatten den Auftrag, sie zu bewachen"

"Viele waren schizophren, hatten ihre Schübe und wenn sie so ihre Stimmen hörten und sich darüber aufregten, weil das alles was Böses war, was im Kopf herumschwirrte, dann kam es zu Erregungszuständen," erzählt Pade-Schmidt aus ihrer Erinnerung an die 50er-Jahre - einer Zeit, in der angelernten Hilfspflegern übervolle Schlafsäle mit Schwerkranken gegenüberstanden. "Wir hatten den Auftrag, sie zu bewachen, dass sie nicht sich selbst und andere verletzten. Das war im Grunde genommen ein bisschen unerträglich. Aber es war gegeben, wir haben es so hingenommen."

Ricklinger Anstalten früher: Wenig Geld, wenig Platz

Die Bedingungen in Rickling werden in Dokumenten aus der Zeit als besonders schwierig beschrieben: In dem Teil der Ricklinger Anstalten, der auch heute noch Lindenhof heißt, betrieb während des Krieges die Hansestadt Hamburg ein Ausweichkrankenhaus. 1950 vereinbarten Hamburg und die Innere Mission in Schleswig-Holstein, dass das Ausweichkrankenhaus zurück an den kirchlichen Träger geht, als Anstalt für psychisch Kranke. Die Gegenleistung: Der Großteil der Patienten muss aus Hamburg aufgenommen werden, für sehr wenig Geld.

Sechs Ärzte auf 1.000 Patienten, die in Baracken leben

Drei Krankenschwestern unterhalten sich, davon schaut eine in die Kamera. ©  Landesverein für Innere Mission in Schleswig-Holstein
Irmgard Pade-Schmidt beginnt im Alter von 19 Jahren für die Ricklinger Anstalten zu arbeiten.

Die damals 19 Jahre alte Irmgard Pade-Schmidt bewarb sich kurze Zeit später für den kirchlichen Dienst. Sie zeigt Fotos aus der Zeit: Eine dunkelhaarige Frau mit festem Blick und fein gezeichneten Zügen. Sie sieht aus, als ob sie sich durchsetzen kann. Als sie hier anfängt, kommen sechs Ärzte auf etwa 1.000 Patienten, die überwiegend in Baracken untergebracht sind.

Psychiatrie in Rickling: Erst bei Überbelegung wirtschaftlich

Das Forscherteam aus Lübeck um Medizinhistoriker Cornelius Borck, das Anfang des Jahres einen Forschungsbericht zu dem Thema veröffentlicht hat, hat aus verschiedenen Archiven Material zu den Ricklinger Anstalten zusammengetragen. Es zeugt von einer Zeit des Mangels. Eine schriftliche Amtsarztprüfung nennt den Pflegesatz in den 50ern "fast unglaubhaft niedrig". Und:

1953 schreibt die Landesregierung, dass die Einrichtung "in untragbarer Weise 20 bis 30 Prozent überbelegt" war. Doch bei den niedrigen Pflegesätzen sei die Einrichtung erst bei "starker Überbelegung wirtschaftlich". Studie zur Praxis der Medikamentenversuche in SH

Irmgard Pade-Schmidt erinnert sich: "Es war wirklich eng. Aber man hat uns gesagt, es ist nicht mehr Raum vorhanden. Wir haben ja auch keine andere Möglichkeit gesehen. Es kamen immer nur neue Anfragen, dass neue Leute untergebracht werden mussten, aber nie, dass jemand mal woanders hinkam. Sowie irgendwo ein Bett frei wurde, gab es wieder neue Patienten aus Hamburg."

Kein Geld - und kostenlose Packungen mit Medikamenten

Der Chefarzt schreibt 1963, dass "dauernd medikamentös behandelt werden" muss, um den Anstaltsbetrieb überhaupt aufrecht erhalten zu können. Dafür - das belegt der Bericht der Lübecker Forscher - gab es von den Pharmafirmen kostenlose Packungen mit einer Weltneuheit: Psychopharmaka. Die wurden auch in Rickling an Patienten erprobt, teilweise mit schweren Nebenwirkungen - ohne nachweisbares Einverständnis.

Medikamente statt Fesseln - "Würden Sie das nicht ausprobieren?"

Ein Wendepunkt, denn bis dahin waren die Mittel von Irmgard Pade-Schmidt Fesseln und Schlafmittel: "Wenn die Patienten erregt waren, dann mussten wir sie fixieren, weil das nicht ging, dass das sofort wieder vorbei war, sondern sie schlugen um sich." Das Fixieren passierte in der ersten Zeit mit großen, breiten Binden, mit denen sie ans Bett gewickelt wurden, erinnert sie sich. Wenn die Patienten sich nicht beruhigten, bekamen sie eine Spritze mit Schlafmittel.

"Und stellen Sie sich vor: Es kommt ein neues Medikament auf den Markt, das die Symptome wegnehmen soll. Würden Sie das nicht auch ausprobieren?", fragt sie. Ob die Medikamente erlaubt waren oder nicht, darüber wisse sie nichts, auch nicht darüber, ob das Versuche waren. "Aber die Medikamente kamen. Von da an begann ein Wandel in der Psychiatrie."

Medikamente sorgen für Begeisterung unter den Pflegern

Ein altes Foto von einer Krankenschwester und Patientinnen auf einem Ausflugsdampfer. © NDR Foto: NDR
Ausflüge mit Patienten wurden durch Medikamente möglich, sagt Pade-Schmidt.

Dieser Wandel ist in ihren Erzählungen Dreh- und Angelpunkt. Sie spricht von einer Zeit vor und einer mit den Medikamenten: "Es tauchte eine Begeisterung unter dem Pflegepersonal auf, weil sie nicht mehr nur Wärter waren, sondern auch etwas mit den Patienten machen konnten."

Mit den neuen Medikamenten waren irgendwann sogar Ausflüge mit Patienten möglich, erzählt sie - wie eine Hafenrundfahrt in Hamburg. Statt Blechnäpfen gab es Porzellangeschirr, statt gestreifter Anstaltskleidung durften die Patienten selbst etwas aussuchen.

Herr Prof. Borck im Portrait. © NDR Foto: NDR
Wissenschaftler Cornelius Borck fragt sich, ob die Medikamente grundlegende Reformen verzögert haben.

Doch gerade in dem, was Pade-Schmidt als Verbesserung beschreibt, sieht Medizinhistoriker Borck eine Schwierigkeit: "Wir müssen eine Diskussion darüber führen, ob dieses spezielle Wirkungsprofil der Psychopharmaka auch dazu beigetragen hat, notwendige Reformen in der Psychiatrie zu verzögern. Denn genau der beschriebene Nutzen habe auch den Effekt, dass der Druck, mehr Personal einzustellen, der Druck endlich bauliche Veränderung durchzuführen, nicht mehr so stark war."

Psychiatrien in SH waren besonders spät dran

In Psychiatrien in Schleswig-Holstein kam es besonders spät zu Reformen, so Borck. Dass die Bedingungen schwierig waren, darin widersprechen sich Zeitzeugin und Forscher nicht. Aber in der Bewertung, ob es Unrecht war. "Dass das vielleicht ein Außenstehender als schlimm empfindet und als Unrecht, das ist möglich, ja", sagt Pade-Schmidt. Und dann fällt der Satz, der von dem Gespräch am längsten nachwirken wird.

"Wir konnten gar nicht anders. Wir haben sie als Kranke betrachtet und wollten ihnen helfen." Irmgard Pade-Schmidt

Forscher Borck will genau dieser Stimme Gehör verschaffen. Er will ihre Perspektive in seine Forschung einbeziehen, um die damaligen Missstände besser zu verstehen. Und Irmgard Pade-Schmidt hat sich entschlossen, den Forschern zu erzählen, woran sie sich erinnert.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 30.06.2021 | 19:30 Uhr

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