Stand: 08.11.2019 12:23 Uhr

Engholm zum Mauerfall: "Die Zeit war buchstäblich reif"

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Am 9. November wird Björn Engholm, ehemaliger Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, 80 Jahre alt.

Wer in den Monaten vor dem Mauerfall in der DDR unterwegs war, konnte die Veränderungen spüren: "Die Leute sind so mobil geworden, widerständlich gegen das damalige Regime, dass man buchstäblich riechen konnte, es muss über kurz oder lang was passieren." So erinnert sich der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm an die Zeit vor dem jahrzehntelang unvorstellbaren Fall der Mauer.

Mauerfall als Geburtstagsgeschenk

Der 9. November 1989 war von vornherein ein besonderer Tag für Engholm: sein 50. Geburtstag. Er feierte zunächst im Lübecker Rathaus mit einem Empfang im Audienzsaal, dann in kleiner Runde in der Schiffergesellschaft. Dann kam die Nachricht des Tages - die Grenze zur DDR soll offen sein. Das trieb die Freunde vor die Tür, auf den Koberg. Engholm erinnert sich daran als sinnliches Ereignis: "Es roch anders. Da waren die ersten Trabbis durchgefahren, und das ist ein anderer Duft. Das kannte nur jemand, der die DDR besucht hatte. So nach und nach ist uns klar geworden: dies ist ein Weltereignis erster Größenordnung", beschreibt er die damalige Situation - und fügt an: "Denn es betrifft nicht nur die Deutschen, es betrifft das weitere Zusammenwachsen, den Fall der Mauern zwischen Ost und West, das Zuschütten der Gräben. Da haben wir, glaube ich, ein paar Tage gebraucht, um zu verstehen, dass das wirklich wahr ist, dass die Welt sich komplett verändern wird."

Björn Engholm liest in einem Buch. © NDR Foto: Mechthild Maesker

Interview mit Björn Engholm zu 30 Jahre Mauerfall

NDR 1 Welle Nord - Nachrichten für Schleswig-Holstein -

Björn Engholm, der frühere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, wird 80 Jahre alt - genau am Tag 30. Jahrestag des Mauerfalls. Im Interview spricht er über die beiden Ereignisse.

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Die Zeit war reif

Es waren nach Engholms Erinnerungen nicht die letzten Tage oder Wochen, sondern schon die vergangenen etwa zwölf Monate, die auf den Mauerfall hinführten. Die Veränderungen seien spürbar gewesen, so der SPD-Politiker, der in dieser Zeit zwei Mal in die DDR reiste. "Die Zeit war buchstäblich reif," meint Engholm. Am Abend des Mauerfalls allerdings überwog noch die Skepsis, ob das wirklich wahr sein konnte. "Dann haben wir gesehen, die Trabbis sind da - und da haben wir gesagt: Du lieber Himmel, hoffentlich machen die die Grenze nicht morgen wieder dicht." Zwei Tage später war Engholm dann mit ein paar alten Freunden in Berlin zu einem Wiedervereinigungskonzert. Es war das legendäre Mauerfall-Konzert mit Joe Cocker, Udo Lindenberg, Silly, Pankow, BAP und anderen. Zehntausend in der Deutschlandhalle, Tausende davor - und Engholms Referent schlug vor: "Ganz Ostberlin ist in Westberlin - warum fahren wir nicht mal in die andere Richtung?"

Besuch bei Modrow in Ostberlin

Engholm erinnert sich lebhaft an diese Nacht des 12. Novembers: "Wir sind in Ostberlin in eine Kneipe, 'Zur Letzten Instanz' am Roten Rathaus. Von dort haben wir versucht, Hans Modrow, den letzten designierten Ministerpräsidenten der DDR zu erreichen. Wir haben ihn erreicht - erstaunlich. Wir sind in sein Gästehaus gefahren, wo er mutterseelenallein in einem grauen Trainingsanzug saß und die letzte Regierungserklärung der DDR schrieb. Er hat auch buchstäblich gesagt: 'Es wird nie wieder eine weitere Regierungserklärung der DDR geben'. Und da, drei Tage nach dem Ereignis der Maueröffnung, haben wir gesagt, es scheint wirklich wahr zu werden, dieses unglaubliche Wunder."

Stationen im Leben von Björn Engholm

Wirtschaftsprobleme im Osten

Seither, zunächst als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, nach dem Rücktritt von allen Ämtern im Jahr 1993 dann als Politikberater, hat Björn Engholm den Osten Deutschlands und den Osten Europas immer im Blick gehabt. Die politische Entwicklung mit den rechtsradikalen Ausfällen Anfang der 90er-Jahre, die es nicht nur in Orten wie Hoyerswerda, sondern auch in Lübeck und in Mölln gab. Die wirtschaftliche Entwicklung mit der Massenarbeitslosigkeit. Die persönliche Entwicklung mit dem Verlust der Identität.

Dinge wie Willy Brandt sehen

Er versuche, wie Willy Brandt immer geraten habe, die Dinge aus der Sicht des Gegenübers zu betrachten, erläutert Engholm: "Wenn ich das aus der Sicht der alten DDR-Bürger betrachte, dann ist da eine neoliberal-wirtschaftliche Maschine über das Land hergerollt und hat Arbeitsplätze in einem unglaublichen Ausmaß vernichtet. Nun kann man sagen, vieles von dem, was da war, war weltwirtschaftlich nicht wettbewerbsfähig, aber es ist jeder zweite industrielle Arbeitsplatz in kurzer Zeit weggefallen. Das hat Menschen an den Rand der Verzweiflung gebracht."

Hochmut im Westen

Wir im Westen, analysiert Engholm, hätten dazu geneigt, mit Hochmut alles, was es in der DDR gegeben hatte, für schlecht zu erklären. Das habe zwar für die Politik, das ZK, die Stasi gegolten. "Aber wir haben auch gesagt, das Leben der Menschen sei erbärmlich gewesen. Und dabei haben sie da gelebt und geliebt, sie haben geheiratet, sie haben Kinder gezeugt, haben gefeiert - ich glaube, da haben wir ihnen in unserem Hochmut ein Stück ihrer Identität genommen." Dies sei der Grund, warum sich viele im Osten, noch grollend, in die falschen politischen Ecken begeben, ergänzt der frühere Ministerpräsident.

Videos
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Der ehemalige Spitzenpolitiker Björn Engholm

NDR Talk Show

Als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein trat Björn Engholm im Mai 1993 im Zuge der Barschel-Affäre zurück. Heute ist er im kulturellen Bereich seiner Heimatstadt Lübeck aktiv. Video (16:25 min)

Rechtsruck im Osten

Außerdem habe die Politik zu spät erkannt, dass über Jahrzehnte schon ein "rechtsradikaler Bodensatz" vorhanden war. Der sei nicht so groß, wie die Wählerstimmen der AfD vermuten ließen, betont Engholm, aber es gebe 10 bis 15 Prozent rechtsnationales und -radikales Gedankengut in der Bevölkerung. Das sei vermutlich immer so gewesen. Dagegen sei nicht rechtzeitig etwas getan worden, bedauert der SPD-Politiker mit dem Blick zurück.

"Wir müssen zurück an die Stammtische"

"Hingehen zu den Menschen und mit ihnen reden," das müssten Politiker tun, "und wenn diese Menschen anderer Meinung sind, sich auch Prügel abholen, verbal verprügeln lassen, damit sie nach Hause gehen können und sagen: Ich habe mal einem aus der Politik so richtig die Harke gezeigt. Das haben wir versäumt. Wir müssen zurück an die Stammtische. Das Netzwerk wieder herzustellen, dass wir in den guten 60er-, 70er-Jahren hatten, das wird eine Sisyphusarbeit. Die Menschen kommen nicht zu uns, wir müssen zu den Menschen gehen, das bleibt die Hauptaufgabe der Politik, glaube ich."

Grenzstadt Lübeck

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Der Grenzübergang Lübeck-Schlutup/Selmsdorf im Jahr 1972.

Der gebürtige Lübecker hat seine Heimatstadt über Jahrzehnte als Grenzregion erlebt, eine Stadt ohne östliches Hinterland, abgeschnitten. Die einstige Königin der Hanse war auf Zonenrandförderung angewiesen. Aber über Besuche in Dresden bei der Tanzpädagogin Greta Palucca, der Tante seiner Frau, hat er auch die DDR erfahren - als Politiker aus dem Westen natürlich von der Stasi beobachtet. Viele Erlebnisse hat er von diesen Reisen in Erinnerung, auch von Verhandlungen mit der Stasi. Das Gute war, resümiert er, beide Seiten sprachen deutsch, hatten ein Stück historischer Vergangenheit und ein Stück ähnlicher Kultur. Darum sei er überzeugt gewesen, dass es keine unüberwindlichen Gegensätze gebe.

Innenstadt statt Grenzübergang

1988 zum Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein gewählt, sah Engholm mit dem Fallen des Eisernen Vorhangs große Chancen für sein Land und seine Stadt. Er belebte die Idee des Hanseverbundes wieder, besuchte Anfang der 90er-Jahre Danzig, Kaliningrad und Tallinn und eröffnete dort mit der Wirtschaft zusammen neue Hanse-Offices. In der Nacht des 9. November blieb er aber in Lübeck. Nicht mal bis nach Schlutup zum Grenzübergang kam er, sondern traf die DDR-Bürger mitten in Lübeck.

Freudentränen auf dem Koberg

"Ich habe auf dem Koberg die ersten Ossis in Empfang genommen. Die haben geguckt, dass da ein Ministerpräsident stand, den sie aus dem Fernsehen kannten, ohne Polizei, ohne Bewachung, mit ein paar Leuten in Hemdsärmeln. Da gab's dann die Freudentränen, da wurden Biere und Schnäpse rausgereicht. Am nächsten Tag begann dann auf dem Marktplatz die riesige Begegnung - es hat so etwa 36 Stunden gedauert, bis das in die Köpfe und die Herzen der Menschen eingesickert war, dass das ein Weltereignis ist."

Geburtstag in der Kirche

Auch beim 30. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November wird Björn Engholm nicht in Schlutup sein - er feiert an diesem Tag seinen 80. Geburtstag in Lübeck. Die Stadt hat zu einem Empfang in die Jakobikirche geladen - Musik, Reden, und die Familie werden im Mittelpunkt des Tages stehen. Privat ist die Familie mit Frau, Töchtern und Enkeln sein Rückgrat, ehrenamtlich steht bei ihm seit dem Ausscheiden aus der Politik vor allem das Engagement für die Kultur im Mittelpunkt.

Erinnerung an drei große prägende Perioden

Aber immer noch ist der gelernte Setzer, studierte Politikwissenschaftler, Ex-Minister und ehemalige Ministerpräsident ein gefragter Talkgast - mit seiner vielfältigen Erfahrung in spannenden Jahrzehnten deutscher Politik: "Ich habe die 60er-Jahre bewusst miterlebt. Ich war zu alt, um mit den Studierenden noch auf der Straße zu demonstrieren. Wir hatten schon einen Beruf gelernt, dann der Umbruch Brandt-Ära, Schmidt-Ära, dann auch dieser furchtbare, darbende Niedergang der SPD. Also, wenn ich so zurückdenke, drei große prägende Perioden, an denen ich ja auch am Rande mitwirken konnte, habe ich miterlebt, und dass der Schöpfer mich immer noch mit 80 einigermaßen gut dastehen lässt, dafür bin ich dankbar."

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 09.11.2019 | 08:00 Uhr

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