Eine Frau modelliert eine Silikon Epithese. © NDR Foto: NDR

Epithesen - Ersatz für Auge, Nase oder Geschlechtsteile

Stand: 26.03.2022 06:00 Uhr

Sofia Koskeridou vervollständigt Menschen - und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn jemand ein Körperteil verloren hat, bildet sie aus Wachs und Silikon Ohren, Augen oder Nasen nach - aber auch Brüste und Genitalien.

von Elin Halvorsen

In ihrem "Institut für Epithetik" in Norderstedt (Kreis Segeberg) stellt Sofia Koskeridou auflegbare Prothesen, sogenannte Epithesen, her. Das können Ohren, Augen, Nasen oder auch Brüste und Genitalien sein. Jede Epithese ist ein individuelles Kunstwerk aus Silikon, es sieht täuschend echt aus. "Stellen Sie sich vor, Sie haben keine Brüste mehr. Und Sie sind ja auch krank, Sie haben ja Krebs. Wenn einer zu ihnen sagt, ich kann meine Haare verlieren, meine Wimpern, meine Nägel, aber ohne meine Brüste kann ich nicht leben. Das trifft einen ins Herz", sagt Sofia Koskeridou.

Von Zahntechnik zu Epithetik

Sie sitzt in ihrer Werkstatt, Hunderte Pinsel stehen in Bechern um sie herum. Eigentlich ist sie gelernte Zahntechnikerin, sagt sie. Doch als ihre Schwester vor Jahren an Brustkrebs erkrankte und das Ergebnis der operativen Rekonstruktion nicht gelungen war, fragte sie Sofia Koskeridou, ob sie ihr als Zahntechnikerin nicht eine Brustprothese bauen könnte. "Damals gab es den Beruf der Epithetik noch gar nicht", erklärt Kaskeridou. Sie experimentierte, baute, modellierte - doch ohne Erfolg. Sie wurde nicht rechtzeitig fertig, ihre Schwester verstarb.

Ihr Wunsch, anderen Menschen zu helfen, blieb - sie schulte um, wurde Epithetikerin. "Im Prinzip ist es ja so: Egal, ob es ein Penis ist oder ein Auge - bei diesen Menschen fehlt was. Die haben ja ihren Leidensweg. Und in Deutschland gibt es etwa 50 Epithetiker, die auf den Gesichtsbereich spezialisiert sind", sagt sie. Auch sie habe mit Epithesen für das Gesicht angefangen. "Aber es ist gibt ganz wenige, die Brüste machen, die Genitalien machen. Das ist ein Ungleichgewicht. Was passiert mit diesen Menschen?", fragt die ehemalige Zahntechnikerin. Deswegen hat sie sich auf Geschlechtsteile spezialisiert.

Schicht für Schicht entsteht eine Epithese

Etliche Dosen mit Farbpulver stehen vor ihr auf dem Tisch. Sie nimmt eine Prise hellrot, etwas rosa, dort ein wenig blau. Dann mischt sie die Farben in das transparente Silikon, aus denen später Hauttöne oder Äderchen in der Epithese werden. Schicht für Schicht trägt sie das Silikon auf, gegossen wird nicht. "Sonst hätten wir ja nur die Form und ich müsste alles aufmalen", sagt Sofia Koskeridou. Das wirke aber nicht annähernd so realistisch. Deshalb muss Schicht für Schicht trocknen, das dauert ungefähr sechs Stunden, erst dann kann sie die nächste Schicht modellieren. Dann muss es wieder trocknen. Darum arbeitet sie immer parallel an mehreren Nasen, Ohren oder Genitalepithesen gleichzeitig. Auch Extrawünsche berücksichtigt sie. Insgesamt benötigt sie so rund zwei Monate bis zur Fertigstellung. Die Patienten und Patientinnen kommen zwischendurch zum Anpassen, oft hat sie auch ein Foto da, um die Arbeitsschritte zu überprüfen. Zuerst arbeitet sie mit Wachs, passt an, formt nach, passt an. Bis es im letzten Schritt zur Anfertigung der Silikon-Epithese geht.

Große Nachfrage aus der Trans-Community

Mittlerweile hat Sofia Koskeridou eine große Nachfrage aus der Trans-Community. Mit ihren Penis- oder Vulva- Epithesen gibt sie Transpersonen ein Stück mehr Selbstvertrauen, sagt sie. Jeder Mensch habe das Recht, sich in seinem Körper wohlzufühlen. Mittlerweile kommen die Menschen sogar aus der Schweiz, um von ihr eine Epithese zu erhalten. Der Mut der Trans-Community, die Offenheit mit den Epithesen umzugehen, käme übrigens auch den biologischen Männern zu Gute. Die hätten nämlich noch oft eine sehr große Scham, wenn es um Penisse geht. Oft hätten die Männer Angst, überhaupt darüber zu sprechen oder sich Hilfe zu holen. Deswegen habe die Trans-Community in der Hinsicht eine Vorbildfunktion. "Es nimmt den biologischen Männern etwas die Angst", sagt sie. Es brauche viel Vertrauen bei dieser intimen Arbeit, schließlich solle gerade eine Genital-Epithese auch dabei helfen, wieder urinieren zu können. "Ich muss also mit den Männern auf Toilette gehen und gucken, ob alles richtig sitzt, es muss ja auch hygienisch sein", erklärt Sofia Koskeridou.

Hautkrebs ist häufigste Ursache für Erkrankungen

Die plastische Chirurgie wird immer besser und moderner. Doch es gibt Grenzen, wo sie nicht mehr weiter kommt, beispielsweise im Augenbereich, sagt Prof. Dr. Wiltfang vom UKSH. Außerdem dauere eine Rekonstruktion bis zu einem Jahr, dazu kämen mehrere Operationen. "Das ist natürlich ein Risiko, dem wir insbesondere ältere Menschen nicht aussetzen wollen", erklärt er. Die häufigste Ursache für den Verlust eines Gesichtsbereichs sei die UV-Strahlung. Vor allem der Hautkrebs, der dazu führe, dass Menschen einen Teil der Nase oder ein Ohr verlieren, spiele bei den Erkrankungen eine große Rolle. Bei jüngeren Patientinnen und Patienten können auch häufiger andere Krebserkrankungen eine Rolle spielen wie Brustkrebs beispielsweise. Dazu kämen Unfallopfer.

Die Epithesen werden im Kopfbereich meistens mit Magneten befestigt, kleine Metallstifte werden in den Knochen befestigt, wo dann beispielsweise das Ohr aus Silikon mit kleinen Magneten aufgelegt werden kann. Das ermöglicht ein schnelles Tragen. "Früher war es oft noch so, dass ein Gesichtsteil an der Brille befestigt wurde, das ist natürlich sehr unpraktisch, wenn die Brille beschlägt", sagt Sofia Koskeridou. Auch die tägliche Reinigung sei so viel leichter.

Der schönste Moment

"Wenn die Epithese fertig ist, sieht man die Freude in ihren Augen, manchmal weinen die Menschen, manchmal sind sie auch ganz still, weil sie das verarbeiten, dass sie sich vollkommen fühlen und das ist der schönste Moment auch für mich", sagt Sofia Koskeridou. Wie viele Epithesen sie in ihrem leben schon gefertigt hat, sie weiß es nicht. Irgendwann habe sie aufgehört zu zählen. Jede sei auf ihre Weise aber eine Herausforderung, immer ein Unikat. Sofia Koskeridou hofft, dass sie noch vielen Menschen dabei helfen kann, sich wieder mit ihrem Körper identifizieren zu können.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 27.03.2022 | 19:30 Uhr

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