Stand: 22.01.2020 00:00 Uhr  - NDR Info

"Nur schnelles Löschen hilft"

Die große Buschbrand-Katastrophe in Australien ist seit Wochen ein bestimmendes Thema in den Nachrichten. Zwar mildern gerade Regen-, Sand- und Hagelstürme die dortige Brandgefahr etwas, doch überstanden ist sie noch nicht. Die größte Brandkatastrophe in Deutschland liegt fast 45 Jahre zurück. Damals verbrannten riesige Moor- und Waldflächen in Niedersachsen. Eine Katastrophe, die auch lehrreich war.

von Jennifer Lange

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Manfred Rhatje war vor 45 Jahren als junger Feuerwehrmann bei den Heide- und Waldbränden in Niedersachsen im Einsatz.

Manfred Rhatje läuft vorsichtig über die Moorfäche bei Neudorf-Platendorf im Landkreis Gifhorn. Hier hat er vor 45 Jahren als junger Feuerwehrmann gelöscht. Die Luft war blau, erinnert er sich. Überall hing Rauch wie Nebel. Das Atmen fiel ihm schwer.

Insgesamt waren damals in der Südheide 34.000 Einsatzkräfte vor Ort. Auch die Bundeswehr. Ein Soldat versackte mit einem Bein im Moor. Mithilfe von Kollegen schaffte es Rhatje, ihn wieder rauszuziehen. "Wenn wir nicht dicht dabei gewesen wären, wäre das für den Soldaten schwierig geworden, denn er hatte schon gleich das Bein verbrannt."

Andere Kollegen hatten nicht so ein Glück. Am 10. August starben fünf Feuerwehrleute, als der Wind drehte und eine Feuerwalze ihnen den Rückweg abschnitt. Immer wieder wurden auch vorsorglich Dörfer geräumt und Menschen in Notquartieren untergebracht.

Als die Heide brannte - Feuersbrunst in Niedersachsen

Waldbrand-Katastrophe in Niedersachsen 1975: Zeitweise bekämpfen 15.000 Einsatzkräfte die Flammen, mehrere Feuerwehrleute sterben. Eine Dokumentation mit Aufnahmen vom August 1975 und Zeitzeugenberichten.

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Brände konnten sich sehr leicht ausbreiten

Die jetzigen Buschbrände in Australien erinnern Feuerwehrmann Rhatje an vieles von damals in der Heide. Der Sommer 1975 war sehr trocken. Die Feuer breiteten sich rasend schnell aus und vernichteten 13.000 Hektar Fläche. Trockenes Geäst auf dem Boden sorgte dafür, dass sich das Feuer leicht ausbreiten konnte, starke Winde fachten die Brände immer wieder an. "Die australischen Flächen sind, so weit ich das einschätzen kann, genauso aufgebaut", sagt Rhatje. "Es hat auch keine Brandschutzstreifen gegeben. Und es sind auch nicht genügend Löschwasserstellen vorhanden."

Rhatje: "Nur der schnelle Einsatz hilft"

Niedersachsen habe aus der Katastrophe gelernt. Nach 1975 habe man in den Wäldern Tanks eingegraben, Löschwasserteiche angelegt und mehr Tanklöschfahrzeuge gekauft. "Immer nach der Maßgabe: Nur der schnelle Einsatz am Anfang hilft", sagt Manfred Rhatje, der später zum Gemeindebrandmeister aufstieg. Auch die Einsatzkoordination für solche Katastrophenfälle wurde verändert, was sich beim ICE-Unglück von Eschede 1998 positiv auswirkte.

Wiederaufforstung mit Kiefern statt Mischwald

Die Wiederaufforstung der Wälder in Niedersachsen begann dann, nachdem sich der Boden wieder etwas erholt hatte. In den Brandgebieten war die gesamte Kleintierwelt und Vegetation zerstört worden. Man entschied sich aufgrund der Bodenbeschaffenheit für Kiefern.

Die Stämme der Nadelbäume sind noch schmal, sie sind fein säuberlich in einer Reihe gepflanzt. Eigentlich wäre ein Mischwald mit Laubbäumen besser gewesen, sagt Rhatje. Die würden sich nicht so schnell entzünden: "Aber man hat ja damals auch nicht das Geld gehabt, hier irgendetwas anders zu machen."

Ist die Heide so feuergefährdet wie damals?

Der Feuerwehrmann besitzt selbst einige Hektar Wald - und er sieht auch die Gefahr, dass sich ein Unglück wie damals in der Südheide jederzeit wiederholen könnte: "Wenn man diesen Wald hier sieht, dann ist das genauso gefährdet wie 1975. Hier ist zu wenig Unterbewuchs, zu wenig Buchen. Laub würde das Gras ein bisschen runterhalten." So, sagt er, würde die gesamte Fläche, wenn sie bei Trockenheit in Brand gerät, wieder rasend schnell verbrennen.

Ein Löschfahrzeug steht Ende Juli 1975 auf einem Stoppelfeld vor einem brennenden Feld bei Eschede. © dpa Foto: Oldershausen

Erinnerungen an den Heidebrand 1975

NDR Info - Infoprogramm -

In Australien brennen die Wälder. Vor gut 45 Jahren brannten 13.000 Hektar Moor- und Waldflächen in Niedersachsen ab. Die Katastrophe bestimmte 1975 tagelang die Nachrichten.

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Laubbäume bilden Brandschutzstreifen

Ein Stück weiter entdeckt er einen schmalen Brandschutzstreifen aus Eichen. Die Laubbäume sollen verhindern, dass sich ein Feuer ausbreiten kann. "Der Streifen ist hier zwar nicht sehr breit, aber da ist wenigstens etwas gemacht worden, was sehr gut ist."

Die Menschen in der Region haben aus dem Unglück gelernt. Bis der Wald sich jedoch wieder richtig erholt hat, könne es aber noch Jahrzehnte dauern, schätzt Rhatje: "Das sind bestimmt noch 60 bis 80 Jahre, bis hier wieder Nutzholz geerntet werden kann."

An die Waldverluste in Australien will er in diesem Zusammenhang kaum denken. Dort sind bei den aktuellen Buschbränden Flächen verbrannt, die so groß sind wie die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg zusammen.

Weitere Informationen

August 1975: Die Heide brennt

Trockenheit, Hitze und Wind: Im August 1975 wüten in der Südheide und im Wendland verheerende Brände. Die Einsatzkräfte bekommen sie tagelang nicht in den Griff. Fünf Feuerwehrleute sterben. mehr

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1975: Die Lüneburger Heide brennt

Zehn Tage kämpfen die Einsatzkräfte gegen das verheerende Feuer in der Lüneburger Heide. Die Bilanz der Katastrophe: Fünf Tote und 7.400 Hektar niedergebrannter Wald. Audio (02:40 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 22.01.2020 | 10:08 Uhr

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