Stand: 21.10.2018 17:37 Uhr

Dorf feiert Geburtstag seines Kondom-Automaten

Musik schallt aus dem Gasthaus in Groß Thondorf - es ist "Crazy Little Thing Called Love" von Queen. Doch die Musik kommt nicht von der Bühne, sondern von der Herrentoilette: Vier Musiker drängen sich zwischen die gekachelten Wände und geben einem besonderen Geburtstagskind ihr Ständchen: dem örtlichen Kondomautomaten - der wird nämlich 56. Kein Scherz: Die "Kondom-Party ist Kult", sagt Gastwirt Horst Markgraf. Früher habe manch junger Mann nur aus einem Grund eine Cola in der Kneipe getrunken - um danach auf die Toilette verschwinden zu können und für eine Mark eine Packung mit zwei Kondomen darin zu ziehen. Das ist lange her, doch die Erinnerungen an den türkisfarbenen Kasten aus Blech - sie leben weiter.

Der Automat ruft, das ganze Dorf kommt

Bei dem Geburtstag geht es aber auch um die Kneipe als Dorfmittelpunkt: "Hier war schon meine Taufe, hier bin ich jeden Mittwoch zum Knobeln", sagt ein Gast. Das Gasthaus sei ein zentraler Treffpunkt und wichtig für den Ort. Doch schon lange kämpfen viele Kneipen um ihre Existenz. Auch der Besitzer des Gasthofs in Groß Thondorf gibt zu: Landgasthöfe haben es in Zeiten veränderter Ausgehkultur schwer. Ein Event, wie die Kondom-Party sei eine bewusste "Inszenierung", so Markgraf. Die erste Feier gab es 2012, zum 50. Geburtstag des Automaten. Und sie ist seitdem offenbar ein einschlägiger Erfolg: Das ganze Dorf komme dann, sagt der Kneipier. Ohne solche Veranstaltungen müsse er sonst wohl das Gasthaus schließen.

Problem Kneipensterben

In Groß Thondorf gelingt so offenbar etwas, das in Niedersachsen selten geworden ist: Laut Statistischem Landesamt hat in den vergangenen zehn Jahren jeder dritte sogenannte getränkegeprägte Betrieb aufgegeben. Ein Trend, der sich fortsetzen werde, sagt Renate Mitulla, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA) Niedersachsen. Auch in städtischen Lagen würden immer mehr Kneipen schließen. Problematisch seien dabei nicht nur das Ausbleiben von Stammgästen und die Abkehr von der jahrzehntelangen Kultur des Feierabendbieres. Auch Bürokratie und Auflagen wie etwa im Arbeitsschutz, in der Hygiene oder im Lärmschutz machten Wirten das Leben schwer. Mitulla: "Mittlerweile kann davon ausgegangen werden, dass die meiste Energie eines Unternehmers für den bürokratischen Aufwand verwendet werden muss und nicht mehr für die gute Kommunikation mit den Gästen."

Wirt: Können vom Kaffee allein nicht überleben

Auch der Groß Thondorfer Wirt Markgraf muss einräumen: Vom Kaffee der älteren Bauern am Morgen und dem Bier der Jüngeren am Abend ließe sich allein schlecht leben in einem 400-Einwohner-Ort. Trauerfeiern, Rockkonzerte und eben die Kondom-Party hielten die Dorfgemeinschaft aber am Leben. Auch wenn der Retro-Automat mittlerweile keine Kondome mehr ausspuckt. Denn seit der Euro-Umstellung wird er nicht mehr bestückt. Der technische Aufwand, so Markgraf, lohne sich nicht.

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Dieses Thema im Programm:

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