Menschen legen bei einer Trauerfeier im Wollepark Kerzen und Blumen nieder. © NDR Foto: Amelia Wischnewski

Tod von Qosay K. : Staatsanwaltschaft nennt Details

Stand: 16.04.2021 21:23 Uhr

Dem 19-Jährigen aus Delmenhorst, der in Polizeigewahrsam kollabierte und später starb, fehlte ein Schneidezahn. Allerdings können laut Staatsanwaltschaft nicht Polizeibeamte dafür verantwortlich sein.

von Christina Gerlach

Die Ermittlungsbehörde trat am Freitag unter anderem Spekulationen entgegen, Qosay K. sei während der Festnahme ein Schneidezahn ausgeschlagen worden. Die Familie hatte ein Obduktionsgutachten in Auftrag gegeben, aus dem bislang nur verkürzt zitiert wurde, dass der Leiche ein Zahn fehlen würde. Die Staatsanwaltschaft stellte jetzt klar, dass das darüber liegende Zahnfleisch geschlossen gewesen sei, "die Öffnung war - mit anderen Worten - zugewachsen". Der Zahn könne demzufolge nicht anlässlich der Festnahme verloren gegangen sein. Nach Recherchen des NDR soll Qosay K. eine Zahnprothese getragen haben. Möglicherweise wurde sie im Rahmen bestimmter medizinischer Maßnahmen entfernt, wie es gängige Praxis ist.

Zungenspitze fehlte?

Das von der Familie beauftragte Gutachten stellte außerdem fest, dass der Leiche die Zungenspitze fehlte. Hier wurde spekuliert, er könne sie sich abgebissen haben. Bei richterlich angeordneten Obduktionen wird üblicherweise die Zunge für eingehende Untersuchungen abgetrennt. Ebenso die Speiseröhre.

Ungewöhnliche Offenheit der Staatsanwaltschaft

Im Gutachten heißt es außerdem, dass Qosay K. stark übergewichtig war. Bei der ersten Obduktion war laut Staatsanwaltschaft Tetrahydrocannabinol im Blut nachgewiesen worden, ein in Cannabis enthaltener Wirkstoff. Dass eine Staatsanwaltschaft in einem so frühen Stadium intensiver Ermittlungen detaillierte Informationen bekannt gibt, ist außergewöhnlich. Offenbar will sie weitere Spekulationen verhindern, der Tod des 19-Jährigen sei ursächlich auf den Polizeieinsatz oder eine mangelhafte medizinische Versorgung im Polizeigewahrsam zurückzuführen. In den vergangenen Wochen waren immer wieder wüste Anschuldigungen gegen die Beamten und Sanitäter in den sozialen Medien verbreitet worden. Es heißt, Rettungskräfte hätten berichtet, sie seien in der Folge bei Einsätzen angepöbelt worden.

Qosay K. starb im Krankenhaus

Der 19-Jährige war bei einer Drogenkontrolle am frühen Abend des 5. März vor zwei Zivilpolizisten zunächst geflüchtet und kurz danach gestellt worden. Dabei soll es zu einem Handgemenge gekommen sein. Die Beamten setzten Pfefferspray ein. Ob sich Qosay K. von den herbeigerufenen Sanitätern behandeln lassen wollte oder nicht, ist unklar. Anschließend wurde er zur Blutentnahme auf die Delmenhorster Polizeiwache gebracht, wo er in der Gewahrsamszelle kollabierte. Der Notarzt ordnete dann den Transport in ein Krankenhaus in Oldenburg an. Dort starb der junge Mann am nächsten Tag gegen 22 Uhr.

Weitere Informationen
Der Schriftzug "Polizei" steht auf einem Schild, das an einer Polizeiwache in Hannover hängt. © dpa-Bildfunk/picture alliance/Hauke-Christian Dittrich Foto: Hauke-Christian Dittrich

Tod nach Festnahme: Polizei wird im Internet attackiert

In den sozialen Medien gibt es Vorwürfe gegen Delmenhorster Beamte. Der Verstorbene war in Polizeigewahrsam kollabiert. (09.03.2021) mehr

Eine Notaufnahme-Aufschrift kennzeichnet den kommenden Bereich. © picture alliance Foto: Holger Hollemann

Delmenhorst: 19-Jähriger kollabiert in Polizeigewahrsam

Der Mann war zuvor im Wollepark wegen möglichen Drogenkonsums festgenommen worden. Sein Zustand soll kritisch sein. (06.03.2021) mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 16.04.2021 | 18:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

Eine Hand hält den Impfstoff von Johnson & Johnson. © Picture Alliance Foto: Daiano Cristini / Avalon

Corona in Niedersachsen: Landkreis Vechta setzt auf Impfbus

Mit der heute startenden Aktion sollen in Sammelunterkünften lebende Menschen die schützende Spritze erhalten. mehr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen