Stand: 30.10.2018 16:11 Uhr

Der mordende Krankenpfleger - alles zum Prozess

In Oldenburg hat der bundesweit größte Mordprozess der Nachkriegszeit begonnen. Der bereits verurteilte Ex-Krankenpfleger Niels Högel muss sich wegen 100 weiterer mutmaßlicher Morde an Patienten der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst verantworten. Weil zu dem Verfahren 126 Nebenkläger zugelassen wurden, findet der Prozess aus Platzgründen nicht im Landgericht, sondern in der Weser-Ems-Halle statt. Bis Mitte Mai 2019 sind bislang 24 Termine angesetzt. Alle wichtigen Aspekte rund um das Mammut-Verfahren finden Sie hier.

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Niels Högel: Die Morde eines Krankenpflegers

Niels Högel soll mehr als 100 Patienten getötet haben. Die wohl größte Mordserie der Nachkriegszeit, begünstigt von beispiellosem Versagen. Eine Multimedia-Doku, optimiert für Desktop-Nutzung. mehr

Die Taten: Was wird Niels Högel vorgeworfen?

Der ehemalige Krankenpfleger soll zwischen 2000 und 2005 an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst mehr als 100 Patienten getötet haben. In dem Prozess, der am Dienstag begonnen hat, werden ihm mindestens 99 Delikte zur Last gelegt. Während seiner Dienstzeiten spritzt er den Opfern eine Überdosis von Medikamenten, um bei Ihnen akute Herzprobleme auszulösen. Anschließend versucht er, die Betroffenen zu reanimieren, um als Held dazustehen. Högel benutzt für seine Taten die Medikamente Gilurytmal, Kalium, Sotalex, Xylocain und Cordarex - am häufigsten greift er zum Herzmittel Gilurytmal.

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Die Entdeckung: Wie fliegt Högel auf?

Am 22. Juni 2005 wird Högel von einer Krankenschwester auf frischer Tat ertappt, als er im Klinikum Delmenhorst dem 63-jährigen Patienten Dieter M. mehrere Ampullen Gilurytmal spritzt und eine Pumpe mit einem lebenswichtigen Medikament abschaltet. Trotz des Vorfalls lassen die Vorgesetzten ihn noch zwei Tage weiterarbeiten, sodass er am 24. Juni 2005 einen weiteren Mord begehen kann. Wegen der Tat an M. wird Högel später zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen versuchten Mordes verurteilt. Als die Angehörige Kathrin Lohmann aus der Zeitung von der Verurteilung liest, drängt sie auf die Exhumierung ihrer 2003 ebenfalls in Delmenhorst verstorbenen Mutter. Nach langem Zögern lässt die Staatsanwaltschaft 2009 insgesamt acht Leichen exhumieren. Die fünf Fälle, in denen die Ermittler Auffälligkeiten feststellen, werden im zweiten Prozess gegen Högel ab 2014 verhandelt.

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Der Prozess in Zahlen

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Die Exhumierungen: Wie wird das Ausmaß der Morde erkannt?

Nach der Gründung der Sonderkommission "Kardio" im November 2014 untersuchen die Ermittler alle fragwürdigen Todesfälle während der Dienstzeiten von Högel. Mehr als 500 Patientenakten werden ausgewertet, anschließend ordnet die Staatsanwaltschaft die Exhumierung von 134 Leichen auf 67 Friedhöfen an. Am 12. März 2015 werden auf dem Friedhof in Ganderkesee die ersten Gräber geöffnet. In insgesamt 99 Fällen finden die Ermittler auffällige Spuren von Medikamenten - und somit Hinweise auf einen möglichen Mord. 64 der Opfer starben am Klinikum Delmenhorst, 35 in Oldenburg.

Das Versagen: Warum fallen die Taten nicht schon im Klinikum Oldenburg auf?

Diese Frage lässt sich wohl nur mit kollektivem Versagen beantworten. Bereits im August 2001 gibt es im Klinikum Oldenburg auf der Station 211, wo Högel arbeitet, eine Besprechung mit allen Ärzten und Pflegern. Anlass ist die auffällige Häufung von Reanimationen und Sterbefällen. Im Anschluss meldet Högel sich krank - offenbar weil er denkt, dass man ihm auf die Schliche gekommen sei. Konsequenzen gibt es allerdings keine. Als die Verdachtsmomente im kommenden Jahr zunehmen, wird Högel unter vollen Bezügen freigestellt. Außerdem bekommt er ein ausgesprochen gutes Zeugnis ausgestellt, mit dem er sich in Delmenhorst bewirbt.

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Panorama 3

Die unentdeckte Mordserie

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Er hat wohl mehr als 100 Mal getötet, in 174 Fällen wird ermittelt. Wie aber konnte der Pfleger Niels H. soviele Patienten töten, ohne entdeckt zu werden? Eine Spurensuche. Video (08:44 min)

Die Indizien: Welche Verdachtsmomente gibt es in Delmenhorst?

Zwischen März 2003 und Juni 2005 steigt die Todesrate auf der Intensivstation in Delmenhorst dramatisch an. Statt der statistisch zu erwartenden 200 Patienten sterben in diesem Zeitraum 411 Menschen. Außerdem versiebenfacht sich der Verbrauch des eigentlich eher selten genutzten Herzmittels Gilurytmal - von 50 bis 60 Einheiten im Jahr auf 380. Angeblich fällt das niemandem auf. Sogar als Högel am 22. Juni 2005 auf frischer Tat ertappt wird, darf er noch zwei Tage weiterarbeiten und kann einen weiteren, letzten Mord begehen.

Die ersten beiden Prozesse: Was macht die Justiz?

Im Dezember 2006 wird Högel wegen versuchten Totschlags in einem Fall zu fünf Jahren Haft und einem befristeten Berufsverbot verurteilt. Da das Urteil in Revision geht, kann er noch in zwei Altenheimen als Pfleger arbeiten. Im Revisionsverfahren im Juni 2008 wird die Strafe wegen versuchten Mordes auf siebeneinhalb Jahre Haft erhöht. Auf massives Drängen von Kathrin Lohmann, deren Mutter von Högel getötet wurde, werden 2009 acht Leichen exhumiert. In fünf Fällen wird Gilurytmal entdeckt und Högel schließlich am 26. Februar 2015 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Mitwisser: Werden Klinikmitarbeiter zur Rechenschaft gezogen?

Nach Ende des dritten Prozesses gegen Högel müssen sich in abgetrennten Verfahren vier Klinikmitarbeiter aus Delmenhorst wegen Totschlags durch Unterlassen verantworten. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hätten sie 2005 drei Morde und zwei Mordversuche verhindern können. Das Verfahren wurde verschoben, damit Högel dort als Zeuge aussagen kann. Dazu ist er erst nach einer rechtskräftigen Verurteilung verpflichtet. Andernfalls könnte er die Aussage verweigern. Zudem wird auch gegen Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg ermittelt.

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Die Konsequenzen: Welche Schlüsse werden aus den Vorfällen gezogen?

Als bundesweit erste Klinik wird in Delmenhorst im März 2017 eine qualifizierte Leichenschau eingeführt. Externe Mediziner nehmen dabei eine zweite Begutachtung von verstorbenen Patienten vor. Trotz vielfacher Forderungen ist dagegen im neuen Bestattungsgesetz der niedersächsischen Landesregierung eine qualifizierte Leichenschau nicht vorgesehen. Bei 80.000 Toten im Jahr fehle dazu das Personal, heißt es aus dem Sozialministerium. Am Klinikum Oldenburg wird zur Erhöhung der Patientensicherheit ein sogenanntes Whistleblowing-System installiert. Mitarbeiter können hier anonym Hinweise auf Regelverstöße oder Missstände aller Art geben.

Der aktuelle Prozess: Was soll das Verfahren bringen?

Ziel des Verfahrens sei nicht die Verlängerung der Haftzeit, sagt der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann. Anders als etwa in den USA könne nach deutschem Recht ein Angeklagter nur einmal zu lebenslanger Haft verurteilt werden. In erster Linie gehe es in dem Prozess darum, den Angehörigen Klarheit über das Schicksal der Opfer zu verschaffen. Bis zu seiner Verurteilung habe Högel als unschuldig zu gelten, betont Bührmann. Das Gericht werde in jedem Fall nach der Wahrheit forschen und prüfen, ob Högel für den Tod verantwortlich ist.

Der Vorsitzende Richter: Sebastian Bührmann

Der 54-jährige Jurist Sebastian Bührmann hat bereits die ersten beiden Verhandlungen gegen Niels Högel geleitet. Der Oldenburger kennt den Angeklagten und die Fälle dementsprechend gut. Bührmann hat schon vorher Erfahrung mit aufsehenerregenden Fällen gesammelt. Er war unter anderem Vorsitzender Richter im sogenannten Holzklotz-Prozess.

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Hallo Niedersachsen | 30.10.2018 | 19:30 Uhr

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