Stand: 15.03.2018 14:45 Uhr

Plastik in Schlei: Jetzt auch in Haithabu

Helfer fischen derzeit tonnenweise geschredderte Plastikteilchen aus der Schlei. Weil der Ostwind in den vergangenen Tagen zugenommen hat und das Wasser steigt, treiben Millionen Partikel aus dem Schleswiger Klärwerk nun in neue Bereiche. Die Kreisumweltbehörde geht davon aus, dass sie jetzt verstärkt das Haddebyer Noor und damit das Umfeld der historischen Wikingersiedlung Haithabu verunreinigen. Engmaschige Netze sollten die Plastikfetzen eigentlich fernhalten, allerdings ist die Strömung dafür zu stark. Am Wochenende soll der Pegelstand in Schleswig laut der Prognose des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie auf knapp einen Meter über dem Mittelwert steigen und damit einen etwas höheren Wert als bei der Ostwindlage vor zwei Wochen erreichen.

Siebenstellige Kosten erwartet

Unterdessen bahnt sich ein Rechtsstreit an. Wer ist für die massive Umweltverschmutzung verantwortlich: die Schleswiger Stadtwerke, die das Klärwerk betreiben, oder das Recyclingunternehmen ReFood, das die Speisereste zulieferte? Der parteilose Bürgermeister Schleswigs, Arthur Christiansen, sagte bei einer Pressekonferenz am Mittwoch, er erwarte einen sehr intensiven Rechtsstreit mit ReFood. Dabei werde es vor allem darum gehen, wer die Reinigung bezahlt. "Die Kosten können siebenstellig werden", sagte der Bürgermeister.

Stadtwerke handelten "im guten Glauben"

Wegen der geltenden Verträge mit ReFood geht Christiansen optimistisch in den Rechtsstreit. Der Hintergrund: Nach Angaben der Stadtwerke übernahm Refood 2015 das Werk in Ahrenshöft (Kreis Nordfriesland) von einem anderen Unternehmen. Von dort aus belieferte das Unternehmen die Stadtwerke. Bis zur Übernahme soll es keine Probleme gegeben haben. Seitdem gilt den Stadtwerken zufolge ein neuer Vertrag. In diesem gebe es einen Passus, wonach die angelieferten Speisereste von "gewohnter Qualität" zu sein haben. Stadtwerke-Chef Wolfgang Schoofs sagte NDR 1 Welle Nord, man habe im guten Glauben gehandelt, weiterhin die vereinbarte Qualität bekommen.

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So sieht die "Plastikernte" aus: In Winningmay an der Halbinsel Reesholm lagern in einem Container die Plastikteilchen zusammen mit Treibsel.

Die Frage ist nun, ob die Stadtwerke tatsächlich annehmen konnten, dass die Lieferungen ohne Rückstände sind. Denn ReFood behauptet, die Stadtwerke hätten die angelieferte Biomasse im Verarbeitungsprozess nochmals filtrieren müssen, um die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen sicher zu stellen.

Ausmaß der Belastung wird kartiert

Wie das Plastik in die Schlei gelangte, ist unstrittig. Es kam aus dem Klärwerk Schleswig, wo Speisereste - zum Teil noch mit Verpackung - der Biomasse im Faulturm beigemischt wurden. Unklar bleibt vorerst, wie viel Plastik in die Schlei gelangte. Das solle bis Mitte April ermittelt werden, sagte der Landrat des Kreises Schleswig-Flensburg, Wolfgang Buschmann (parteilos). Die Schlei hat insgesamt rund 150 Kilometer Ufer. Darunter seien auch Bereiche, die nicht zugänglich sind, erklärte Thorsten Roos vom Umweltamt.

Vier Techniker seien seit Montag damit beschäftigt, die Umweltverschmutzung durch Plastik mithilfe eines Bootes und einer Drohne zu kartieren. Erste Ergebnisse zeigen, dass das Ufer der Schlei von Schleswig bis nach Arnis betroffen ist - und damit drei Viertel des Meeresarms.

Reinigung wird wohl Monate dauern

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Plastikteile wie dieses finden die Helfen an den Ufern der Schlei.

Ausgestattet mit Harke, Schaufel und Schubkarre suchen zurzeit rund 50 Helfer täglich nach den kleinen Plastikteilen. Die sind meist mehrere Zentimeter groß und teilweise scharfkantig. In der kommenden Woche sollen Taucher den Schleigrund absuchen. Allerdings stehen die Helfer vor einer Sisyphusarbeit, denn bei jedem Hochwasser verteilt sich das Plastik neu - und schon am kommenden Wochenende folgt das nächste Hochwasser. Es könnte den Pegelstand bei Ostwind um rund 60 Zentimeter erhöhen, so dass viele angeschwemmte Plastikteilchen wieder ins Wasser gespült werden. Doch ohnehin scheint sicher: Die Reinigungsarbeiten werden Monate dauern.

Umweltminister fordert Konsequenzen

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck fordert Konsequenzen aus dem Fall. Der Grünen-Politiker hat bereits ein Gutachten in Auftrag gegeben, das unter anderem beleuchten soll, was auf Verwaltungsebene schiefgelaufen ist. Nach bisherigen Erkenntnissen sei die Kläranlage regelmäßig von der unteren Wasserschutzbehörde kontrolliert worden, erklärte Habeck, und dabei "gab es keine Auffälligkeiten". Auch die Frage, warum kein Filter in der Kläranlage gewesen ist, der größere Plastikteile abfängt, müsse geklärt werden, sagte der Minister dem NDR Schleswig-Holstein. Unabhängig davon fordert er ein neues Gesetz, das das Einrühren von Plastikteilen in Biomasse verbietet.

LKA ermittelt gegen Stadtwerke

Anfang März war bekannt geworden, dass die Schlei und ihre Ufer stark mit Plastik verschmutzt sind. Landrat Buschmann erklärte, die meisten Plastikteile seien vermutlich erst Ende des vergangenen Jahres in die Schlei gelangt. Zwar gab es nach seinen Worten schon 2016 einen einzelnen Hinweis auf eine Verschmutzung. Die könnte laut Buschmann aber eine andere Ursache gehabt haben.

Wegen Verdachts der Gewässerverunreinigung ermitteln die Staatsanwaltschaft Flensburg und das Landeskriminalamt gegen die Schleswiger Stadtwerke.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 14.03.2018 | 17:00 Uhr

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