Helgoland sucht einen neuen Inselzahnarzt

Stand: 04.07.2021 06:00 Uhr

Ärztemangel auf dem Land ist ein Problem. Noch dringender wird es, wenn der nächste Arzt nicht per Auto, sondern in mehr als zweit Stunden per Schiff erreichbar ist. So wird es sein auf Helgoland - wenn der Inselzahnarzt keinen Nachfolger findet.

von Laura Albus

Auf Helgoland, gut 60 Kilometer vom Festland entfernt, gibt es aktuell genau eine Person ohne Zahnarzt. Und das ist paradoxerweise der Zahnarzt selbst. Denn er ist der einzige auf der Insel. Wenn Dr. Wolfram Dammann Zahnschmerzen hat, dann muss er nachmittags an Bord eines der Ausflugsschiffe gehen und ans Festland fahren. Frühestens mit dem Schiff am nächsten Morgen kann er zurückkommen. Zwei Tage Reisezeit, selbst für eine kurze Vorsorgeuntersuchung. Doch wenn Wolfram Dammann im Januar mit 77 Jahren in Rente geht, wird es nicht nur ihm, sondern allen 1.500 Helgoländern so gehen.

Verschiedene Modelle vorstellbar

Für den Bürgermeister Jörg Singer ist das ein großes Problem, denn einerseits sinkt die Einwohnerzahl auf Helgoland. Vor einigen Jahren lebten noch 600 Menschen mehr auf der Insel. Andererseits sinkt ohne Zahnarzt auch die Attraktivität, nach Helgoland zu ziehen. Schließlich ist die medizinische Versorgung für viele Menschen ein wichtiges Kriterium bei der Wohnortwahl. Deshalb setzt er nicht nur darauf, dass es einen direkten Praxisnachfolger gibt, sondern versucht verschiedene Optionen: "Die Variante zwei ist, es kommen unterschiedliche Ärzte auf die Insel und nutzen die Praxis an verschiedenen Tagen im Monat. Und wir sichern unsere Versorgung damit." Die dritte Variante wäre, dass die Gemeinde das medizinische Versorgungszentrum ausbaut, eine Praxis zur Verfügung stellt und selbst einen Zahnarzt anstellt.

Enormer Aufwand: Bei Zahnschmerzen undenkbar

Für den Helgoländer Rickmer Ralfs, der regelmäßig als Patient in die Praxis von Zahnarzt Wolfram Dammann kommt, wären alle Optionen vorstellbar. Hauptsache, er muss nicht wieder bis ans Festland fahren. Denn an den Aufwand kann er sich noch gut erinnern, schließlich gab es bereits eine Zeit, als es keinen Inselzahnarzt gab. "Und wenn er nur drei Tage in der Woche hier ist. Hauptsache, es ist wieder einer da. Und Zahnschmerzen, da möchte ich gar nicht dran denken was dann ist, wenn kein Zahnarzt da ist."

Auch im Notfall will er nicht mehr einspringen

Dr. med. dent. Wolfram Dammann steht in seiner zahnärztlichen Praxis auf Helgoland. © NDR Foto: Laura Albus
Dr. Wolfgang Dammann wollte sich vor 10 Jahren eigentlich schon zur Ruhe setzen.

Genau das ist eines der Probleme für den aktuellen Zahnarzt. Seit 1973 hat er immer eine eigene Praxis gehabt auf dem Festland in Hamburg, und sogar nebenberuflich als Zahnarzt im Unfallkrankenhaus Hamburg-Boberg gearbeitet. Die Gesundheit seiner Patienten stand für ihn stets im Mittelpunkt. Umso schwerer sei es nun, abzugeben und die Praxis zu schließen. Schließlich kam er damals, 2011 nach Helgoland, um sich eigentlich zur Ruhe zu setzen. Doch weil der damalige Zahnarzt fortging, wurde er angefragt. Und sagte für fünf Jahre zu.

Zehn Jahre später soll es nun endlich soweit sein. Keine Praxis mehr, keine Patienten mehr. Auch nicht im Notfall: "Das geht nicht. Ich bin bald 80. Ich möchte es nicht soweit kommen lassen, dass etwas passiert oder meine Hände zittern." Stattdessen will er gemeinsam mit seiner Frau auch mal längere Zeit verreisen, ohne ständig an die Patienten denken zu müssen. Denn das sei mit das Schlimmste, nach einem kurzen Urlaub von maximal zwei Wochen zu hören, dass ein Helgoländer in seiner Abwesenheit schlimme Zahnschmerzen gehabt hätte.

Nicht nur Helgoländer kommen in die Praxis

Angela Dammann ist gelernte Zahntechnikerin und unterstützt ihren Mann in der Praxis, so gut es geht. Ohne sie wäre ein Praxisbetrieb, wie er aktuell funktioniert, gar nicht möglich. Als Assistenz kümmert sie sich um Abrechnungen, Organisation und Verwaltung. Und genau davon hat sie gerade deutlich mehr zu tun. Denn es hängt zwar ein Infozettel aus, dass die Praxis zum Jahreswechsel geschlossen wird. Dennoch rufen Patienten an, fragen wie es weitergehen soll. Denn es sind nicht nur die Helgoländer, die in die Praxis kommen.

Viele Urlauber würden ihre Vorsorgeuntersuchungen bei ihnen einplanen, weil sie dort schneller Termine als zu Hause bekämen. Ebenso einige Handwerker und Menschen, die Offshore oder auf den Schiffen arbeiten. Genau deshalb würde es sich eben sogar finanziell lohnen, obwohl die Insel mit 1.500 Einwohnern vermeintlich wenige Zahnarztpatienten hat. Die Praxis ist nur vormittags geöffnet. Es gäbe also die Option, auch nachmittags Patienten aufzunehmen oder das Behandlungsspektrum zu erweitern, das Wolfram Dammann nach und nach abgebaut hat. Somit könnte der Nachfolger nach Ansicht von Angela Dammann auch gut von einer Praxis auf der Insel leben.

Mammutaufgabe Zahnarztsuche

Zusätzlich sei das Leben auf Helgoland auch mehrwertsteuerfrei, wie der Bürgermeister betont. Für Jörg Singer bedeutet das alles: viel Arbeit. Denn er muss dafür sorgen, dass im Januar ein Nachfolger vorhanden ist. Jetzt stehen erste Sondierungen an, denn die Paracelsus-Klinik auf der Insel soll für ein Medizinisches Versogungszentrum erweitert werden und in Richtung Hafen wachsen. Architekten planen bereits und auch beim Land hat man sich bereits für Fördermittel beworben. Doch auf Helgoland sind Blindgänger ein großes Problem. Das heißt, neben der Suche nach einem oder mehreren geeigneten Zahnärzten müsste für einen Anbau auch die Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg aus dem Weg geräumt werden. Die Suche nach einem neuen Inselzahnarzt für Helgoland - es könnte eine Mammutaufgabe werden.

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