Stand: 22.08.2018 12:06 Uhr

Bauern beklagen schlechteste Ernte seit 42 Jahren

Vertrocknete Felder und viel zu kleine Früchte: Die Landwirte haben es schon lange befürchtet - nun ist es amtlich: Die Bauern haben die schlechteste Ernte in Schleswig-Holstein seit 1976 eingefahren. Am Mittwoch zogen Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), der Landesbauernverband und die Landwirtschaftskammer auf Nordstrand Bilanz. Demnach wird eine Getreidemenge von lediglich 1,7 Millionen Tonnen erwartet. Das sind 31 Prozent weniger als im Vorjahr. Fast alle Betriebe seien von Ertragsausfällen betroffen, hieß es. Grund seien die extremen Witterungsbedingungen gewesen. So war 2017 viel zu nass und 2018 viel zu trocken, wie Kammerpräsident Claus Heller sagte.

Habeck fordert Ausrufung des nationalen Notstands

Dieses Erntejahr sei bitter für die Bauern, sagte Habeck (Grüne). Er rechnet mit Ernteausfällen in Höhe von rund 400 Millionen Euro. Vor allem für viele Milchbauern seien wegen niedriger Preise die Reserven aufgebraucht. Habeck forderte auch höhere Preise für die Landwirte und eine an die Klima-Entwicklung angepasste Landwirtschaft.

In Berlin hatte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) angekündigt, dass der Bund bis zu 170 Millionen Euro für Hilfe zur Verfügung stellen werde. Insgesamt soll die Unterstützung mit den Ländern 340 Millionen Euro betragen. Habeck erklärte, dass er grundsätzlich die Soforthilfe unterstütze. Er bemängelte aber, dass die Betriebe Existenzbedrohung nachweisen müssten. "Es ist schwer zu unterscheiden, ob die Betriebe nicht zahlungsfähig sind, weil sie sich einen Rinderstall gekauft haben oder ein fettes Auto gekauft haben oder einfach kein Geld haben", sagte Habeck NDR 1 Welle Nord. "Das finde ich falsch." Er habe vorgeschlagen, pauschal nach Region und Betriebsart zu gehen, sich aber nicht durchsetzen können.

Landwirtschaftskammer: Mehr Pflanzen anbauen

Bauern könnten mit widrigem Wetter umgehen, sagte Bauernverbandspräsident Werner Schwarz. Doch das extreme Wetter im vergangenen und in diesem Jahr führte manchen Betrieb an die Grenze. Die Landwirtschaftskammer rät den Landwirten, die Fruchtfolge zu erhöhen und mehr unterschiedliche Pflanzen anzubauen, um künftig bessere Erträge einfahren zu können.

Die Ernte-Ergebnisse im Detail:

  • Roggen, Triticale und Hafer

    Roggen und Triticale (Kreuzung aus Weizen und Roggen) verzeichnen mit 5,3 Tonnen pro Hektar bzw. 4,6 Tonnen pro Hektar Erntemengenrückgänge von 25 bzw. 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Roggen stand dieses Jahr auf 22.000 Hektar Fläche und Triticale auf 6.200 Hektar. Die Haferfläche betrug 15.800 Hektar, was einer Steigerung gegenüber dem Vorjahr von 119 Prozent entspricht (Anbaufläche 2017: 7.200 Hektar). Der Haferertrag wird auf 4,3 Tonnen pro Hektar geschätzt, das sind 31 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Erntemenge bei Roggen wird auf 117.400 Tonnen geschätzt (38 Prozent weniger als im Vorjahr) und bei Triticale auf 28.100 Tonnen (minus 54 Prozent gegenüber Vorjahr). Die Hafererntemenge liegt bei 67.600 Tonnen, das sind 51 Prozent mehr als im Vorjahr. Brotroggen kostet derzeit 200 Euro pro Tonne (Vorjahr 140 Euro pro Tonne), Qualitätshafer kostet derzeit 174 Euro pro Tonne (Vorjahr 145 Euro pro Tonne).

  • Winterweizen

    Die Winterweizenerträge liegen laut der Erntebilanz mit 7,3 Tonnen pro Hektar um knapp 18 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Dies wäre der niedrigste Winterweizenertrag seit 35 Jahren (1983: 6,7 Tonnen/Hektar). In Folge des Rückgangs der Anbaufläche um 58.000 Hektar auf 127.000 Hektar liegt die Erntemenge damit mit 925.900 Tonnen um rund 44 Prozent unter der des Vorjahres.

  • Raps

    Der Ertrag bei der Rapsernte liegt bei drei Tonnen pro Hektar. Dieser liegt damit 15 Prozent unter dem schon niedrigen Vorjahresertrag (3,6 Tonnen pro Hektar). Die Erntemenge liegt bei 0,2 Mio Tonnen, das sind 36 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Rapspreis liegt bei 370 Euro pro Tonne (Vorjahr 355 Euro). Das sind 15 Euro oder vier Prozent mehr als im Vorjahr. Der Anbauumfang von Winterraps hat in Schleswig-Holstein gegenüber dem Vorjahr um 25 Prozent auf 73.000 Hektar abgenommen und liegt damit weit unter dem langjährigen Durchschnitt von 92.000 Hektar.

  • Wintergerste

    Bei Wintergerste liegen die Erträge im Schnitt bei 6,4 Tonnen pro Hektar, das sind 27 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Erntemenge liegt schätzungsweise bei rund 334.200 Tonnen, das sind rund 38 Prozent weniger als im Vorjahr. Gerste kostet derzeit rund 200 Euro pro Tonne (Vorjahr 133 Euro), das sind 30 Prozent mehr als 2017.

  • Sommergerste

    Sommergerste wurde auf einer Fläche von 31.200 Hektar angebaut, dies ist sechs Mal so viel wie im Vorjahr (2017: 5.200 Hektar). Auch diese Steigerung hängt laut Landwirtschaftskammer mit den ungünstigen Bestellmöglichkeiten im Herbst 2017 zusammen. Es wird ein Ertrag von 3,5 Tonnen pro Hektar geschätzt, dies sind 32 Prozent weniger als im Vorjahr.

  • Sommerweizen

    Sommerweizen hatte eine Anbaufläche von 33.600 Hektar, im langjährigen Durchschnitt sind es bei normalen Witterungsbedingungen 6.000 Hektar. Es wird ein Ertrag von 4,9 Tonnen pro Hektar erwartet (minus 32 Prozent zum Vorjahr).

  • Stroh

    Auch Stroh - sowohl für Futterzwecke als auch als Einstreu - ist knapp, was sich in der Preisentwicklung niederschlägt. Hier werden teils bis zu 200 Euro pro Tonne frei Hof bezahlt. Das ist fast das Doppelte wie in den bisherigen Jahren. Zuletzt sanken die Preise aber wieder.

  • Heu und Gras

    Gleiches gilt auch für Heu (getrocknetes Gras) zu Futterzwecken. Wenn es zu bekommen ist, werden für Heu Preise ebenfalls von 200 Euro pro Tonne gefordert. Auch die Grasernte mit normalerweise vier bis fünf Schnitten im Jahr ist deutlich schlechter ausgefallen. Zweiter und dritter Schnitt fielen vielerorts aus. Der erste und zweite Schnitt - wenn er stattfand - hatte rund 20 bis 30 Prozent Ertragsverluste.

  • Silomais

    Silomais hat in diesem Jahr eine Anbaufläche von rund 179.000 Hektar, das sind elf Prozent mehr als im Vorjahr. Laut Erntebilanz werden auch hier deutlich niedrigere Erträge von bis zu 50 bis 60 Prozent erwartet. Teils haben die Pflanzen keinen Kolben gebildet, und wenn, dann sind die Körner schlecht ausgebildet. Maissilage frei ab Hof kostet 50 bis 60 Euro pro Tonne, Maissilage ab Feld 35 bis 45 Euro pro Tonne.

  • Kartoffeln

    Auch die Kartoffeln sind stark von der Trockenheit betroffen. Die Kartoffelanbaufläche in Schleswig-Holstein liegt 2018 bei rund 5.600 Hektar. Davon sind rund 3.300 Hektar Speisekartoffeln und davon 400 Hektar Frühkartoffeln. Etwa 40 Prozent der Kartoffelfläche steht unter Beregnung. Es ist mit Ertragsverlusten von 30 bis 40 Prozent zu rechnen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 22.08.2018 | 12:00 Uhr

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