Kreuz auf einem Wörterbuch mit dem Wort Missbrauch. © Bildagentur-online/Ohde Foto: Bildagentur-online/Ohde

Viele Missbrauchsopfer warten auf Anerkennungsleistungen

Stand: 06.05.2021 07:37 Uhr

Menschen, die von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche betroffen sind, können einen Antrag auf Anerkennung ihres Leids stellen. Bei der Arbeit der Unabhängigen Kommission hakt es aber noch.

von Michael Hollenbach

Michael S., der heute in einer norddeutschen Stadt wohnt, wurde als neunjähriger Junge von einem katholischen Priester im Siegerland missbraucht und leidet noch heute unter der Tat. Seine Arme sind mit Narben übersät, weil er sich in seiner Verzweiflung häufig selbst geschnitten hat. 2015 hat sich der heute 53-Jährige an das zuständige Erzbistum Paderborn gewandt. Die Reaktion der Kirche war für ihn enttäuschend: Kein Wort der Entschuldigung; ihm wurden 5.000 Euro überwiesen - mit dem Hinweis, es handele sich um eine freiwillige Leistung ohne Anerkennung einer Rechtspflicht.

Kommission kann Opfern bis zu 50.000 Euro bewilligen

Nach der Gründung der Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA) hegt S. neue Hoffnungen, zumindest eine größere Summe für das erlittene Leid, das sein Leben prägte, zu erhalten. Die UKA kann den Betroffenen bis zu 50.000 Euro bewilligen und den Betrag überweisen. Dieses neue Verfahren zur Anerkennung des Leids wurde im vergangenen Jahr von der Deutschen Bischofskonferenz beschlossen. Michael S. stellte Anfang des Jahres einen Folgeantrag, doch die Mühlen der Kommission mahlen langsam.

Bearbeitung der Fälle zieht sich hin

Fast 1.000 Anträge sind bei der siebenköpfigen Kommission bereits eingegangen. Sie tagt ein bis zweimal im Monat. Man hoffe, pro Sitzung, rund 30 Anträge abarbeiten zu können, sagt Margarete Reske. Allerdings zeige sich, dass einzelne Fälle recht lange beraten werden müssten. Die pensionierte Richterin engagiert sich ehrenamtlich und ist die Vorsitzende der Kommission. "Der Berg, der drückt uns auch ganz furchtbar", räumt Reske ein. "Es kann nicht alles so schnell abgearbeitet werden, wie die Antragsteller sich das erhoffen."

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Priorisierung für Menschen in Not gefordert

Die UKA will zuerst die Fälle der älteren Missbrauchs-Betroffenen behandeln, die möglicherweise nicht mehr lange leben. Der Hildesheimer Jens Windel, Mitglied im Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz, fordert aber auch eine Priorisierung besonderer Härtefälle. Er denkt dabei an Menschen, die in einer finanziellen Not stecken. "Das sind ja nicht wenige Betroffene, die aufgrund ihrer Erlebnisse in den vorzeitigen Ruhestand gehen mussten und auch mit den finanziellen Verlusten zu kämpfen haben", so Windel.

Antrag sorgt für Retraumatisierung

Zu diesen Betroffenen zählt auch Michael S. Neben seiner wirtschaftlichen Notlage belastet ihn auch die Retraumatisierung, die durch den erneuten Antrag ausgelöst wurde. "Mit dem Antrag wird alles viel schlimmer, es wird nicht besser", berichtet der 53-Jährige. Seine Hoffnung auf eine schnelle Zahlung einer so genannten Anerkennungsleistung hat sich bislang nicht erfüllt. Sein Antrag sei aber in Arbeit, heißt es. Ob er die maximale Höhe von 50.000 Euro erhält, ist offen. "Das ist keine einfache Frage, aber wir haben ja die Verfahrensordnung, die auf die Schmerzensgelder verweist, die von staatlichen Gerichten für vergleichbare Missbrauchsfälle zuerkannt werden", sagt die Kommissionsvorsitzende Reske. Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, wollte sich auf NDR Nachfrage nicht zu dem Verfahren äußern und verweist auf die Unabhängigkeit der Kommission.

Auszahlungen sorgen für Enttäuschungen

Bei einigen Betroffenen, deren Antrag bereits bewilligt wurde, hat die überwiesene Summe zu Enttäuschungen geführt, sagt Windel, der sich auch in einem Aktionsbündnis mehrerer Betroffeneninitiativen engagiert. "Ich weiß, dass teilweise Auszahlungen in Höhe von 7.000 oder 8.000 Euro überwiesen worden sind", berichtet er. "Man kann diese Kriterien einfach nicht nachvollziehen. Von daher ist es sehr schwer, damit auch umzugehen."

Michael S. muss wahrscheinlich demnächst aus seiner Wohnung ausziehen. Für ihn wäre diese so genannte Anerkennungsleistung überlebenswichtig, sagt der Mann mit den vernarbten Armen und Beinen. "Ich möchte einfach nur wieder normal leben."

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NDR Info | Themen des Tages | 05.05.2021 | 17:00 Uhr

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