Stand: 27.10.2018 15:20 Uhr

Missbrauch in Kirche: Juristen stellen Anzeige

"Es gibt kein Recht der Kirche, ihre Institution von strafrechtlichen Eingriffen freizuhalten". So heißt es in der Strafanzeige einer Gruppe von Rechtsprofessoren gegen unbekannt, die nun den Druck auf die Kirche erhöhen. Die Anzeigen sollen laut Nachrichtenmagazin "Spiegel" bei den Staatsanwaltschaften im Bezirk jeder katholischen Diözese eingegangen sein. In Niedersachsen und Bremen betrifft das die Bistümer Hildesheim und Osnabrück sowie das Offizialat Vechta, das zum Bistum Münster gehört.

Mindestens 221 Opfer in Niedersachsen

Dem "Spiegel" zufolge gehören den Professoren unter anderen der Passauer Strafrechtsprofessor Holm Putzke und das Mitglied des Deutschen Ethikrats, Reinhard Merkel, an. Entscheidend für den juristischen Schritt ist die Veröffentlichung einer Studie, in der es um den hundertfachen sexuellen Missbrauch von Minderjährigen geht. Die Untersuchung von Wissenschaftlern aus Mannheim, Heidelberg und Gießen zwischen den Jahren 1946 und 2014 erfasste 3.677 Opfer. Die Autoren fanden Hinweise auf 1.670 schuldige Geistliche. In den katholischen Bistümern in Niedersachsen wurden demnach mindestens 221 Menschen Opfer sexualisierter Gewalt.

"Fakten rechtfertigen Durchsuchung sämtlicher Diözesen"

Die Professoren, die die Anzeigen gestellt haben, sehen in der Studie "zureichende tatsächliche Anhaltspunkte" für Straftaten. Daher hätten die Behörden die unbedingte Pflicht, die Akten der Kirche sicherzustellen, zumal diese nichts mit kirchlicher Seelsorge zu tun hätten und nicht unter das Schweigerecht der Strafprozessordnung fielen. "Die Fakten der Studie rechtfertigen eine Durchsuchung sämtlicher Diözesen", zitiert der "Spiegel" die Juristen. Fünf der Staatsanwaltschaften in allen 27 Diözesen würden Ermittlungen prüfen. Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) pocht auf eine juristische Aufklärung. Die Kirche dürfe sich dieser nicht entziehen. "Es gibt keine Geheimarchive im Rechtsstaat", sagte sie.

Havliza ermutigt Opfer zur Anzeige

Am Freitag hatte Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) im Landtag die katholischen Bistümer erneut aufgefordert, die relevanten Dokumente den Staatsanwaltschaften zur Verfügung zu stellen. Die Anklagebehörden seien in ihren Möglichkeiten allerdings eingeschränkt, solange keine Opfer namentlich bekannt seien, sagte Havliza. Und das sei in der Studie der Fall. "Man kann nur immer sagen: Wir sind da. Kommt, wenn ihr zu uns kommen möchtet."

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 27.10.2018 | 14:00 Uhr

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