Stand: 05.08.2020 18:33 Uhr

Weitere Riffe auf geplanter Tunnelstrecke vor Fehmarn

von Rafael Czajkowski

Eine Luftaufnahme zeigt einen Ausschnitt von Puttgarden.
Direkt vor dem Fährhafen Puttgarden markieren die roten Flächen die bestätigten Riffe.

Die Karte zeigt drei rote Felder direkt vor dem Fährhafen Puttgarden auf Fehmarn. Innerhalb des roten Bereiches sind kleine schwarze Mosaike zu erkennen. In der Legende unten Links in der Karte findet sich die Auflösung: Die Bereiche sind "1170"-Gebiete. "1170" ist der Code für ein schützenswertes Riff nach europäischen Richtlinien. Die roten Felder liegen nördlich sowie nordnordöstlich und nordöstlich des Fährhafens - also dort, wo irgendwann der Tunnel nach Dänemark gebaut werden soll.

Klage vor Bundesverwaltungsgericht Ende September

Die Karte ist auf Seite 58 eines neuen Untersuchungsberichts, den das Umweltministerium mit dem Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) in Auftrag gegeben hatte. Vorausgegangen waren Hinweise des Deutschen Naturschutzbundes (NABU), die schon im vergangenen Jahr Anzeichen auf Riffe hatten. Die Umweltschützer kritisieren, dass die Riffe im fertigen Planfeststellungsbeschluss zum geplanten Tunnel nicht berücksichtigt sind. Daher klagt der NABU neben anderen Tunnelgegnern gegen den Beschluss vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Der Prozess soll am 22. September beginnen.

Behörden halten Ergebnisse unter Verschluss

Das Umweltministerium und das LLUR verweisen auf das schwebende Verfahren und wollen sich daher nicht zu den Inhalten der aktuellen Untersuchung äußern. Auch das Dokument halten sie noch unter Verschluss. "Ich kann nur bestätigen, dass die Untersuchungen zusammen mit der Uni Kiel abgeschlossen sind", sagte ein Ministeriumssprecher auf Nachfrage. Die Ergebnisse seien außerdem bereits an das Bundesverwaltungsgericht weitergeleitet worden. NDR Schleswig-Holstein liegt der Bericht inzwischen vor.

Jurist: "Gedanken machen, ob in Riff eingegriffen werden muss"

Die bei den Kartierungsarbeiten entdeckten Riffe sind demnach Biotope nach dem FFH-Standard. FFH steht dabei für "Flora-Fauna-Habitat" und ist eine Richtlinie der Europäischen Union. In Deutschland fallen solche Gebiete unter das Bundesnaturschutzgesetz, Paragraph 30. "Riffe erfahren einen besonderen Schutz gegen Eingriffe", sagt Florian Becker, Direktor des Instituts für Öffentliches Wirtschaftsrecht an der Uni Kiel. "Das führt nicht dazu, dass man zwingend nicht bauen darf. Aber es führt dazu, dass man sich Gedanken machen muss, ob in dieses Riff eingegriffen werden muss", sagte der Jurist im Schleswig-Holstein Magazin Ende Juni.

Flachwasser nicht untersucht

Damals hatte das NDR Taucherteam Riffstrukturen etwa 300 Meter vom Strand entfernt entdeckt - in etwa fünf bis sechs Metern Tiefe. In dem Gebiet soll eine künstliche Landzunge entstehen, über die der Tunnel Richtung Meeresboden geführt wird. Informationen über Riffe in diesem Bereich gibt es in der aktuellen Untersuchung des Umweltministerium aber nicht. Das Gebiet ist für eine Sonaruntersuchung mit einem großen Forschungsschiff zu flach. Die drei neu nachgewiesenen Riffe liegen daher etwa ein bis zwei Kilometer vom Strand entfernt - in einer Tiefe zwischen sechs und knapp 25 Metern - ebenfalls im geplanten Baustellenbereich des Projektes.

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Baustelle ist zeitweise ein Kilometer breit

Für den 60 Meter breiten Absenktunnel soll am Meeresboden ein etwa 200 Meter breiter Graben ausgebaggert werden. Der ganze Baustellenbereich hat laut den Planungsunterlagen des dänischen Bauherrn Fehmern A/S zeitweise eine Breite von einem Kilometer. "Ich würde erwarten, dass durch die Baggerarbeiten die Riffe sehr stark beeinträchtigt werden, vielleicht zerstört werden", sagt Martin Wahl, Meeresbiologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

Biologe: "Organismen können ersticken"

Nahaufnahme von Professor Martin Wahl © NDR Foto: Sebastian Baak
Martin Wahl ist Meeresbiologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

Zum einen könnten die Riffe zerstört werden, indem sie weggebaggert werden. Aber es reiche auch aus, wenn Bauarbeiten nur in der unmittelbaren Nähe der Riffe sind, sagt Wahl: "Bei Baggerarbeiten wird Sediment aufgewühlt." Dieses setze sich dann auf den umliegenden Riffen ab. "Diese Auswirkungen können dazu führen, dass Organismen ersticken, wenn sie begraben werden und dann Sauerstoffmangel auftritt. Andererseits führt die Trübung des Wassers dazu, dass die Photosynthese unterbunden wird." Dadurch werde die Sauerstoffproduktion beeinträchtigt, sagt der Meeresbiologe.

Femern A/S sieht Gesamtprojekt nicht gefährdet

Für die Planung der festen Beltquerung hatte Femern A/S eine Umweltverträglichkeitsstudie erstellt. Darin finden sich allerdings in dem Bereich des geplanten Tunnels keine Riffe. Zum aktuellen Untersuchungsbericht des Umweltministeriums teilt Femern A/S NDR Schleswig-Holstein mit: "Unsere Experten werden diesen sorgfältig auswerten. Wir bitten um Verständnis, dass wir mit Rücksicht auf die laufenden Klageverfahren die fachlichen Details nicht weiter erörtern können." Das Gesamtprojekt sehe man durch die neuen Untersuchungen aber nicht gefährdet.

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Projekt könnte sich weiter verzögern und teurer werden

"Ich würde von dem Unternehmen verlangen, dass es Ausgleichsmaßnahmen unternimmt", sagt Martin Wahl. Das könne zum Beispiel durch neue künstlich erzeugte Riffe nach den Bauarbeiten geschehen. "Ich würde erwarten, dass man dann zehn Jahre später auch wieder intakte Lebensgemeinschaften dort antrifft", erklärt der Meeresbiologe. Das müsste allerdings bei der Planung des Projektes berücksichtigt werden. Eigentlich ist der Baubeginn für das 7,4 Milliarden Euro teure Projekt für Frühjahr 2021 geplant. Sollten die Richter des Bundesverwaltungsgerichts im September allerdings entscheiden, dass der Plan doch noch geändert werden muss, könnte sich das Projekt nach Einschätzung von Experten weiter verzögern und damit deutlich teurer werden.

Verbindung zwischen der Insel Fehmarn mit Dänemark

Der 18 Kilometer lange Straßen- und Eisenbahntunnel soll die deutsche Insel Fehmarn und die dänische Insel Lolland verbinden. Die Dänen tragen allein die Kosten für die Verbindung zwischen Puttgarden auf Fehmarn und Rødbyhavn in Dänemark. Deutschland muss für die Hinterlandanbindung auf der eigenen Seite zahlen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 05.08.2020 | 19:30 Uhr

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