Patientenmorde: Zelle von Niels Högel nach Aussage durchsucht

Stand: 02.03.2022 06:52 Uhr

Sieben ehemalige Vorgesetzte von Niels Högel stehen unter anderem wegen Totschlags vor Gericht in Oldenburg. Am Dienstag hat der Ex-Pfleger als Zeuge ausgesagt. Darauf wurde seine Zelle durchsucht.

Die Strafverteidiger der Angeklagten hatten dies beantragt. Sie wollen Högels Notizen beschlagnahmen lassen, die er sich zu den Akten der Verstorbenen vor seinem Prozess 2018 machte. Sie sollen im weiteren Prozessverlauf als Erinnerungsstützen dienen, so ein Gerichtssprecher. Außerdem wollten die Verteidiger den Vertrag mit dem Sender RTL beschlagnahmen lassen. Damit wollen sie herausfinden, ob er für sein umstrittenes Interview für einen Fernsehbeitrag honoriert wurde.

Högel soll weiter aussagen

Das Landgericht Oldenburg befasst sich seit dem 17. Februar mit drei Morden von Niels Högel in Oldenburg und fünf in Delmenhorst. Angeklagt sind vier ehemalige Vorgesetzte des ehemaligen Krankenpflegers aus dem Klinikum Oldenburg sowie drei aus Delmenhorst. Es geht um die Frage, ob die Vorgesetzten eine Mitschuld trifft. Unter den Angeklagten sind unter anderem ein damaliger Klinik-Geschäftsführer, ein Arzt, eine Pflegedirektorin und ein Pflegedienstleiter. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg wirft ihnen vor, von den Tötungen gewusst, diese aber nicht gestoppt zu haben. Die Anklage lautet unter anderem auf Totschlag und Beihilfe zur Tötung durch Unterlassen. Mit der Aussage Högels, die heute fortgesetzt werden soll, erhofft sich das Landgericht Hinweise darauf, ob sich seine Ex-Vorgesetzten schuldig gemacht haben.

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Das Klinikum Oldenburg. © Screenshot
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Högel-Morde: Prozess um Vorgesetzte in Oldenburg (17.02.2022)

Die sieben Angeklagten sollen nicht gehandelt und ihren Kollegen Niels Högel bei den Morden nicht aufgehalten haben. 3 Min

Psychologe prüft Högels Glaubwürdigkeit

Am Dienstagvormittag betrat Högel ohne Handschellen und unter Begleitung von Justizbeamten den für den Prozess abgetrennten Saal der Weser-Ems-Halle in Oldenburg. Der Vorsitzende Richter wies den 45-Jährigen darauf hin, dass er die Wahrheit sagen müsse. Weil er als narzisstisch und als notorischer Lügner gilt, soll der psychologische Sachverständige Max Steller seine Aussagen auf Glaubhaftigkeit prüfen. Steller hatte Högel damals im Mordprozess "eine hohe Lügenneigung und eine hohe Lügenbereitschaft" attestiert. Högel sei in der Lage, qualitativ hochwertige Falschaussagen zu machen, so Steller im Mordprozess.

Alle Vorwürfe werden neu geprüft

Högel schilderte eingangs seinen beruflichen und persönlichen Werdegang. Der Richter fragte ihn anschließend, wie viele Menschen er getötet habe. Högel antwortete, dass er wisse, weshalb er verurteilt worden sei. "Ich könnte aber niemals sagen, ob das die endgültige Zahl ist. Das kann ich wirklich nicht sagen." Der ehemalige Krankenpfleger war im Juni 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte Patienten mit Medikamenten vergiftet, um sie danach reanimieren zu können. Dabei waren immer wieder Menschen gestorben. Weil für die Angeklagten die Unschuldsvermutung gilt, dürfen die Ergebnisse des vorhergehenden Prozess nicht einfach übernommen werden. Stattdessen müssen alle Vorwürfe, die in diesem Prozess relevant sind, neu eingebracht, geprüft, bewiesen oder widerlegt werden.

Hinterbliebener "positiv überrascht" von Högel

So berichtet Högel an diesem Dienstag vom Zeugenstuhl aus erneut davon, wie er seine Opfer tötete und weshalb er die wehrlosen Patienten umbrachte. Bei der Befragung durch die Anwälte der Angeklagten zeigte Högel Wissenslücken. Weil er "möglichst objektiv" als Zeuge helfen wolle, habe er habe sich nicht weiter inhaltlich auf den Prozess vorbereitet, sagte er. Ein Nebenkläger im damaligen Prozess zeigte sich anschließend "positiv überrascht" vom Auftreten des Zeugen. Christian Marbachs Großvater gehörte zu den Opfern Högels. Nun sagte Marbach, dass Högel bei seinem ersten Auftritt als Zeuge "offen und reflektiert" in der Rückschau berichtet habe. Zwar werde ihm erneut eine Bühne geboten. Aber so "widerlich" es sei: "Niemand hat bessere Informationen als der Täter", so Marbach beim ersten Prozesstag.

18 Strafverteidiger für sieben Angeklagte

Die Anklagebehörde erklärte bei der Eröffnung des Folge-Prozesses, dass die Angeklagten die Morde an Patientinnen und Patienten mit an "Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" hätten verhindern können - etwa indem sie den Pfleger vom Dienst freigestellt oder die Polizei eingeschaltet hätten. Allen sieben Angeklagten sei von bestimmten Zeitpunkten an klar gewesen, dass von Högel eine Gefahr für die Patienten ausgehe, sagte Staatsanwältin Gesa Weiß am Donnerstag. Sie warf ihnen vor, aus Sorge um den Ruf der Kliniken und aus Angst, sich dem Vorwurf des Mobbings auszusetzen, nicht eingeschritten zu sein. Die sieben Angeklagten lassen sich von insgesamt 18 Strafverteidigern vertreten. Diese wiesen in ersten Statements alle Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zurück.

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Der wegen Mordes angeklagte Niels Högel sitzt im Gerichtssaal neben seinen Anwältinnen Ulrike Baumann (m.) und Kirsten Hüfken (r.). © dpa-Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich

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Ein Angeklagter verhandlungsunfähig

Eigentlich hätten am ersten Tag des Prozesses acht Angeklagte vor Gericht stehen sollen. Doch einer der acht Angeklagten ist schwer erkrankt und verhandlungsunfähig. Das Verfahren gegen ihn wurde nun abgetrennt, wie das Landgericht Oldenburg am Montag mitteilte. Sobald der "nunmehr gesondert Verfolgte wieder verhandlungsfähig sein sollte, wird das Verfahren gesondert gegen ihn fortgesetzt werden", so das Gericht.

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Was in Ihrer Region wichtig ist, hören Sie in dem Mitschnitt der 15.00 Uhr Regional-Nachrichten auf NDR 1 Niedersachsen. 8 Min

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 02.03.2022 | 07:00 Uhr

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