Anklage: Vorgesetzte hätten Högel-Morde verhindern können

Stand: 17.02.2022 14:33 Uhr

Sieben ehemalige Vorgesetzte von Niels Högel stehen vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg wirft ihnen vor, von den Morden des Krankenpflegers gewusst, aber nichts unternommen zu haben.

Das Landgericht Oldenburg befasst sich seit Donnerstag mit drei Morden von Niels Högel in Oldenburg und fünf in Delmenhorst. Angeklagt sind vier ehemalige Vorgesetzte des ehemaligen Krankenpflegers aus dem Klinikum Oldenburg sowie drei aus Delmenhorst. Darunter sind unter anderem ein damaliger Klinik-Geschäftsführer, ein Arzt, eine Pflegedirektorin und ein Pflegedienstleiter. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg wirft ihnen vor, von den Tötungen gewusst, diese aber nicht gestoppt zu haben. Die Anklage lautet unter anderem auf Totschlag und Beihilfe zur Tötung durch Unterlassen.

Staatsanwaltschaft: Angeklagte wussten von Gefahr für Patienten

Die Anklagebehörde erklärte am Donnerstag bei der Eröffnung des Prozesses, dass die Angeklagten die Morde an Patientinnen und Patienten mit an "Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" hätten verhindern können - etwa indem sie den Pfleger vom Dienst freigestellt oder die Polizei eingeschaltet hätten. Allen sieben Angeklagten sei von bestimmten Zeitpunkten an klar gewesen, dass von Högel eine Gefahr für die Patienten ausgehe, sagte Staatsanwältin Gesa Weiß am Donnerstag. Sie warf ihnen vor, aus Sorge um den Ruf der Kliniken und aus Angst, sich dem Vorwurf des Mobbings auszusetzen, nicht eingeschritten zu sein. Die sieben Angeklagten lassen sich von insgesamt 18 Strafverteidigern vertreten. Diese wiesen in ersten Statements alle Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zurück.

Ein Angeklagter verhandlungsunfähig

Eigentlich hätten am Donnerstag acht Angeklagte vor Gericht stehen sollen. Doch einer der acht Angeklagten ist schwer erkrankt und verhandlungsunfähig. Betroffen ist der Stationsleiter Pflege der Intensivstation der chirurgischen Abteilung des Klinikums Delmenhorst. Das Verfahren gegen ihn wurde nun abgetrennt, wie das Landgericht Oldenburg am Montag mitteilte. Sobald der "nunmehr gesondert Verfolgte wieder verhandlungsfähig sein sollte, wird das Verfahren gesondert gegen ihn fortgesetzt werden", so das Gericht.

Mindestens 85 Mordopfer

Der ehemalige Krankenpfleger Högel war im Juni 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte Patienten mit Medikamenten vergiftet, um sie danach reanimieren zu können. Dabei waren immer wieder Menschen gestorben.

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Blick auf den Lappan, das Wahrzeichen der Stadt Oldenburg. © NDR Foto: Julius Matuschik
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NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 17.02.2022 | 12:00 Uhr

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