Milchbauern in Existenznot: "Abends ärmer als morgens"

Stand: 02.12.2021 09:05 Uhr

Die Landwirtschaft steckt in der Krise. Vor allem Milchviehhalter kämpfen gegen niedrige Erträge und stark steigende Kosten. Der NDR in Niedersachsen hat sich in der Region Hannover umgehört.

von Rüdiger Strauch

Gerd Zerwer möchte am liebsten eine Rechnung stellen. Das Dumme dabei: Er weiß nicht, an wen er sie schicken könnte, von wem er das Geld fordern sollte. 180 Kühe hat er, sein Hof liegt bei Neustadt am Rübenberge in der Region Hannover. Zerwer und seinem Sohn Merlin macht der Beruf Spaß - aber Spaß allein reicht nicht.

Wenn's ums Geld geht - Bauer den Tränen nahe

"Auch wir unterhalten uns übers Geld. Und wenn man abends ärmer ist als morgens, wenn man aufgestanden ist, dann ist doch irgendetwas faul", sagt Zerwer und muss im Gespräch mit dem NDR häufig schlucken, sogar Tränen unterdrücken. Denn die Situation für Milchbauern wie ihn ist noch einmal prekärer als vor etlichen Jahren. Anders als etwa in den Jahren 2008 und 2009, als der Milchpreis auf nur noch knapp 21 Cent je Kilo Milch fiel, ist es heute nicht so sehr der Erlös, der nicht stimmt. Die Molkerei, die Zerwer beliefert, zahlt zurzeit auch mal 37 Cent je Kilo Milch, das ist ein vergleichsweise guter Preis. Anders als in vielen Jahren zuvor sind es die stetig steigenden Energie-, Futtermittel- und Düngemittelpreise, die bei Milchviehhaltern dafür sorgen, dass die Kosten aus dem Ruder laufen.

Ausblick für 2022: 100.000 Euro Mehrkosten

Die Rechnung, die Zerwer mit Blick aufs kommende Jahr macht, geht so: Mehrkosten bei Diesel 20.000 Euro, Mehrkosten für Futtermittel wie Rapsschrot 40.000 Euro, für Mais 20.000 Euro, für Düngemittel 16.000 Euro, weniger Subventionen aus Brüssel 7.500 Euro. Unterm Strich summiert sich das auf mehr als 100.000 Euro an Mehrkosten im Vergleich zum Vorjahr. Und die Vorjahre waren aufgrund der Dürreperioden auch schon keine guten Jahre, so Zerwer.

Erlöse decken Kosten nicht

Ein Landwirt gibt ein Interview in einem Kuhstall. © NDR
Landwirt Zerwer liebt seinen Beruf, verzweifelt aber an den Kosten.

"Wir wissen wir nicht, wie wir das stemmen sollen. Wenn wir für unsere Milch von den Molkereien nicht mehr erlösen, dann kann die finanzielle Lücke nur mit Fremdkapital gedeckt werden. Am Ende wird’s für uns nur traurig werden", sagt Zerwer. Sohn Merlin, der eigentlich mit Elan in den Beruf starten will, klingt ähnlich ernüchtert: "Wenn's ums nackte Überlegen geht und nicht einmal das gesichert ist, dann macht es natürlich nicht so viel Freude, in die Zukunft zu gucken."

Wut-Objekt Discounter - Zerwer für Lebensmittelsteuer

Wenn Vater und Sohn an den Handel denken, an die Supermärkte und Discounter, dann können sie richtiggehend wütend werden. "Ramschprodukte aus Milch" würden da angeboten, dabei lieferten Milchviehhalter Produkte in bester Qualität. Jetzt sei die Politik gefragt, findet Zerwer und fordert eine Art Steuerabgabe auf Lebensmittel. "Das Geld muss dann aber eins zu eins auf den Höfen ankommen", schickt er hinterher.

Tierwohlabgabe belohnt Leistung der Landwirte

Frank Feuerriegel von der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen will da unterscheiden. Eine Tierwohlabgabe, die Leistungen der Landwirte für artgerechtere Tierhaltung belohnt, unterstützt er. Zaghafter beurteilt er dagegen eine Art Steuerabgabe auf Lebensmittel, um Landwirte zu unterstützen. "Wir können ja nicht alles über staatliche Mittel und Lenkung machen. Wir wollen ja eigentlich einen Markt, der funktioniert, in dem man für bestimmte Leistungen bestimmtes Geld bekommt."

Agrarministerium: Staatliche Hilfen gibt es nicht

Auch Ludwig Theuvsen, Staatssekretär im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, dämpft die Hoffnung auf schnelle staatliche Hilfe. Eine Sonderabgabe auf Bundesebene, um die Einkommensverluste von Landwirten auszugleichen, hält er für unwahrscheinlich. Auf hohe Preise bei Energie und Futtermittel seien schon immer Zeiten gefolgt, in denen sich die Preise wieder normalisiert hätten, sagt Theuvsen. Es klingt nach: Es wird auch wieder bessere Zeiten geben.

Aufgeben ist keine Option

Ein Gedanke, der Zerwer zusehends schwerfällt. In seinem Stall mit den 180 Milchkühen denkt er eher an die Mehrkosten von mehr als 100.000 Euro, die auf ihn und seine Familie zukommen. Er denkt dann an die Rechnung, die er gern jemandem schicken würde. Einer staatlichen Stelle, den Molkereien, den Handelskonzernen, den Verbrauchern. Aber er kennt den richtigen Adressaten nicht. Alles hinzuwerfen, zu verkaufen, das ist keine Option, die Banken wollen ja, dass die Kredite bedient werden. Zerwer arbeitet gern als Landwirt. Und dann sagt er zum Schluss etwas, das die Resignation einer ganzen Berufsgruppe auf den Punkt bringt: "Soll doch mal einer sagen, dass wir Bauern nicht mehr gebraucht werden. Dann pack‘ ich ein." Sagt’s und fügt dann noch hinzu: "Natürlich werden wir gebraucht. Wir Bauern produzieren, was Menschen zum Leben brauchen."

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NDR 1 Niedersachsen | Hallo Niedersachsen | 02.12.2021 | 19:30 Uhr

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