Stand: 04.01.2019 16:07 Uhr

Högel-Prozess: Ermittler belasten Klinikpersonal

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Arne Schmidt (rechts, bei einer Pressekonferenz 2015) sagte am Donnerstag als erster Zeuge vor dem Landgericht Oldenburg gegen Niels Högel aus. (Themenfoto)

Schwere Vorwürfe gegen Klinikmitarbeiter: An den Verhandlungstagen sechs und sieben des Mordprozesses gegen den Ex-Krankenpfleger Niels Högel haben erstmals Beamte der Sonderkommission "Kardio" vor Gericht ausgesagt. Sie belasten das Personal der betroffenen Kliniken Delmenhorst und Oldenburg, in denen Högel laut Anklage bis zu 100 Menschen umgebracht haben soll, schwer. Die Vorwürfe: Unkontrollierter Zugang zum Herzmedikament Gilurytmal, Zurückhalten von Informationen bei Vernehmungen, Druck von Vorgesetzten, zu schweigen. Und das, obwohl es Gerüchte gab und Zeugen dem 42-jährigen mutmaßlichen Massenmörder den Spitznamen "Rettungs-Rambo" gegeben haben sollen. Ein Beamter sagte: "Das Aussageverhalten war reduziert."

Wenig kooperativ: Ermittler beklagen Klima des Schweigens

Die Aussagen der Sonderermittler lassen den Schluss zu, dass die Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst nicht besonders aktiv an einer Aufklärung der Tötungsdelikte interessiert waren. Die Polizisten berichteten von Zeugen, die Auffälligkeiten gegenüber Kollegen geäußert haben wollen und von diesen zum Schweigen gebracht wurden. Vorgesetzte sollen vor Befragungen durch die Beamten Druck ausgeübt haben. Zudem seien alle Zeugen mit einem von der Klinik beauftragten und bezahlten Anwalt zu den Vernehmungen bei der Polizei erschienen. Dies sei, so die Erkenntnisse aus einer Telefonüberwachung, auf Anweisung von Führungskräften geschehen. Die Spezialisten beklagten, dass die Zeugen unkooperativ gewesen seien und Informationen zurückgehalten hätten.

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Vorwurf an Klinik: Medikamentenmissbrauch wurde gefördert

Als erster sagte am Donnerstag Arne Schmidt aus, der von Oktober 2014 bis August 2017 die 15-köpfige Soko "Kardio" leitete. Der Kriminaloberrat berichtete mehr als drei Stunden lang von den Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Massenmörder Niels Högel. Er kritisierte, dass das Krankenhaus Delmenhorst 2004 den Zugang zu dem Medikament Gilurytmal, mit dem Högel viele Patienten zu Tode gespritzt haben soll, erleichtert habe. Die Autorisierung von Ärzten sei weggefallen. Daraufhin sei ein Anstieg bei Bestellungen registriert worden. Diesen Anzeichen sei offenbar nicht nachgegangen worden, obwohl Högel in Delmenhorst in "bei 75 Prozent der Sterbefälle" zwischen Dezember 2002 und Ende Juni 2005 im Dienst gewesen sei, wie ein inzwischen pensionierter Ermittler berichtete. Die Soko "Kardio" deckte 84 Tötungen in der Klinikmordserie auf. Die Beamten ließen im Laufe der Ermittlungen 134 Exhumierungen durchführen. Die Gewebeproben seien in der Medizinischen Hochschule Hannover und der Universität Lausanne in der Schweiz untersucht worden.

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Chefermittler: "Am Ende stand allein das Töten im Vordergund"

Der ehemalige Chefermittler Schmidt ging während seiner Aussage hart mit dem Angeklagten ins Gericht. Er warf dem Ex-Pfleger vor, in dessen Befragungen gelogen zu haben und seine narzisstischen Neigungen auszuleben. "Was nicht zu beweisen ist, gibt er auch nicht zu", resümierte Schmidt seine Erfahrung aus 30 Vernehmungsstunden mit Högel. So habe der 42-Jährige lange massiv abgestritten, in Oldenburg überhaupt jemandem geschadet zu haben. Von einer aktiven Mitarbeit zur Aufklärung aller Fälle könne keine Rede sein. Zudem sei sein Motiv, als Retter dazustehen, fraglich. Der Chefermittler sagte: "Am Ende stand allein das Töten im Vordergrund." Aus Sicht der Ermittler seien alle 100 Taten unzweifelhaft. Darüber hinaus seien nicht alle fraglichen Fälle geklärt. Högel habe ehrenamtlich als Rettungssanitäter und Altenpfleger gearbeitet. Auch hier sei es zu Auffälligkeiten gekommen. Die Beweise seien allerdings nicht ausreichend.

Am 22. Januar stehen Pfleger und Ärzte im Zeugenstand

Laut Anklageschrift soll der ehemalige Krankenpfleger in den Jahren 2000 bis 2005 in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst 100 Patienten mit Medikamenten vergiftet haben, die zum Herzstillstand oder Kammerflimmern führten. Anschließend versuchte er, sie wiederzubeleben, um als rettender Held dazustehen. Högel, der seit Prozessbeginn am 30. Oktober 2018 zu jedem Todesfall befragt wurde, hat 43 Taten zugegeben. Zudem ist er für sechs Taten auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst bereits zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Das Gericht will an den nächsten Prozesstagen 38 Zeugen vernehmen. Am 22. Januar sollen Pfleger und Ärzte des Klinikums Oldenburg aussagen. Später werden forensische Gutachter und ehemalige Freundinnen des angeklagten Ex-Pflegers Högel befragt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 04.01.2019 | 15:00 Uhr

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