Stand: 27.05.2019 21:00 Uhr

Familien-Clan schickt "Knechte" auf Diebestour

In der Kleinstadt Marne (Kreis Dithmarschen) leben rund 6.000 Menschen. Meist ist es ruhig. Doch im Jahr 2017 hat sich das geändert. Die Polizei registrierte plötzlich eine ganze Reihe von Laden - und Fahrraddiebstählen in Marne und anderen Gemeinden in der Umgebung. Den Ermittlern fiel auf, dass viele Taten immer nach dem selben Muster abgelaufen sind. Sie gründeten eine Ermittlungsgruppe und deckten nach eigenen Angaben ein ganzes Netzwerk auf. "Daraus erstand ein großes Puzzle. Das ließ für uns nur den Schluss des Sklavenhalternetzwerks zu", sagt Kriminalhauptkommissar John Ehlert von der Itzehoer Kriminalpolizei.

Knechte wurden zu Straftaten gezwungen

Demnach sollen die Mitglieder einer polnischen Großfamilie ihre sogenannten Knechte gezwungen haben, die Straftaten zu begehen. Vor dem Meldorfer Amtsgericht ist am Montag der zweite Prozess in dem Fall zu Ende gegangen. Das Schöffengericht verurteilte zwei Männer wegen der Anstiftung zu Diebstählen. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft haben die Beschuldigten ihre Knechte untereinander auch verkauft. Die Staatsanwältin bewertete das als Menschenhandel. Dieser Vorwurf ließ sich aus Sicht des Gerichts aber nicht beweisen.

Clan für Tausende Taten verantwortlich?

Die Beamten der Ermittlungsgruppe "Raklo" (Knecht) hatten nach eigenen Angaben etwa 21.000 Telefonate der Beschuldigten abgehört. Die Polizei geht davon aus, dass innerhalb von zwei Jahren etwa 60 Menschen von der Großfamilie zu Straftaten gezwungen worden sind. Anders als bei arabisch-stämmigen Clans in Großstädten geht es nicht um Überfälle oder Tötungsdelikte. Dieser Clan arbeitete nach Angaben der Polizei jahrelang komplett im Verborgenen. "Die Täter waren darauf bedacht, die Einzelschäden möglichst gering zu halten", sagt Ehlert. Dafür ging es den mutmaßlichen Tätern um Masse: Die Beamten konnten ihnen bereits mehr als 500 Taten zuordnen, gehen aber von Tausenden Taten aus.

Polizisten hörten bei Diebstählen zu

Durch die Telefonüberwachung wurden die Polizisten zum Teil auch Zeugen von Diebstählen. Während die sogenannten Knechte in den Läden nach Beute suchten, warteten ihre Auftraggeber auf dem Parkplatz im Auto und gaben per Telefon Befehle - teilweise "wie bei einer Fernsteuerung", so Ermittler Ehlert. "Das ist eigentlich kaum zu glauben in einer Stadt wie Marne", sagt Supermarkt-Leiter Arne Göttsche. "Das hatte schon einen hochkriminellen Charakter."

Der Clan hatte es auch auf Fahrräder abgesehen. "Die wurden direkt aus Gartenhäusern oder Geräteschuppen entwendet", sagt Fahrradhändler Oliver Rostig. Einige seiner Kunden hatten Glück: Bei der Kontrolle eines Transporters an der Grenze zu Polen wurden auf der Ladefläche etliche Räder mit dem Aufkleber des Händlers gefunden und zurück nach Marne gebracht.

Ermittler: "Jeder Haushalt wollte einen 'Knecht' haben"

Die Polizei geht davon aus, dass Hintermänner die meist arbeitslosen Polen nach Deutschland gelockt haben - mit dem Versprechen auf einen richtigen Job. Stattdessen mussten sie vor allem hochprozentigen Alkohol und teure E-Bikes stehlen. Die Knechte wohnten laut Polizei meist bei den Angehörigen des Clans. "Jeder Haushalt wollte einen Knecht haben", sagt Kriminalhauptkommissar John Ehlert von der Itzehoer Kripo. "Einige Knechte sind nach wenigen Tagen geflohen, andere haben sich damit arrangiert." Die sogenannten Knechte waren nach seinen Angaben sogar in den Kommunen angemeldet - zum Teil an Scheinadressen. Dafür hätten die Hintermänner leer stehende Wohnungen ausgespäht, Namensschilder an den Briefkasten geklebt und eine Vermieterbescheinigung gefälscht. Diese Bescheinigung diente beim Amt als Nachweis für eine eigene Wohnung. Später sollen sie sogar Bankkonten auf den Namen der Knechte eröffnet und Sozialleistungen beantragt haben. Auch Fahrzeuge seien angemeldet worden, um mit erfundenen Unfällen die Versicherungen zu betrügen.

Juristische Aufarbeitung geht weiter

Im Mai 2018 durchsuchten Hunderte Polizisten Wohnungen in Brunsbüttel, Wilster, Itzehoe und Marne. Die Vorwürfe: Bandenmäßiger Diebstahl, Versicherungsbetrug und gewerbsmäßiger Menschenhandel. In Brunsbüttel wurden die drei Männer festgenommen, die jetzt vor Gericht standen. Vom Vorwurf des Menschenhandels wurden alle Angeklagten jedoch freigesprochen - wegen mangelnder Beweise, so der Richter. Die Staatsanwaltschaft prüft nach eigenen Angaben nun, ob sie Rechtsmittel gegen das Urteil einlegt. Die Männer bleiben jedoch so oder so in Untersuchungshaft, denn ihnen werden weitere Delikte zur Last gelegt.

Die juristische Aufarbeitung des Falls geht also weiter. In Marne und Umgebung ist es nach Angaben von Geschäftsleuten seit der Festnahme wieder ruhiger geworden.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 27.05.2019 | 17:00 Uhr

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