Stand: 19.03.2019 15:05 Uhr

Affäre um SPD-Abgeordneten weitet sich aus

von Christina Gerlach
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Im Mittelpunkt der Affäre um gehackte Chatverläufe steht der SPD-Landtagsabgeordnete Jochen Beekhuis. (Archiv)

Roswita Mandel sieht man die schlaflosen Nächte an. Man kennt die Vorsitzende des SPD-Kreisverbands Wittmund eher als energiegeladene Frau, als die gute Seele der Partei. Jetzt ringt sie um Fassung. Es fällt ihr sichtlich schwer, mit der üblen Häme fertig zu werden: niveaulose Beleidigungen, ekelhafte Schimpftiraden, schlimmste Fäkalsprache. "Dann sackt man in sich zusammen, da ist eine Welt zusammengebrochen. Diese Wortwahl, das ist gar nichts, was ich in Worte fassen kann", sagt Mandel. Schwer wiegt auch der offensichtliche Versuch, sie und die SPD-Bundestagsabgeordnete Siemtje Möller aus Varel (Landkreis Friesland) mit fingierten Leserbriefen massiv zu diskreditieren. Das legen zumindest die gehackten Chatverläufe nahe. Es soll sich dabei um die Chats zwischen SPD-Funktionären aus der Region handeln. Das NDR Magazin Hallo Niedersachsen konnte sie einsehen: Kaum inhaltliche Auseinandersetzung, stattdessen verächtliche Beschimpfungen - unterstes Niveau in der Wortwahl. Im Mittelpunkt: der Wittmunder SPD-Abgeordnete Jochen Beekhuis. Die Chats zeigen eine zutiefst verachtende Haltung gegenüber Frauen, Homosexuellen und molligen Menschen.

Eine Frau blickt auf einen Computer-Bildschirm, auf dem die Website des SPD-Landtagsabgeordneten Jochen Beekhuis angezeigt wird.

Chat-Beschimpfungen: Vorwürfe gegen Beekhuis

Hallo Niedersachsen -

In gehackten Chats soll sich der SPD-Landtagsabgeordnete Jochen Beekhuis abfällig über Frauen, Homosexuelle und Übergewichtige geäußert haben. Seine Partei will die Vorwürfe prüfen.

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SPD-Funktionäre ziehen über Dicke und Homosexuelle her

Nicht nur Roswita Mandel wurde offenbar Zielscheibe fingierter Leserbriefe und übelster sexistischer Äußerungen. Entwürdigend ist auch der frauenfeindliche Chat über eine Bewerberin um das Amt der Blütenkönigin von Wiesmoor. Und wer übergewichtig ist, wird von den SPD-Funktionären in ihren Chats gnadenlos fertig gemacht, über Homosexuelle wird hämisch und hasserfüllt hergezogen. Die Chatpartner von Beekhuis sollen weitere SPD-Funktionäre aus dem Nordwesten sein. Erstaunlicherweise auch Frauen. Eine Mandatsträgerin aus der SPD-Fraktion im Auricher Kreistag und eine Mitarbeiterin des Abgeordneten. Außerdem zwei Sozialdemokraten auf einer ostfriesischen Insel, ein SPD-Mann aus Wiesmoor. Weder sie noch Jochen Beekhuis waren aktuell für eine Stellungnahme zu erreichen. 

Auch Anwältin sagt nichts

Beekhuis ist einer von mehr als 100 Politikern und Prominenten, deren Facebook-Messenger-Konten gehackt worden sind. Tatverdächtig ist ein 20-jähriger Schüler aus Hessen. Zu den Vorwürfen gegen ihren Mandanten möchte sich auch Beekhuis' Oldenburger Rechtsanwältin inhaltlich nicht äußern. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Aurich im Fall der gehackten Beekhuis-Chats die Ermittlungen aufgenommen - wegen des Verdachts der Datenhehlerei. Das bestätigte Behördensprecher Jan Wilken NDR 1 Niedersachsen. Das Verfahren gegen Unbekannt wurde aufgrund von Medienberichten eingeleitet. Wilken bestätigte, dass Journalisten Zeugnisverweigerungsrecht haben, also nicht offenlegen müssen, woher sie ihre Informationen haben.

Fraktionsvorsitzende glaubt an Echtheit

Johanne Modder, SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, hat keinen Zweifel, dass die illegal veröffentlichten Chats echt sind. Einen ebenfalls gehackten Chatverlauf zwischen Beekhuis und ihr kann sie bestätigen: Harmlose Glückwünsche zum Geburtstag. Stichproben des NDR mit anderen Chatpartnern zeigen dasselbe Ergebnis.

Rückendeckung aus Aurich und Langeoog

Während mehrere Ortsvereine Beekhuis' Rücktritt fordern, stärkt ihm die Auricher SPD-Kreistagsfraktion den Rücken. Der stellvertretende Vorsitzende Hans Terfehr, Norderney, wittert eine persönliche Kampagne gegen seinen Parteigenossen. Auch von der Insel Langeoog kommen Solidaritätsbekundungen. Der Ortsverein Wiesmoor teilt mit, dass bekannt sei, dass Beekhuis gegen Parteifreunde und parteiinterne Konkurrenten vermeintlich robust vorgeht.

Chatpartner sollen ebenfalls befragt werden

Was SPD-Funktionäre als robust bezeichnen, ist für Johanne Modder stil- und niveaulos und eine Wortwahl, die in ihrer Partei nicht geduldet wird: "Ich habe die Befürchtung, dass sehr viele involviert sein werden. In welcher Stärke und Dramatik kann ich noch nicht überblicken." Deshalb hat der SPD-Bezirksvorstand Weser-Ems jetzt eine Untersuchungskommission beauftragt, die veröffentlichten Chats auf ihre Echtheit zu überprüfen und danach eine Handlungsempfehlung abzugeben. Bis ein Ergebnis vorliegt, soll Beekhuis seine Ämter ruhen lassen. Das ist aber kaum zu erwarten, zumal er die Vorwürfe gegenüber der "Ostfriesen-Zeitung" schon pauschal zurückgewiesen hat. "Eher friert die Hölle ein", sagt deshalb ein Parteigenosse, der ihn offenbar gut kennt. Sollten sich die unvorstellbaren Vorwürfe bewahrheiten, droht dem Landtagsabgeordneten der Rauswurf aus der SPD. Eng wird es aber auch für seine Chatpartner. Denn sie sollen ebenfalls von der Untersuchungskommission befragt werden. Während die parteiinterne Aufklärung läuft, überlegt sich Roswita Mandel, ob sie parallel rechtliche Schritte unternimmt.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 16.03.2019 | 19:30 Uhr

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