Stand: 14.09.2020 21:06 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

So funktioniert Deutschlands erste Flugwindkraftanlage

Die Wiege der Windenergie liegt in Nordfriesland und ein kleines Dorf sticht da besonders hervor: die Gemeinde Klixbüll. Egal ob Windkraft, Photovoltaik oder Dörpsmobil - die Gemeinde hat eigentlich alles rund um das Thema "Grüne Energie" ausprobiert. Am Montag war Energiewendeminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) in Klixbüll zu Gast und schaute sich eine ganz besondere Windkraftanlage an, die mit Hilfe eines Drachens Energie erzeugt.

Seil kann 800 Meter ausgerollt werden

Bei der Anlage in Klixbüll handelt es sich um die erste Flugwindkraftanlage Deutschlands. Der rot-weiß gestreifte Drachen der Pilot-Anlage wird automatisiert gesteuert und hängt an einer Winde, deren Seil auf bis zu 800 Meter ausgerollt werden kann. "Diese Winde dreht sich und betreibt einen Generator, der dann Strom erzeugt", sagt SkySails-Gründer Stephan Wrage und blickt in den strahlend blauen Himmel, dort, wo sein Drachen gerade "Achten" zieht. Eine Ausnahmegenehmigung für den Luftraum über Klixbüll macht es möglich.

Energiegewinnung durch Jojo-Effekt

Wrage erklärt die Funktionsweise des Drachens: "Wenn das Seil ausgerollt ist, fliegen wir den Drachen in den Wind hinein und ziehen ihn dann wieder zurück - wie ein Jojo. Wir ernten den Wind in mehreren hundert Metern Höhe, wo der Wind stark und gleichmäßig weht." Und weil der Konstruktion der Wind und die Schwerkraft zu Hilfe kommen, ist der Energiebedarf in der Rückholphase deutlich geringer im Vergleich zu dem, was vorher an Energie erzeugt wurde. "Das entspricht nur etwa vier bis fünf Prozent", sagt Wrage.

Modell soll konventionelle Anlagen ergänzen

Der Kite einer Flugwindkraftanlage schwebt in der Luft. © NDR
Der Drachen kann laut SkySails 200 Kilowatt erzeugen.

Das Pilotprojekt in Klixbüll läuft erst seit Anfang 2018 und wird unter anderem vom Bund gefördert. Mit 200 Kilowatt liegt der Ertrag deutlich unter dem moderner Windkraftanlagen, die gut und gerne drei Megawatt abliefern. Stephan Wrage sieht sein Modell deshalb auch eher als Ergänzung - dafür aber mit Vorteilen gegenüber herkömmlichen Anlagen.

"Der Eingriff in die Natur ist sehr, sehr gering"

"Die Schallemission und die Schattenemission sind viel, viel geringer. Der Betrieb einer solchen Anlage ist total unproblematisch für Mensch und Natur", sagt Wrage und deutet in Richtung Drachen. "Man sieht hier, dass es keine Scheuchwirkung für Vögel gibt - und sollten Vogelschwärme kommen, dann können wir den Drachen ganz schnell in geringe Flughöhen bringen oder landen. Der Eingriff in die Natur ist sehr, sehr gering."

Die Wartungskosten seien höher als bei Windkraftanlagen, sagt SkySails-Mitarbeiter Stephan Brabeck: "Man sieht ja, der Kite ist ein textiles Teil." Seil und Winde würden einmal im Jahr getauscht. Die Anschaffung sei aber 30 Prozent günstiger als bei einer konventionellen Windkraftanlage.

Kommen weitere Flugwindkraftanlagen in SH?

Noch speist die erste Flugwindkraftanlage Deutschlands keinen Strom ins Netz ein. Das soll sich allerdings bald ändern. Der Leitungsgraben liegt bereits, in acht Wochen soll der Anschluss folgen. Wann weitere Flugwindkraftanlagen in Schleswig-Holstein aufgestellt werden, ist nach Aussage von Stephan Wrage noch nicht klar. "Wir suchen gerade sehr aktiv nach den ersten kommerziellen Standorten für einen Dauerbetrieb vergleichbarer Anlagen und erhoffen uns da natürlich auch Hilfe vom Land Schleswig-Holstein."

Albrecht will schnellere Genehmigungsverfahren

Minister für Energiewende Jan Philipp Albrecht steht vor einer speziellen Windkraftanlage in Klixbüll. © NDR Foto: Lukas Knauer
Für weitere Anwendungsbereiche müsse sich die Technologie bewähren, sagte Energiewendeminister Albrecht in Klixbüll.

Energiewendeminister Albrecht kündigte an, sich für schnellere Genehmigungsverfahren einsetzen zu wollen: "Wir sind in Schleswig-Holstein hier bisher der einzige Standort in Europa, an dem diese Technologie eingesetzt wird. Für uns ist wichtig, dass sich diese Technologie bewährt und Ergebnisse in die Praxis einfließen, um weitere Anwendungsbereiche und Flächen zu finden, wo dann eine solche Technik eingesetzt werden kann."

Einen anderen Anwendungsbereich für seine Drachen hat Unternehmensgründer Wrage schon gefunden: Sie werden auf Tankern eingesetzt, die sich von den Drachen ziehen lassen. Durch den zusätzlichen Vortrieb können die Schiffe laut Wrage bis zu 10.000 Liter Schweröl am Tag einsparen.

VIDEO: Skysails: Zugdrachensystem für die Schifffahrt (3 Min)

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Schleswig-Holstein Magazin | 14.09.2020 | 19:30 Uhr

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