Stand: 18.08.2020 16:27 Uhr

Blut wird knapp - aber nicht jeder darf spenden

Von Elin Halvorsen

Es gibt Menschen, die würden gerne Blut spenden, aber sie dürfen nicht. Danny Clausen-Holm aus Norderstedt ist einer von ihnen. Er hat sich beim DKMS als Stammzellspender registrieren lassen und besitzt einen Organspendeausweis. Helfen sei für ihn Ehrensache. Da er schwul ist, darf er jedoch kein Blut spenden. Theoretisch dürfen schwule Männer zwar spenden, sie müssen dann aber zwölf Monate lang auf Sex mit einem Mann verzichtet haben. Danny Clausen-Holm ärgert, dass seine Organe gut genug sind, aber sein Blut nicht.

Kein Vorrat mehr an Blutkonserven

Diese Tatsache ärgert ihn besonders jetzt, denn zurzeit sind die Regale im Vorratsraum des DRK Nord wie leergefegt. Jeden Tag werden in Schleswig-Holstein rund 500 Blutkonserven benötigt. Die Lage sei so kritisch, dass man bereits an die Notvorräte gehen müsse, die sonst für Katastrophen-Situationen eingeplant sind, so die Transfusionsmedizinerin Bettina Lizardo in Lütjensee (Kreis Stormarn). Corona und die Hitzewelle senken die Spendenbereitschaft so drastisch, dass der Bedarf an Blutkonserven nicht einmal für einen halben Tag gedeckt sei.

Keine Blutspende trotz monogamer Beziehung

Porträt von Danny Clausen-Holm. © NDR
Danny Clausen-Holm fühlt sich diskriminiert. Er lebt in einer monogamen Beziehung mit einem Mann, darf aber kein Blut spenden.

"Diese Regelung ist diskriminierend", sagt Danny Clausen-Holm. "Ich bin seit 16 Jahren mit meinem Mann zusammen, wir leben in einer monogamen Beziehung. Und ich habe eine seltene Blutgruppe, mit der ich gerne anderen Menschen helfen würde." Schwule und bisexuelle Männer zählen laut RKI zur Risikogruppe der HIV-Überträger. Seit 2017 dürfen sie in Deutschland überhaupt erst Blut spenden. Vorher war es ihnen ganz verboten. Die Richtlinien dafür regelt die sogenannte Arbeitsgruppe Blut. Alle zwei Jahre überprüft und überarbeitet sie die Richtlinien zur Blutspende. Allerdings: Es werden auch nur existierende Studien überprüft. Wird also nicht zu sexuellem Risikoverhalten geforscht, kann auch nichts überprüft werden. Die Aufgabe der Ärztekammer sei es außerdem, den neuesten Stand der Wissenschaft zu beurteilen, nicht politische Entscheidungen zu treffen, sagt der Präsident Henrik Herrmann.

Clausen-Holm: "Relevant ist das individuelle Risikoverhalten"

Danny Clausen-Holm sieht das anders. Er ist Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes Schleswig-Holstein und fordert ein Ende der Diskriminierung. Den zwölfmonatigen Ausschluss hält er für nicht mehr zeitgemäß. Danny Clausen-Holm fühlt sich stigmatisiert durch den Ausschluss, denn schwul bedeute nicht gleich HIV, sagt er. "Relevant ist ja eigentlich das individuelle Risikoverhalten, und das ist dann bei Singles sicherlich ein bisschen ausgeprägter als bei bei einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Und wenn jetzt ein heterosexueller Single ohne Probleme spenden darf, aber ein schwules Paar, das schon seit sehr, sehr vielen Jahren monogam zusammen ist, nicht, dann ist das halt nicht nachzuvollziehen."

Der Fragebogen vor der Blutspende

Vor jeder Blutentnahme müssen Spender einen Fragebogen ausfüllen. Es wird eine wahrheitsgemäße Beantwortung vorausgesetzt. Überprüft werden kann das nicht, bei niemandem. Männer werden hier explizit danach gefragt, ob sie schon einmal Sexualverkehr mit einem Mann hatten und ob dies innerhalb der letzten zwölf Monate geschehen ist. Nach der Sexualpraktik wird nicht gefragt, nur nach Orientierung. Frauen werden befragt, ob sie in den letzten vier Monaten Sexualverkehr mit einem bisexuellen Mann hatten.

Warum zwölf Monate Ausschluss?

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Danny Clausen-Holm bemängelt, dass der Ausschluss von zwölf Monaten willkürlich gesetzt ist. "Keine Blutspende wird durch diesen Zeitraum noch sicherer oder eine Infektion mit HIV unwahrscheinlicher. Das einzige, was dadurch passiert, ist, dass wir dadurch weiterhin vom Spenden ausgeschlossen werden", sagt er. Ein Jahr im Zölibat wolle wohl niemand gezwungenermaßen verbringen, nur um Blut spenden zu dürfen.

Jede einzelne Blutkonserve wird auf diverse Krankheiten wie HIV und Hepatitis C getestet, bevor sie in den Umlauf gelangt. Ein sicheres Ausschlussverfahren von HIV Antikörpern kann heutzutage laut RKI schon innerhalb von sechs Wochen erreicht werden. Da Blutkonserven aber schon nach 24 Stunden aufbereitet sind und benutzt werden, wird nicht auf Antikörper getestet, sondern auf Virenlast. Deshalb gibt es immer ein kritisches Fenster von zwei Wochen, wenn eine Person sich gerade frisch infiziert hat. Und trotzdem: Das Robert Koch-Institut schätzt das Risiko, sich in Deutschland bei einer Blutspende mit HIV zu infizieren, auf kleiner als 1:5 Millionen.

RKI: Schwule mit höchster Ansteckungsrate

Die Zahlen der HIV Neuinfektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben, sind in den letzten Jahren stark rückläufig. Trotzdem bilden sie laut RKI noch immer die Gruppe mit der höchsten Ansteckungsrate. Auch heterosexuelle Personen, die häufig wechselnde Geschlechtspartner haben, zählen als Risikogruppe. Eine genaue Anzahl ist nicht definiert, bei schwulen Männern reicht ein Kontakt. Safersex fließt laut Ärztekammer Schleswig-Holstein bislang überhaupt nicht in die Bewertung von sexuellem Risikoverhalten ein. Dabei seien Kondome - nach völliger Enthaltsamkeit - noch immer der sicherste Weg, eine HIV-Infektion zu vermeiden, heißt es bei der Aidshilfe in Kiel. "Die gleichen Kriterien, die auch Heterosexuelle haben, sollten auch bei homosexuellen Paaren angelegt werden", sagt Danny Clausen-Holm. Auch eine Ehe sei keine Sicherheit für gesundes Blut.

Ärztekammer: Eventuell Regeln überprüfen

Auch die Ärztekammer Schleswig-Holstein sagt, dass es sich lohnen könnte, sich über die Grenzen hinaus umzusehen. "Wir als Ärztekammer hier in Schleswig-Holstein haben das auch thematisiert und finden - natürlich auf der Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse - dass man durchaus darüber nachdenken sollte, ob die zwölf Monate bei monogam lebenden homosexuellen Männern oder Frauen angemessen sind", sagt Kammerpräsident Hermann. "Ich finde es auch durchaus richtig, wenn wir den Blick ins europäische Ausland und auch nach USA und Kanada mal wagen, wie die damit umgehen."

Uneinheitliche Regelungen in Europa und international

In Dänemark dürfen schwule Männern bereits nach vier Monaten spenden, wenn sie in einer festen Beziehung leben, sogar ohne zeitliche Einschränkung. In Bulgarien, Italien und Portugal wird jede Person individuell nach ihrem sexuellen Risikoverhalten befragt, unabhängig der sexuellen Orientierung. Großbritannien und Kanada haben die Zeit auf drei Monate reduziert. Laut Ärztekammer-Präsident Henrik Herrmann werden die Richtlinien zur Blutspende das nächste Mal 2021 überarbeitet. Danny Clausen-Holm ist gespannt, ob er dann mit seinem Blut auch Leben retten darf.

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Ein Blutspender liegt auf einer Liege um Blut zu spenden. © picture alliance / Robert Michael Foto: Robert Michael

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 18.08.2020 | 19:30 Uhr

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