Stand: 08.09.2019 20:14 Uhr

Ritterhude-Explosion: Fünf Jahre ohne Antworten

2014 explodierte die Chemie-Müllverbrennungsanlage von Organo Fluid in Ritterhude. Seitdem bleiben viele Fragen nach den Verantwortlichen für das Unglück offen. (Archivbild)

Am 9. September 2014 erschütterte eine schwere Explosion in der Chemiemüll-Aufbereitungsfirma Organo Fluid den Ort Ritterhude im Landkreis Osterholz. An diesem Dienstag vor fünf Jahren waren die Detonationen bis ins nahe gelegene Bremen zu hören. Stundenlang kämpften die Feuerwehrleute gegen die Flammen. Ein 60-jähriger Mitarbeiter des Recyclingbetriebs starb eine Woche nach der Explosion an seinen schweren Verletzungen, drei weitere Menschen wurden leicht verletzt. Die Druckwelle beschädigte rund 40 Häuser in dem Wohngebiet. Fenster gingen zu Bruch, Autos wurden durch umherfliegende Trümmerteile beschädigt. Zahlreiche Familien verloren vorübergehend ihr Zuhause.

Ermittlungen ohne Ergebnis

Staatsanwaltschaft und LKA ermittelten jahrelang ohne Ergebnis, viele Fragen zur Ursache des Unglücks sind bis heute ungeklärt. Im Februar 2018 stellte die Staatsanwaltschaft Verden die Ermittlungen "in wesentlichen Kernpunkten" ein. Die Begründung: Wesentliche Spuren und Geschäftsunterlagen seien nicht mehr überprüfbar - sie seien bei der Explosion im September 2014 vernichtet worden. Die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft hatten sich unter anderem auf die Geschäftsführung konzentriert. Ein Verdacht: Die Anlage könnte an behördlichen Vorgaben vorbei betrieben worden sein.

Technischer Defekt nicht ausgeschlossen

Im Zuge der Ermittlungen wurden Geschäftsräume untersucht und Zeugen vernommen, Sachverständige nahmen außerdem die Reste der zerstörten Verbrennungsanlage unter die Lupe. Doch es half nichts: Am Ende waren nicht nur zu viele Geschäftsunterlagen bei dem Unglück verbrannt. Auch die Anlage war nach Angaben der Staatsanwaltschaft zu stark zerstört worden, um eine Anklage gegen Organo Fluid auf unerlaubtes Betreiben zu erheben. Außerdem konnte laut Staatsanwaltschaft nicht ausgeschlossen werden, dass ein technischer Defekt zu der Explosion geführt hatte.

Tötung nicht zu beweisen

Ebenso wenig zu beweisen war laut Staatsanwaltschaft der Verdacht auf fahrlässige Tötung des nach dem Unfall im Krankenhaus verstorbenen Mitarbeiters. Gleiches gilt für die fahrlässige Körperverletzung anderer Verunglückter, darunter waren auch Anwohner. "Im Falle einer Anklageerhebung wäre nicht mit einer hinreichenden Wahrscheinlichkeit mit einer Verurteilung der Beschuldigten zu rechnen", hieß es in einem Statement.

Behörden im Visier

Nach dem Vorfall hatten sich die Ermittlungen auch auf die Behörden ausgeweitet. Unter anderem gab es den Verdacht, dass eine Mitarbeiterin des Gewerbeaufsichtsamts ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkam und dass Genehmigungen erschlichen wurden - mit Drohungen, Bestechung und durch falsche Angaben. Doch auch hier reichten die Beweise nicht aus, so die Staatsanwaltschaft. Um feststellen zu können, ob die Anlage an den Vorgaben vorbei betrieben wurde, waren laut Staatsanwaltschaft Bescheide der genehmigenden Behörden teilweise nicht präzise genug formuliert worden.

Das letzte noch anhängige Verfahren im Zusammenhang mit der explodierten Chemiefabrik wurde im September 2018 eingestellt. Es ging dabei um teuren Champagner, edlen Cognac, alten schottischen Whisky und andere hochprozentige und hochpreisige Alkoholika, die der Ex-Betreiber von Organo Fluid, Wolfgang Koczott, regelmäßig verteilt hatte.

Champagner für hilfreiche Behördenmitarbeiter

Nach Recherchen des NDR gab es gegen den Ex-Betreiber bereits 2008 ein Ermittlungsverfahren, das die Staatsanwaltschaft eingestellt hat. Dem NDR liegt die Liste vor, aus der hervorgeht, dass Cognac, Champagner und Whiskey schon damals nur den Behördenmitarbeitern zugesteckt wurden, die hilfreich sein konnten, wenn es um Genehmigungen und Kontrollen rund um Organo Fluid ging: Spitzenbeamte des Landkreises Osterholz, Mitarbeiter der Gemeinde Ritterhude, Bedienstete der Gewerbeaufsichtsämter Cuxhaven und Hildesheim, Beamte eines Hauptzollamts und Angestellte zweier Institute der Uni Clausthal-Zellerfeld. Der Chef der Wirtschaftsförderung des Landkreises Osterholz wurde immerhin zum Essen eingeladen. Die entsprechenden Unterlagen liegen dem NDR vor. Gegen Geldauflage von 7.500 Euro stellte die Staatsanwaltschaft Verden das Verfahren ein.

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Spuren eines verheerenden Unfalls

Die Explosion in Ritterhude im September 2014 hat einen Mitarbeiter das Leben gekostet und zahlreiche Häuser beschädigt. Die Konsequenzen des Unfalls für Anwohner, Behörden und Betreiber sind langwierig. (09.12.2017) Bildergalerie

Rabatt bei Geldauflage für Organo-Fluid-Betreiber

Koczott war offenbar nicht weiter beeindruckt, setzte die hochprozentige Präsentreihe fort. Aus dem Ermittlungsbericht der Staatsanwaltschaft Verden geht hervor, dass zwischen 2012 und 2015 insgesamt 13 Amtsträger in den Genuss hochprozentiger Alkoholika kamen. Diesmal gab es offenbar Rabatt. Koczott kostete die Einstellung des Verfahrens gegen Geldauflage von 5.000 Euro ein Drittel weniger als 2008. Die Staatsanwaltschaft Verden begründet das mit "dem relativ geringen Wert der Zuwendungen", der zwischen 9 und im Einzelfall 90 Euro betragen habe. Es sei "nicht anzunehmen, dass damit bestimmte pflichtwidrige Dienstleistungen honoriert werden sollten."

"Gesunder Menschenverstand hätte gereicht"

Jahrelang wurden die Anwohner mit ihrer Kritik an der Sondermüllverbrennungsanlage inmitten der schmucken Wohnhäuser von den Behörden abgewimmelt. Mitarbeiter der Gemeinde Ritterhude, des Landkreises Osterholz und der Gewerbeaufsichtsämter Cuxhaven und Hildesheim, aber auch der Staatsanwaltschaft Verden machten sich nicht die Mühe, die Genehmigungslage einmal zu hinterfragen. "Dazu braucht es noch nicht einmal profunde Paragrafen-Kenntnisse", sagt Anwohner Karl-Friedrich Brust, "gesunder Menschenverstand hätte gereicht."

Anwohner fassungslos und enttäuscht

Was auch Jahre nach dem Unglück bleibt, ist die Verbitterung bei den Anwohnern. Nachbar Herbert Dachwitz hatte jahrzehntelang unter Dreck, Gestank und Lärm gelitten. Als die Staatsanwaltschaft Verden die Ermittlungen gegen Betreiber und Behörden 2018 einstellte, war er empört: "Dass bereits ein Staatsanwalt im Vorfeld entscheidet, dass das alles nicht reicht für eine Anklage, dieser immense Schaden, der bei den Menschen hier materiell und immateriell entstanden ist - das finde ich unmöglich."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 09.09.2019 | 13:30 Uhr

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