Stand: 06.06.2019 16:22 Uhr

Högel-Urteil: Zwischen Ohnmacht und Erleichterung

von Oliver Gressieker
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Ex-Krankenpfleger Niels Högel (unten links) ist vom Landgericht Oldenburg wegen 85-fachen Mordes verurteilt worden.

85-facher Mord und 15 Freisprüche aus Mangel an Beweisen: Als der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann am Oldenburger Landgericht das Urteil im Prozess gegen den Ex-Krankenpfleger Niels Högel verkündet, fallen die Reaktionen bei den Angehörigen extrem unterschiedlich aus. Auf der einen Seite Erleichterung über die nun endlich vorhandene Klarheit, auf der anderen Seite Ohnmacht und Fassungslosigkeit über die Freisprüche.

Der wegen Mordes angeklagte Niels Högel kommt in den Gerichtssaal. © dpa-Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich

Lebenslang für Ex-Krankenpfleger Niels Högel

Hallo Niedersachsen -

Für 85 Morde muss der Ex-Krankenpfleger Niels Högel lebenslang ins Gefängnis. Neben der Freiheitsstrafe erhält er auch ein Berufsverbot. Dazu stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest.

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Freisprüche treffen Angehörige schwer

"Das ist einfach nur bitter und frustrierend", sagt zum Beispiel Frank Brinkers, dessen Vater 2001 im Klinikum Oldenburg möglicherweise von Högel getötet worden war. "Ich bin jahrelang durch die Hölle gegangen und jetzt gibt es noch immer keinen eindeutigen Nachweis. Mein Kopf ist einfach nur leer." Noch schlimmer erwischt es eine andere Nebenklägerin. Als sie vom Freispruch im Fall ihres Angehörigen hört, bricht sie im Gerichtssaal zusammen.

Erleichterung nach Urteil

Bei der Mehrzahl der insgesamt 126 Nebenkläger überwiegt nach dem Urteil allerdings die Erleichterung. "Heute ist ein wichtiger Tag für uns, um endlich abschließen zu können", betont Andrea Wenneker. Ihr Vater war im Dezember 2002 das erste nachgewiesene Opfer von Högel am Klinikum Delmenhorst. "Der Angeklagte hat die gerechte Strafe bekommen. Das ist alles, was wir für Papa noch tun konnten", sagt Wenneker. Die Freisprüche in anderen Fällen seien aber schon sehr schockierend gewesen, ergänzt ihre Schwester Sabine Niehaus.

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Anwältin: "Wir haben das Bestmögliche rausgeholt"

Auch die Delmenhorster Rechtsanwältin Gaby Lübben, die einen Großteil der Nebenkläger vertreten hat, ist mit der Entscheidung der Kammer grundsätzlich zufrieden. "Wir haben gekämpft und das Bestmögliche herausgeholt", sagt sie im Gespräch mit NDR.de. "Das werde ich meinen Mandanten jetzt klar machen." Letztendlich sei vor allem entscheidend, dass Högel möglichst nie mehr aus dem Gefängnis kommt. Lübben räumt ein, dass sie in der Nacht vor dem Urteil unruhig geschlafen habe. "Ich hatte wirklich große Angst vor noch mehr Freisprüchen", sagt sie.

Ein Teil des Nebels bleibt

Richter Bührmann ist die Bedeutung der Freisprüche für die betroffenen Angehörigen bewusst. "Trotz aller Bemühungen konnten wir einen Teil des Nebels nicht beseitigen", sagt er mit sichtlich bewegter Stimme. "Es tut uns unheimlich leid, dass Sie in Ungewissheit bleiben. Das erfüllt uns mit Trauer." In den betroffenen Fällen würden die Beweise für eine Verurteilung aber nicht ausreichen, erläutert Bührmann. Bei 14 Patienten sei zwar der Wirkstoff Lidocain nachgewiesen worden, dieser könnte theoretisch aber auch durch Gels oder Sprays in die Körper der Verstorbenen gelangt sein. Zudem habe der medizinische Gutachter Wolfgang Koppert die Wahrscheinlichkeit einer Manipulation lediglich als "möglich" beziehungsweise "nicht ausschließbar" bezeichnet. Bei einer Patientin wiederum, bei der Högel eine Manipulation eingeräumt hatte, sei überhaupt kein Wirkstoff gefunden worden. Da darüber hinaus das Geständnis offensichtliche Fehler enthalten habe, sei das Gericht hier von einem Irrtum des Angeklagten ausgegangen.

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"Ihre Taten sind unbegreiflich und Ihre Schuld ist unfassbar"

Nach dem Urteilsspruch wendet sich Bührmann mit deutlichen Worten direkt an Högel. "Ihre Taten sind unbegreiflich und Ihre Schuld ist unfassbar. Da kapituliert der menschliche Verstand", sagt er. "Manchmal reicht die schlimmste Fantasie nicht aus, um die Wahrheit zu beschreiben." Er sei sich vorgekommen wie ein Buchhalter des Todes. Högel nimmt die Ausführungen regungslos zur Kenntnis. Um die Dimension der Taten zu verdeutlichen, verweist Bührmann auf das Rechtssystem in den USA, wo die Strafen für einzelne Taten addiert werden: "Dort hätten sie 1.275 Jahre Gefängnis bekommen." Nach deutschem Recht bleibt der Kammer dagegen nur die Möglichkeit, die besondere Schwere der Schuld festzustellen. Dadurch kann Högel erst dann wieder aus der Haft entlassen werden, wenn er keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit darstellt. Zusätzlich zur lebenslangen Haftstrafe eine Sicherungsverwahrung anzuordnen, sei in diesem Fall aus rechtlichen Gründen nicht möglich, erklärt Bührmann. Die Haftzeit für Högel würde sich dadurch aber eh um keinen einzigen Tag verlängern oder verkürzen.

Klinikmitarbeiter müssen sich verantworten

Auch nach dem Urteil ist der Fall juristisch noch längst nicht abgeschlossen. Das Landgericht Oldenburg hat bereits ein Verfahren gegen vier Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst eröffnet. Ihnen wird Totschlag durch Unterlassen vorgeworfen. Sie sollen weitere Morde und Mordversuche nicht verhindert haben, nachdem bereits der Verdacht bestanden haben soll, dass Högel an Patienten manipuliert hat. Wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft Oldenburg, Martin Koziolek, gegenüber NDR.de sagte, kann der Prozess beginnen, sobald das Urteil gegen Högel rechtskräftig ist. Aufgrund des organisatorischen Vorlaufs sei dies aber vermutlich erst Anfang kommenden Jahres der Fall. Högel dürfte dann aller Voraussicht nach als Zeuge geladen werden.

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Ermittlungen in Oldenburg laufen noch

Darüber hinaus ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg derzeit noch gegen fünf leitende Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg. Nach Angaben von Koziolek soll voraussichtlich Ende des Jahres entschieden werden, ob gegen sie Anklage erhoben wird. Im Mai 2018 hatte die Polizei die Diensträume und die Privatwohnung eines Stationsleiters durchsucht. Dabei waren elektronische Speichermedien und Unterlagen sichergestellt worden. Einer der Beschuldigten soll bereits 2001 eine handschriftliche Strichliste geführt haben, auf der die auffällig häufige Beteiligung von Högel an Reanimationen und Sterbefällen dokumentiert war.

Richter kritisiert Zeugen und Klinik-Geschäftsführer

Unter anderem wegen dieser Liste übt Richter Bührmann im Rahmen der Urteilsverkündung deutliche Kritik an Dirk Tenzer, dem derzeitigen Geschäftsführer des Klinikums Oldenburg. Tenzer habe die Strichliste und weitere wichtige Protokolle jahrelang unter Verschluss gehalten, weil er angeblich die Relevanz nicht erkannt habe. Außerdem sei offenbar durch von der Klinik bezahlte Zeugenbeistände versucht worden, Mitarbeiter in ihren Aussagen zu beeinflussen. "Es gab auffälligen Unwillen und eine merkwürdige Uniformität bei den Oldenburger Zeugen", bemängelt Bührmann. Auch hier drohen noch juristische Konsequenzen: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat acht Verfahren wegen Meineids und zwei wegen Falschaussagen eingeleitet.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 06.06.2019 | 19:30 Uhr

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