Stand: 21.02.2019 20:08 Uhr

Högel-Prozess: Mühsame Suche nach der Wahrheit

von Oliver Gressieker

Am zwölften Verhandlungstag im Mordprozess gegen den Ex-Krankenpfleger Niels Högel wird schon zu Beginn klar, dass eine besondere Spannung in der Luft liegt. Fast 200 Zuhörer - deutlich mehr als sonst - strömen in den Festsaal in der Oldenburger Weser-Ems-Halle. Wegen des großen Andrangs verschiebt der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann den Sitzungsbeginn um eine halbe Stunde. Es ist vor allem eine große Frage, die im Raum steht: Wie wirken sich die von der Staatsanwaltschaft eingeleiteten Meineid-Verfahren gegen vier vorherige Zeugen auf das Aussageverhalten bei den Vernehmungen vor dem Landgericht aus?

Richter appelliert an Högel

Passend zum Thema Wahrheit appelliert Bührmann zunächst allerdings überraschend an den wegen hundertfachen Mordes angeklagten Högel, doch noch alle Karten auf den Tisch zu legen. "Das Gefühl, dass Sie sich nicht komplett geöffnet haben, zieht sich durch die ganze Verhandlung", betont der Richter. "Damit haben wir zu kämpfen." Besondere Kopfschmerzen bereite ihm die Vorstellung, dass Högel 2002 am Klinikum Oldenburg nach seiner Versetzung in die Anästhesie "trotz seiner fast suchtartigen Züge" monatelang keine Patienten getötet haben will. Es wäre fatal, wenn sich später das Gegenteil herausstellen sollte, sagt Bührmann. "Wenn Sie noch irgendetwas Gutes tun wollen in diesem Verfahren, dann ist das die Wahrheit."

Krankenpfleger mit Erinnerungslücken

Die Bedeutung einer wahrheitsgemäßen Aussage macht Bührmann auch dem ersten Zeugen des Tages deutlich, einem ehemaligen Krankenpfleger am Klinikum Oldenburg. Der 48-Jährige gibt sich zunächst ausgesprochen selbstbewusst und erinnert den Richter daran, dass er im Dezember auf einer Hochzeit gemeinsam mit ihm gefeiert habe. Bührmann ignoriert diesen Hinweis jedoch geflissentlich und beginnt direkt mit der insgesamt dreistündigen Vernehmung. Der Zeuge beschreibt Högel als sehr hilfsbereiten, beliebten und kompetenten Kollegen. Wie viele andere Klinik-Mitarbeiter zuvor kann aber auch er sich an so gut wie keine konkrete Situation erinnern. Weder von einer Kalium-Konferenz noch von einer Strichliste zur Reanimationshäufigkeit oder sonstigen Verdachtsmomenten gegen Högel will er etwas gewusst haben.

Richter: "Ich spüre den enormen Druck bei Ihnen"

Bührmann macht daraufhin sofort klar, dass er große Zweifel an den Aussagen hat. Es falle ihm schwer, zu glauben, dass nicht über mögliche Vorfälle in Oldenburg gesprochen worden sei, so der Vorsitzende Richter. Gleichzeitig versucht er, dem nun sichtlich verunsicherten Zeugen eine Brücke zu bauen. "Ich spüre einen enormen Druck bei Ihnen", sagt Bührmann. "Aber ich kann versichern, dass Sie überhaupt nichts zu befürchten haben."

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Große Widersprüche zu früherer Aussage

Trotz dieser wohlwollenden Worte werden die Widersprüche noch offensichtlicher, als Bührmann den 48-Jährigen mit einem Gesprächsprotokoll aus dem Jahr 2014 konfrontiert. Damals hatte sich der Zeuge mit dem aktuellen Geschäftsführer des Oldenburger Klinikums, Dirk Tenzer, über den Fall Högel unterhalten. In dem Protokoll wird der Krankenpfleger unter anderem mit den Worten "Nach Högels Wechsel in die Anästhesie ging es da los" zitiert. Außerdem soll er sich verwundert gezeigt haben, dass alles so lange "nicht hochgekommen" und "verschwiegen" worden sei. An diese Aussagen kann er sich nun genauso wenig erinnern wie an ein Treffen mit einer Vorgesetzten, die er laut dem Gesprächsprotokoll bereits 2004 oder 2005 auf ungewöhnliche Notfall-Situationen hingewiesen haben soll. "Ich kann mir das nur so erklären, dass ich das Gespräch vielleicht verdrängt oder einen Blackout habe", rechtfertigt sich der Zeuge.

Vorwürfe gegen ehemaligen Freund

Äußerst schwierig gestaltet sich die Suche nach der Wahrheit auch, als dem Zeugen von der Kammer diverse SMS-Nachrichten und E-Mails aus dem Jahr 2014 vorgelegt werden. Darin hatte er sich mit einem damals noch befreundeten Kollegen ausgetauscht. Dieser hat im Laufe des Prozesses bereits umfassend ausgesagt und sich dabei häufig auf Erzählungen seines Freundes und Trauzeugen berufen. Der 48-Jährige warf seinem früheren Mitstreiter nun vor, sich völlig verrannt und vieles durcheinander gebracht zu haben. Außerdem habe er sich in den Mittelpunkt stellen und profilieren wollen. Die auf die Leinwände projizierten Nachrichten erwecken dagegen einen ganz anderen Eindruck: Darin lobt der Zeuge immer wieder den bedingungslosen Aufklärungswillen seines Bekannten und deutet zudem an, von Verdachtsmomenten gegen Högel gewusst zu haben. Richter Bührmann gibt sich damit nicht zufrieden und lässt den Krankenpfleger nach seiner Aussage vereidigen.

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Ex-Betriebsrätin beklagt Mauern der Verwaltung

Das gleiche Schicksal ereilt im Anschluss auch eine frühere Betriebsrätin des Klinikums. Die 59-Jährige berichtet anhand von diversen Notizen über Gespräche mit der Klinikleitung und Högel, nachdem dieser im Herbst 2002 aus dem Verkehr gezogen werden sollte. Als Begründung sei damals von der Geschäftsführung lediglich fehlendes Vertrauen angegeben worden. "Ich hatte den Eindruck, dass die Verwaltung mauert", sagt die Frau. "Wenn wir nachgefragt haben, gab es nur ausweichende Antworten."

Richter hat Zweifel an Aussagen

Die Krankenschwester gerät selbst ins Schlingern, als ihr Bührmann weitere Notizen vorhält, in denen thematisiert wird, dass Högel vorsätzlich Notfall-Situationen herbeigerufen haben soll. An die entsprechenden Gespräche könne sie sich nicht konkret erinnern, so die Zeugin. Weitere Gedächtnislücken offenbart die 59-Jährige, als der Vorsitzende Richter sie damit konfrontiert, dass der Personalrat des Klinikums Delmenhorst 2005 die Oldenburger Kollegen kontaktierte, um sich nach Auffälligkeiten in Bezug auf Högel zu erkundigen. Sie könne diese Anfrage weder zeitlich einordnen noch etwas zum genauen Inhalt sagen, beteuert die Zeugin. Bührmann entgegnet, dass er sich dies nicht vorstellen könne und kündigt daraufhin die Vereidigung an. Die Suche nach der Wahrheit bleibt im Prozess gegen Niels Högel eine anspruchsvolle Herausforderung mit vielen unterschiedlichen Facetten.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 21.02.2019 | 19:30 Uhr

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