Stand: 13.09.2016 16:37 Uhr

Großalarm in kleinen Gemeinden wegen mutmaßlicher IS-Helfer

Nach den Anti-Terror-Einsätzen in Schleswig-Holstein herrscht in betroffenen Gemeinden im Kreis Stormarn ein Mix aus Überraschung, Machtlosigkeit und Entsetzen. Die mutmaßlichen Terroristen, die am Dienstagmorgen von Spezialkräften der Polizei festgenommen wurden, waren keine Außenseiter in Reinfeld, Großhansdorf und Ahrensburg. Ahrensburgs Bürgermeister Michael Sarach (SPD) nannte den Verdächtigen, syrischer Pass und 26 Jahre alt, einen "Vorzeigeflüchtling". Der Mann habe fleißig Deutsch gelernt und alles unternommen, um sich in die Gesellschaft zu integrieren. "Vielleicht ist das auch eine Art von Strategie", sagte Sarach.

Der Bürgermeister wusste von nichts

Der Bürgermeister war nach eigenen Angaben kurz vor dem Einsatz vom Landeskriminalamt über die Vorgänge informiert worden. "Ich hatte keine Ahnung, dass die Vorbereitungen offenbar schon einige Monate lang liefen", berichtete Sarach. Man könne nie ausschließen, dass Menschen "mit weniger edlen Motiven" nach Deutschland kommen. Ihm sei es wichtig, dass aus dem Einzelfall in Ahrensburg kein Generalverdacht entsteht. In der 30.000-Einwohner-Stadt lebten etwa 400 Flüchtlinge, so der Politiker weiter. Der Festgenommene sei in einem Haus mit insgesamt neun Syrern untergebracht gewesen. Ein Freundeskreis kümmert sich um die Flüchtlinge.

"Die Wirklichkeit hat uns eingeholt"

Sarach will nun das Gespräch mit den Flüchtlingsbetreuern suchen. "Die Frage ist doch jetzt, wie wir vor Ort mit den Vorkommnissen umgehen und ob es die Möglichkeit gibt, im Vorfeld etwas zu unternehmen", sagte der Bürgermeister, sichtlich bedrückt. "Man hofft immer, dass die eigene Stadt verschont bleibt. Nun hat uns die Wirklichkeit eingeholt."

Nachbarin von der GSG 9 geweckt

Großhansdorf und seine 9.000 Einwohner traf die Wirklichkeit ebenfalls im Morgengrauen. Die GSG 9 stürmte eine Flüchtlingsunterkunft - direkt neben der örtlichen Polizeiwache. "Ich bin um halb sechs aufgestanden und habe draußen nur Polizisten und Hunde gesehen. Es war unheimlich", berichtete eine Nachbarin. Sie sei mit den Flüchtlingen zwar nie ins Gespräch gekommen. Aber man habe sich gegrüßt. "Auffällig war hier auf jeden Fall nie irgendetwas", so die Frau.

Spezialkräfte sind nachts unterwegs

"Das haben wir in der Form nicht erwartet", sagte Bürgermeister Janhinnerk Voß (parteilos). Er war über den Einsatz erst informiert worden, als die Spezialkräfte längst auf dem Weg waren, um einen 17-Jährigen festzunehmen - einen der drei Männer aus Schleswig-Holstein, die nach Angaben der Bundesanwaltschaft Mitglieder der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) sind. "Von so etwas habe ich hier nie etwas mitbekommen", sagte Voß.

Mittwoch sollte Tag der offenen Tür sein

In dem Ort nahe Hamburg leben nach Angaben des Bürgermeisters 140 Asylbewerber. Die betroffene Flüchtlingsunterkunft beherberge 24 Menschen. Viele davon seien nun traumatisiert, so Voß. Die Razzia habe sie an ihre Fluchtgründe erinnert. Allen Traumata zum Trotz befürchtet der Politiker nun wachsende Kritik von Gegnern der Flüchtlingspolitik. So sehr er den effektiven Einsatz der Polizei begrüße, so sehr befürchte er nun einen Stimmungswandel in Großhansdorf, so Voß.

Es sei erschreckend, "dass das hier auf dem Dorf passieren kann", sagte eine Anwohnerin. Für Mittwoch war in einer anderen Flüchtlingsunterkunft in Großhansdorf ein Tag der offenen Tür geplant.

"Unter unseren Augen auf Instruktionen gewartet"

Bei den festgenommenen Flüchtlingen könnte es sich nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) um eine sogenannte Schläferzelle des IS handeln. Ahrensburg und Reinfeld nahe Lübeck beispielsweise sind knapp 30 Kilometer voneinander entfernt. Eine Bahnstrecke verbindet die beiden Orte. Reinfelds Bürgermeister Heiko Gerstmann (SPD) zeigte sich "verstört". Seine Mitarbeiter hätten versucht, Flüchtlinge zu integrieren. Es sei nicht einfach zu verarbeiten, dass unter ihnen ein Mann gewesen sei, der offenbar "unter unseren Augen auf weitere Instruktionen gewartet" habe.

Auch andere Bewohner werden gefesselt

In Reinfeld berichtete ein Freund der Flüchtlinge, dass auch die anderen Bewohner der Unterkunft von den Polizisten gefesselt worden seien. Sie seien besorgt, dass noch weitere Mitglieder des IS in der Unterkunft wohnten, so der Mann. "Ich hatte eine Gänsehaut, als ich zur Arbeit gekommen bin", sagte ein Flüchtlingsbetreuer. Die Polizisten seien alle schwer bewaffnet gewesen. Der Betreuer erklärte, er habe ein Jahr lang mit dem festgenommenen Syrer zusammengearbeitet, "ein netter Typ".

Nun aber habe er Angst, so der Betreuer, weil er mit Menschen in insgesamt 15 Flüchtlingsunterkünften arbeite. Die Namen, die er auf Klingelschildern sehe, stimmten häufig nicht mit den Namen überein, die in den Pässen der Flüchtlinge stehen. Er wisse nicht immer, mit wem genau er es zu tun habe, so der Flüchtlingsbetreuer in Reinfeld.

Reinfeld: Bürgermeister "musste stillhalten"

Bürgermeister Gerstmann war über die Razzia nach eigenen Angaben vorab informiert worden. "Ich musste stillhalten." Die Ermittlungen gegen die Festgenommenen gehen weiter. Sie wurden mit Hubschraubern der Bundespolizei vom Hamburger Flughafen nach Karlsruhe geflogen. Dort vernahm ein Richter am Bundesgerichtshof den ersten der Männer, die laut Bundesinnenminister de Maizière offenbar einen Bezug zu den Attentaten in Paris hatten. "Es gibt überall schwarze Schafe", sagte Gerstmann. Willkommen seien die Flüchtlinge im 9.000-Einwohner-Ort Reinfeld aber weiterhin.

Karte: Anti-Terror-Razzien im Land

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.09.2016 | 17:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:47
Schleswig-Holstein Magazin

A7-Ausbau steht vor dem Abschluss

13.11.2018 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
02:31
Schleswig-Holstein Magazin

Informationsbesuch an der Schleusenbaustelle

13.11.2018 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
02:34
Schleswig-Holstein Magazin

Immobilienatlas: Preise steigen weiter

13.11.2018 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin