Steigende Heimkosten treiben Bewohner in die Armutsfalle

Stand: 27.03.2021 08:00 Uhr

Seit in der Pflege bessere Löhne aufgerufen werden, explodieren die Kosten für Altenheime. Diese müssen Pflegebedürftige und Angehörige selbst schultern. Viele landen in der Sozialhilfe.

von Christina Harland

Bei der Großmutter von Yvonne Gorka kam die Erhöhung im Januar. Das Heim, in dem sie ihre 89-jährige Großmutter untergebracht hat, schickte eine satte Rechnung. 600 Euro zusätzlich im Monat an Eigenanteil waren künftig fällig. Das ist ein Anstieg um 47 Prozent auf jetzt 1.832,30 Euro. Die Rente der alten Dame reicht mit rund 1.100 Euro dafür nicht aus. Jetzt geht fast das ganze Gehalt der Fahrlehrerin für die Heimkosten der Großmutter drauf. Alleine könnte sie das gar nicht stemmen: "Ich arbeite derzeit fast nur noch für meine Großmutter. Ohne das Einkommen meines Partners käme ich nicht zurecht."

Landkreis lehnt Antrag auf Sozialhilfe ab

Yvonne Gorka hat Sozialhilfe für ihre Großmutter beantragt, die sogenannte Hilfe zur Pflege. Doch die will der zuständige Landkreis Nienburg nicht übernehmen. Denn: Oma Christine hatte vor Jahren das Haus für ihre Enkelin mitfinanziert, das müsse die Großmutter nach geltender Rechtslage zurückfordern, um ihre Heimkosten davon selbst zu bestreiten. So bleibt Yvonne Gorka als einzige Angehörige auf den Kosten sitzen.

VDEK ermittelt Anstieg der Eigenanteile um 73 Prozent

Explodierende Heimkosten treiben inzwischen viele Menschen in existentielle Not. Der Verband der Ersatzkassen (VDEK) hat den Anstieg über die vergangenen drei Jahre errechnet:

Der durchschnittliche Eigenanteil bei den reinen Pflegekosten im Heim ist in Niedersachsen in dem Zeitraum um satte 73 Prozent gestiegen: von monatlich 376 Euro auf 649 Euro. Dazu kommen Zahlungen für Unterkunft und Verpflegung sowie die sogenannten Investitionskosten für die Instandhaltung der Einrichtung. Im Mittel kostet ein Heimplatz in Niedersachsen 1.767 Euro. Das ist mehr als die niedersächsische Durchschnittsrente: Die liegt dem Deutschen Rentenatlas zufolge bei 1.423 Euro.

Gewaltige Deckungslücke wächst

Für Marion Schaper vom "Bündnis für soziale Gerechtigkeit" sind die explodierenden Heimkosten ein Skandal. Sie informiert als Diakonievertreterin mit Gewerkschaften und Vereinen im Landkreis Nienburg über das Thema. Und sie warnt vor einer weiteren flächendeckenden Erhöhungswelle noch im April. Die könnte sogar Heimkosten um 2.000 Euro bringen. "In jedem anderen Bereich würde man sagen: So eine Steigerung ist sittenwidrig. Hier trifft es aber die Gruppen, die sich nicht wehren können, die, die auch in der Pandemie als besonders schutzbedürftig definiert worden sind. Die hat man einigermaßen vor dem Virus geschützt, aber jetzt schützt man sie nicht vor dem finanziellen Absturz. Wir fordern eine sozialverträgliche Deckelung der Anteile."

Landkreise reagieren mit Sorge

Eine maximale Überforderung nicht nur für Menschen mit kleinen Renten sieht auch der Niedersächsische Landkreistag. Viele Menschen, berichtet Geschäftsführer Hubert Meyer, kämen in die Anlaufstellen der Kreise und sorgten sich um ihre Ersparnisse. Sie seien zu Recht frustriert, wenn sie im hohen Alter auf staatliche Hilfe angewiesen seien. "Wir werden da Opfer unserer eigenen sozialpolitischen Entwicklung. Wir haben sehr dafür gekämpft, dass wir in der Pflege Tariflöhne haben, eine verbesserte Personalstruktur in den Pflegeheimen bekommen, das ist weitgehend umgesetzt worden", sagt Meyer. "Aber die Kosten, die da verursacht werden, müssen allein die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen tragen, weil die Pflegekasse nur einen gedeckelten Betrag zahlt. Pflegeversicherung ist eine Teilkasko-Versicherung." Alles, was darüber hinaus gehe, müssten Pflegebedürftige und Angehörige tragen. Meyer fordert deshalb eine deutliche Entlastung vonseiten des Bundes.

Hoffnung auf die Pflegereform

Diese Entlastung, so hoffen viele, könnte die geplante Pflegereform bringen, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) noch in dieser Legislaturperiode auf den Weg bringen will. Tatsächlich war im ersten Entwurf, den der Minister vorgestellt hat, eine langfristige Deckelung der Eigenanteile geplant. Doch davon ist offenbar nicht mehr viel übrig geblieben. Jetzt ist die Rede von einer stufenweisen Deckelung. Davon würden Heimbewohner erst nach mehreren Jahren im Heim profitieren. Die durchschnittliche Verweildauer in Alten- und Pflegeheimen beträgt aber nur eineinhalb bis zwei Jahre.

Videos
alter Mensch im Krankenbett © picture alliance Foto: Ines Baier
8 Min

Senioren in Sorge: Pflegekosten explodieren

Eine Erhöhung der Pflegeheimkosten sorgt für Diskussionen. Während die Beiträge der Pflegekassen starr bleiben, zahlen allein die Heimbewohner die explodierenden Preise. (22.09.2020) 8 Min

Reform muss auf den Kopf gestellt werden

Heinz Rothgang, Pflegeforscher an der Universität Bremen, kennt den überarbeiteten Entwurf und bezweifelt, dass die Reform - wenn sie verabschiedet wird - die gewünschte Erleichterung bringt: "Es wird zwar kurzfristig zu einer Entlastung kommen, aber die langfristige Lösung, die eigentlich in den Eckpunkten vorgesehen war, ist jetzt nicht mehr in dem Entwurf enthalten." Er hoffe, dass im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens die ursprünglichen Gedanken einer absoluten Deckelung der Eigenanteile noch einmal zur Diskussion gestellt werden.

Pflegeforscher fordert "großen Wurf"

Überhaupt müsse ein großer Wurf her. Anders seien die Probleme in der Finanzierung der Pflege nicht zu bewältigen, so Rothgang. Er plädiert für einen sogenannten Sockel-Spitze-Tausch. "Im Moment ist es so: Die Pflegeversicherung gibt einen festen Betrag rein und alles, was darüber hinaus kommt, zahlt der Pflegebedürftige - und das muss gedreht werden. Der Pflegebedürftige zahlt einen festen Eigenanteil, der kalkulierbar ist und alles, was darüber hinauskommt, zahlt die Pflegeversicherung." Viel Zeit bleibt der Politik in dieser Legislaturperiode allerdings nicht mehr.

Weitere Informationen
Vier Seniorinnen sitzen auf einer Bank. © dpa - picture alliance Foto: Uli Deck

Fast eine halbe Millionen Pflegebedürftige in Niedersachsen

Der Eigenanteil für die Unterbringung stieg landesweit im Vergleich zum Vorjahr um 63 Euro pro Monat auf 1.767 Euro. (27.01.2021) mehr

Blick in den Flur eines Pflegeheims. © dpa

Eigenanteil für Pflege steigt weiter an

Heimbewohner in Niedersachsen müssen mehr zuzahlen. (31.07.2020) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 27.03.2021 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

Abiturienten schreiben ihre Abiturprüfung. © dpa Foto: Armin Weigel

Lehrerverband fordert weiterhin Testpflicht auch beim Abi

32.000 Schülerinnen und Schüler beginnen am Montag mit den Prüfungen. Das Land hat die Testpflicht für sie aufgehoben. mehr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen