Stand: 07.01.2019 05:00 Uhr

Demenz-Kranke: Zahnbehandlung braucht Geduld

von Kai Peuckert

Bild vergrößern
Für die Behandlung von Menschen mit Demenz braucht Assistentin Maren Kropf-Nimtz viel Geduld und Überredungskunst.

Ein großer Tisch, eine Sitzbank und eine paar Stühle. Eigentlich ist das ein Aufenthaltsraum für die Bewohner im Pflegeheim Haus Dänischer Wohld, doch heute wird er zum Behandlungsraum von Dr. Claudia Ramm und ihrem Team. Die Alterszahnmedizinerin ist Spezialistin für Behandlungen von demenzkranken Menschen und kommt als mobile Zahnärztin regelmäßig in das Pflegeheim in Osdorf. "Ein Ortswechsel bedeutet für Demenzkranke Stress und der kann zur Verweigerung führen", sagt Claudia Ramm. Aber auch in gewohnter Umgebung ist viel Geduld gefragt. Immer wieder gelingen Behandlungen erst im zweiten oder dritten Versuch.

Vertrauen und nonverbale Kommunikation

Das Vertrauen der Patienten ist äußerst wichtig, bei allen Patienten. Das Vertrauen von Demenzkranken zu erlangen, ist aber ungleich schwerer. Bevor Claudia Ramm einen neuen Patienten mit Demenz behandelt, holt sie so viele Informationen wie möglich ein. Sie kennt fast den ganzen Lebenslauf ihrer Patienten. Gemeinsam mit ihrer Zahnmedizinischen Fachassistentin, Maren Kropf-Nimtz, hat sie ein Konzept entwickelt, mit dem sie die Patienten besser einschätzen kann. Damit haben sie den zweiten Preis des Dental Innovation Awards der Stiftung für Innovative Zahnheilkunde in Zürich gewonnen.

Dr. Claudia Ramm redet mit einer Patientin vor der Behandlung.

Demenz: Zahnbehandlungen erfordern viel Geduld

Schleswig-Holstein Magazin -

Ein Zahnarztbesuch bedeutet für Menschen mit Demenz Stress. Deshalb brauchen Zahnmediziner bei ihnen besonders viel Geduld. Dr. Claudia Ramm hat sich diese Behandlung spezialisiert.

4,43 bei 7 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Körperkontakt ist wichtig

"Außerdem suchen wir immer wieder den Körperkontakt", sagt die Zahnärztin. Die Hand auf den Unterarm legen oder die Wange streicheln - über nonverbale Kommunikation Nähe aufbauen. Außerdem verzichtet das Team so oft es geht auf einen Mundschutz. "Gerade bei Menschen, die schon etwas fortgeschrittener im Stadium sind, wird es schwierig zu kommunizieren. Wir haben immer das freundliche Gesicht und das geht mit Mundschutz nicht." Zusätzlich begeben sie sich immer auf Augenhöhe mit den Patienten. Arbeiten von oben herab, wie auf dem Zahnarztstuhl in der Praxis, das funktioniere hier nicht. "Zahnarzt-Pilates" nennt Claudia Ramm es, denn sie muss immer wieder in die Hocke gehen, das setzt auch körperliche Fitness voraus.

Bild vergrößern
Ramm vermeidet bei Demenz-Erkrankten im fortgeschrittenen Stadium den Mundschutz, da ein freundliches Gesicht besonders wichtig ist.
Vollnarkosen sollen verhindert werden

Bei ihren Pflegeheim-Besuchen haben Claudia Ramm und Maren Kropf-Nimtz bis zu 60 Kilogramm Gepäck dabei. Steriles Einwegbesteck, Stirnlampe, Desinfektionsmittel und sogar einen mobilen Handbohrer samt Saugeinheit. So können sie vor Ort auch bohren und Karies behandeln. Die Behandlung im Pflegeheim hat für Ramm auch Grenzen: "Wenn jetzt ein zerstörter Zahn da wäre, eine Wurzelbehandlung gemacht oder ein Zahn gezogen werden müsste, das geht nicht vor Ort."

Doch auch in der Praxis versucht sie, auf Vollnarkosen zu verzichten und die Risiken der Narkose durch lokale Betäubungen zu umgehen. Auch weil ältere Menschen häufig andere Krankheiten haben, die medikamentös behandelt werden und so eine Vollnarkose noch gefährlicher wird. Bei einigen Eingriffen sei die aber unumgänglich. Bisher ist die Behandlung Demenzkranker unter Vollnarkose laut der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein eine absolute Ausnahme.

 Mehr Zeit für Mundhygiene in der Pflege

Damit das so bleibt, fordern die Zahnärzte im Rahmen des Demenzplans Schleswig-Holstein täglich acht Minuten zusätzliche Zeit für Zahn- und Mundpflege. Denn nach Auskunft der Pflegeberufekammer fallen diese Tätigkeiten bei Personal- oder Zeitmangel im Pflegealltag mit als Erstes weg. Außerdem gäbe es auch Nachholbedarf in der Ausbildung. Darum will die Kammer der Mundhygiene in der Lehre ein stärkeres Gewicht geben. So sollen größere zahnmedizinische Eingriffe auf einem niedrigen Level gehalten werden.

Außerdem führt schlechte Mundhygiene auch zu einer deutlich stärkeren Vermehrung von Bakterien und einer Zunahme von Entzündungen im Mundraum. Schwere Folgeerkrankungen wie Lungenentzündungen oder Herz-Kreislauferkrankungen können die Folge sein.

Interne Schlungen im Haus Dänischer Wohld

Das Haus Dänischer Wohld lässt seine Angestellten daher von Claudia Ramm und Maren Kropf-Nimtz fortbilden. "Es gibt längere theoretische Einheiten. Aber wenn Probleme auftreten, dann machen wir das ganz praktisch, da sind wir sehr eng miteinander", erläutert Heimleiterin Grit Petzold die Zusammenarbeit. Im Gegenzug werden die Mitarbeiterinnen von Claudia Ramm im Umgang mit Demenzkranken geschult. Denn für die Arbeit mit dementen Menschen reiche es nicht, mit Senioren und Pflegebedürftigen umgehen zu können. Dafür brauche man mehr Hintergrundwissen, so die Zahnärztin. Daher würden immer wieder Demenzkranke von Zahnärzten als Neupatienten abgelehnt.

Angehörigen-Beratung per Telefon

In Deutschland leben knapp zwei Millionen Menschen mit Demenz. Tendenz steigend. In Schleswig-Holstein sind es mehr als 60.000. Damit sie die zahnmedizinische Versorgung bekommen, die sie benötigen, bieten Claudia Ramm und einige Kolleginnen telefonische Sprechstunden für Angehörige an. Demente Menschen haben seit Juli 2018 einen Anspruch auf zwei Zahnsteinentfernungen pro Jahr als Kassenleistungen. Diese mobile Arbeit im Pflegeheim wird also erst seit etwa einem halben Jahr entsprechend honoriert. Viel wichtiger ist ihr aber das Lächeln ihrer Patienten nach einer Behandlung.

Weitere Informationen

Alzheimer und Demenz: Fragen und Antworten

04.12.2018 20:15 Uhr

Was bedeutet Demenz? Einfach vergesslich oder schon dement? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es zurzeit? Antworten auf Fragen zu Demenz und Alzheimer-Erkrankungen. mehr

Alzheimer erkennen und behandeln

03.12.2018 07:40 Uhr

Wie unterscheidet man Alzheimer von normaler Vergesslichkeit? Wie hoch ist das Risiko, daran zu erkranken? Horst Hoof und Mandy Schmidt haben mit Swen Staack von der Alzheimer-Gesellschaft gesprochen. mehr

Alzheimer Gesellschaften im Norden sind Partner

Menschen mit Demenz haben eine Vielzahl von Problemen. Die Alzheimer Gesellschaften, Partner der diesjährigen NDR Benefizaktion, bieten Hilfen für Erkrankte und Pflegende an. mehr

Über zwei Millionen Euro für Menschen mit Demenz

20.12.2018 13:00 Uhr

Die Spendenaktion "Hand in Hand für Norddeutschland" hat in diesem Jahr Geld gesammelt für Menschen mit Demenz. Die Alzheimer Gesellschaften im Norden können sich über eine große Unterstützung freuen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 07.01.2019 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:31
Schleswig-Holstein Magazin

Strandaufräumaktion in Grömitz

21.03.2019 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
02:35
Schleswig-Holstein Magazin

Mit automatischem Stromschalter Energie sparen

21.03.2019 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
03:18
Schleswig-Holstein Magazin

"Schwer in Ordnung": Wie geht es Hannah?

21.03.2019 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin