Stand: 21.11.2018 18:35 Uhr

Mordprozess: Högel spricht von Scham und Ekel

von Oliver Gressieker

Niels Högel hat tiefe Augenränder und wirkt ziemlich blass. In einer dunklen Trainingsjacke sitzt der Ex-Krankenpfleger auf der Anklagebank, seine Haltung ist leicht gebückt. Dennoch gibt er sich Mühe, die Fragen der Richter und der Anwälte ruhig und sachlich zu beantworten. Wie gut kann Högel sich an die ihm vorgeworfenen Taten erinnern und was ist er bereit zu sagen? Das sind die entscheidenden Punkte am zweiten Verhandlungstag des Mammut-Mordprozesses vor dem Oldenburger Landgericht. Es geht um 100 Patienten, die der 41-Jährige an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst mit überdosierten Medikamenten getötet haben soll.

Noch kein Geständnis

Zu Beginn der Verhandlung macht der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann deutlich, dass Högel beim Prozessauftakt Ende Oktober entgegen mancher Berichte keineswegs alle Taten gestanden hat. Der Angeklagte habe lediglich eingeräumt, dass die Vorwürfe in der Mehrheit zutreffen würden. Bührmann betont, dass weiterhin die Unschuldsvermutung gelte und bei Null begonnen werde. "Es geht nicht darum, dass er alles nur abnickt", sagt der Richter. "Dann könnten wir uns das Verfahren auch sparen." Für den zweiten Verhandlungstag sind 30 Fälle eingeplant, auf die sich Högel anhand von Patientenakten auf einem speziell gesicherten Laptop vorbereiten sollte. Bührmann bittet Högel, sich zu jedem einzelnen Vorwurf so klar wie möglich zu äußern, was dieser mit einem leichten Nicken zur Kenntnis nimmt.

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Keine Erinnerung an ersten Tatvorwurf

Dass die Aufarbeitung der angeklagten Taten keine einfache Aufgabe ist, wird bereits beim ersten Fall deutlich. Högel erklärt, er habe keine Erinnerungen an die am 7. Februar 2000 verstorbene Frau. Gleichzeitig könne er aber auch nicht mit Sicherheit ausschließen, dass er die Patientin mit Medikamenten getötet habe. "Möglicherweise war es meine erste Manipulation", sagt der ehemalige Krankenpfleger. Rund 50 der insgesamt 126 Nebenkläger verfolgen regungslos die Aussage von Högel, die auf zwei Videoleinwänden übertragen wird.

Högel schließt Manipulation in einem Fall aus

An den zweiten Patienten, der fünf Monate später starb, kann sich Högel dagegen sehr gut erinnern. Er begründet dies damit, dass der Mann an eine besondere Herz-Lungen-Maschine angeschlossen gewesen sei, die er zuvor noch nie gesehen hatte. Das Bild habe er heute noch vor Augen. Dann folgt eine Überraschung: Auf Nachfrage des Richters sagt Högel mit fester Stimme, dass er sicher ausschließen könne, an diesem Patienten manipuliert zu haben. Der Grund: Eine ihm nicht wohlgesonnene Schwester habe das Zimmer so gut wie nie verlassen. Für die später festgestellte erhöhte Ajmalin-Konzentration im Körper des Toten hat Högel keine Erklärung. Das sei ungewöhnlich, aber er wolle keine Kollegen anprangern.

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"Balkon-Fall" bleibt hängen

Auch bei den folgenden Fällen ist das Erinnerungsvermögen von Högel sehr unterschiedlich. Ins Gedächtnis gebrannt haben sich bei ihm hauptsächlich die Opfer mit außergewöhnlichen Krankheitsverläufen. Högel berichtet zum Beispiel von Patienten mit offenem Brustkorb, einem seltenen Vakuum-Verband oder massiven Durchblutungsstörungen im Kopf. Hier braucht er nicht lange zu überlegen, um die Manipulationen zu gestehen. Das gilt auch für den "Balkon-Fall": Im März 2001 tötete Högel nach eigenen Angaben eine Patientin mit einer Überdosis Ajmalin. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Eine von ihm sehr geschätzte Kollegin, mit der Högel später sogar liiert war, kannte die Tochter der Frau. Nach dem Tod der Patientin stand die Kollegin weinend auf einem Balkon, wo sie von Högel getröstet wurde. "Da hatte ich schon etwas Mitgefühl", sagt er, um gleich einzuschränken: "Aber auch nur bedingt."

Patientin stirbt nach Reanimation durch Arzt

In einem weiteren Fall macht Högel einen Arzt am Klinikum Oldenburg indirekt für den Tod einer Patientin verantwortlich. Dieser habe nach einer Manipulation die Reanimation übernommen und ein Kollege habe noch gesagt: "Bitte drücken Sie mir diese Patientin nicht kaputt." Doch der Arzt habe sich nicht aufhalten lassen. Später sei dann festgestellt worden, dass eine gebrochene Rippe die Herzkammer zerstoßen hatte.

"Wer sollte es sonst gewesen sein?"

Insgesamt räumt Högel in 15 der 26 am Mittwoch verhandelten Fälle Manipulationen ein. Ein Mal bestreitet er ausdrücklich, eingegriffen zu haben, und bei zehn Patienten kann er sich nicht erinnern. Dass er diese getötet haben könnte, schließt er aber auch nicht aus. "Wer sonst sollte es gewesen sein", sagt Högel. "Ich kann mir keinen anderen vorstellen, der so etwas tut." Für die betroffenen Nebenkläger ist das ein schwieriger Moment. Mangels Erinnerung wird der Fall ihrer Angehörigen in nur wenigen Minuten abgehandelt - ohne endgültige Gewissheit über das genaue Schicksal.

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Opfer nach Krankheitsbildern ausgesucht

Bei seinen Taten ging Högel nach eigener Aussage immer ähnlich vor. Er habe sich fast ausschließlich sedierte Opfer ausgesucht, bei deren Krankheitsbildern kein Verdacht aufkommen würde, wenn es zu lebensbedrohlichen Komplikationen komme. Ob er selbst oder Kollegen für die Patienten zuständig gewesen seien, habe keine Rolle gespielt. Wenn die herbeigeführten Reanimationen missglückten, habe ihn das völlig kalt gelassen. "Trauer habe ich in dem Sinne nicht empfunden", sagt er mit gesenktem Blick. "Ich selbst war empathielos und eiskalt."

Dunkelziffer ist hoch

Die genaue Zahl der Taten lässt sich aufgrund zahlreicher Feuerbestattungen nicht mehr klären. In der Verhandlung wird aber einmal mehr deutlich, dass die Dunkelziffer vermutlich sehr hoch ist. Ein Indiz dafür: Zwischen den angeklagten Fällen liegen zum Teil mehrere Monate. Darauf angesprochen sagt Högel, er könne sich nicht vorstellen, eine so lange Pause eingelegt zu haben. Außerdem räumt der Ex-Krankenpfleger ein, dass mehr als die Hälfte der von ihm provozierten Reanimationen erfolgreich verlief: "Das war mein Motivator."

Högel zeigt Reue

Mittlerweile kann Högel nach eigener Aussage seinen damaligen Antrieb, den er mit psychischen Problemen und Medikamentenmissbrauch erklärt, nicht mehr nachvollziehen. "Ich empfinde Scham und teilweise Ekel vor mir selbst", sagt Högel auf die Frage einer Nebenkläger-Anwältin, was er heute empfinde. "Ich kann mir nicht erklären, wie ich so werden konnte und was für ein Mensch ich bin." Dann folgt ein Satz, auf den viele Angehörige lange gewartet haben: "Jeder einzelne Fall, auch wenn man es mir vielleicht nicht glaubt, tut mir unglaublich leid."

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Hallo Niedersachsen | 21.11.2018 | 19:30 Uhr

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