Stand: 18.12.2020 12:45 Uhr

"Bleibt es bei einem Fenster, wirkt es wie Leuchtreklame"

Am Montag hat das Landgericht Hannover entschieden, dass das sogenannte Reformationsfenster in die Marktkirche eingebaut werden darf. NDR.de hatte vorab mit dem langjährigen Direktor des Sprengel Museums, dem Kunsthistoriker Ulrich Krempel, über den Fensterstreit gesprochen.

Herr Krempel, werfen wir zu Beginn des Gesprächs einen Blick in die Zukunft. Dezember 2021: Was sehen die Besucher, wenn sie das Innere der gotischen Kirche betreten, Altbewährtes oder etwas völlig Neues?

Ulrich Krempel vom Vorstand der Rudolf-Jahns-Stiftung steht im Sprengel Museum in Hannover vor einer Zeichnung Jahns'. © NDR Foto: Agnes Bührig
Ulrich Krempel war mehr als 20 Jahre Direktor des hannoverschen Sprengel Museums. Der studierte Kunsthistoriker kann sich weitere umgestaltete Fenster in der Marktkirche vorstellen. (Archivbild)

Ulrich Krempel: Entweder wir schauen in einen Raum, der einheitlich von einem hellen, etwas grau-blauen Licht von den Seiten erfüllt ist oder wir sehen auf der rechten Seite, der Südseite der Kirche, eine farbige Intervention in dieser Abfolge der fünf großen Fenster des Kirchenschiffs. Das mittlere Fenster könnte dann das von Markus Lüpertz gestaltete sogenannte Reformationsfenster sein.

Der Architekt Dieter Oesterlen hatte sich nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs beim Wiederaufbau dafür entschieden, der Kirche weitgehend ihr mittelalterliches Gesicht zurückzugeben - Backsteingotik pur mit einer klaren Ausrichtung auf den Chor, wo noch mittelalterliche Glasfenster zu sehen sind. Könnte das Reformationsfenster diesen Gesamteindruck stören?

Krempel: Oesterlen hat im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau von "Schlichtheit" und "Geschlossenheit" gesprochen. Und wenn man sich das auf der Zunge zergehen lässt, dann merkt man, dass das nicht unbedingt etwas mit Bilderfreude zu tun hat, sondern eher mit der Absenz von Buntheit und Geschichten, die auf Kirchenfenstern erzählt werden. Nur im Chor gibt es noch Reste der mittelalterlichen Fenster. Auf denen kann man unter anderem den leidenden Christus und andere Episoden aus der heiligen Geschichte sehen. Das sind Erinnerungen an eine Kirche, die zum Zeitpunkt ihrer Erbauung eine katholische Kirche war. Was Oesterlen in der Kirche gestaltet hat, folgt einer gewissen Strenge, die aber durch die Lichtdurchflutung des Raums und eine relativ schmale Wegführung hin zum Altar eine spirituelle Wirkung entfaltet. Auf Äußerlichkeiten und Geschichtenerzählen wird dadurch weitgehend verzichtet.

Können Sie kurz erläutern, welche Funktion die mittelalterlichen Fenster zu früheren Zeiten hatten? In erster Linie ging es doch nicht um die Präsentation von Kunst?

Krempel: Kirchenfenster haben in der Romanik zunächst relativ wenig Licht in die Kirchen gebracht. Das änderte sich mit der Gotik. Ihre hochaufstrebenden Mauern sind von großen Fensterfronten durchbrochen. Dadurch konnte das Licht in die Kirchen strahlen. Die häufig farbig gestalteten Fenster erzeugten dabei eine besondere spirituelle Wirkung. Es ist eine geradezu unglaubliche Präsenz von Licht. Zudem darf man nicht vergessen, dass die meisten Menschen im Mittelalter nicht lesen konnten. Deshalb hat man auf den Fenstern Geschichten aus der Bibel erzählt. Diese leuchtend bunten Fenster zeigten den Gläubigen unter anderem die Stationen des Lebens von Jesus Christus und die Propheten. Dazu wurden den Gläubigen dann vielleicht in der Messe die dargestellten Zusammenhänge erzählt. Die Fenster hatten also die Aufgabe, Glaubensinhalte zu vermitteln. Das waren allerdings selten einzelne Fenster, sondern eine Reihe von Fenstern, auf denen die biblischen Geschichten in Stationen erzählt wurden.

Bunt ist das Lüpertz-Fenster auch und eine Geschichte wird außerdem auf dem Fenster erzählt. Steht das moderne Fenster dann nicht doch in einer Tradition mit den alten?

Krempel: Von einer Tradition würde ich deshalb nicht sprechen, weil sich die Reformation in ihren unterschiedlichen Ausprägungen zum Teil sehr deutlich gegen Bilder in den Kirchen gewandt hat. Zwar gab es die Werkstatt von Lucas Cranach, der unter anderem die Bildnisse von Martin Luther verbreitet hatte, aber im Protestantismus ist die Umwertung der Dinge interessant. Man hat viel weniger auf Bildnisse gesetzt. Das Singen und die Predigt traten stärker in den Vordergrund. Das Lüpertz-Fenster ist natürlich programmatisch, das ist ganz klar. Mit Luther, den man darauf erkennen soll, wenn man der Interpretation folgt. Im Wesentlichen ist es eine Gestalt auf einer Treppe, die in ihrem langen Gewand die Hände abwehrend erhebt und in die Ferne blickt. Außerdem sind die fünf Fliegen zu sehen, die als Vergegenwärtigung des Bösen, des Teufels, gelten. Es taucht der kleine Fleck auf dem Geschriebenen auf, der auf die Begebenheit auf der Wartburg anspielt. Nach der Überlieferung soll Luther mit dem Tintenfass nach dem Teufel geworfen haben, der ihn verleiten wollte. Das ist zwar Illustration von Geschichte, aber Luther ist ja nur ein Begründer einer Konfession und kein Apostel oder Heiliger. Das erinnert eher an die Darstellung von Päpsten in barocken Zusammenhängen.

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Die Marktkirche ist in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder dem jeweiligen Kunstgeschmack angepasst worden. Oesterlens Wiederaufbau kann doch dann nicht Schlusspunkt, sondern vielmehr nur eine Etappe sein. Wäre das Reformationsfenster nicht einfach nur ein weiterer Schritt in der Geschichte der Marktkirche?

Krempel: Die Veränderungen, die die Kirche in den vergangenen Jahrhunderten erfuhr, waren auch Ergebnisse von willkürlichen Zerstörungen - wie etwa die Zerstörungen, die der Zweite Weltkrieg angerichtet hat. Was Oesterlen versucht hat, ist offenbar, einen "Status ante" zu rekonstruieren - ohne falsche Beigaben, ohne eine Dekorationsabsicht, wie man das etwa mit dem Berliner Schloss beobachten kann. Die Marktkirche ist weitestgehend nackt. Es gibt keine Dekoration. Es sind die Reste da, die nach den Zerstörungen noch übrig geblieben sind. Ich würde es so sehen, dass Oesterlen versucht hat, eine Kirche aus einem Guss zu gestalten. Das hat schon eine große spirituelle Wirkung, wenn man im Mittelschiff in Richtung Chor schreitet. Das Licht kommt durch die schlichten Fenster. Man wird durch nichts abgelenkt.

Sollte das Fenster trotzdem eingebaut werden?

Krempel: Ich möchte zunächst auf andere Beispiele hinweisen, wo für vormals zerstörte Kirchen in Ostdeutschland moderne Fenster geschaffen werden. Ich möchte an dieser Stelle das Projekt "Lichtungen" erwähnen, das von der evangelischen Landeskirche in Sachsen-Anhalt getragen wird. Dabei entstehen aber selten Einzelfenster. Es entstehen vielmehr Konzepte von Abfolgen oder es wird auf die räumlichen Gegebenheiten geachtet. Das ist in Hannover anders. Bislang ist nur von einem Fenster die Rede und das Lüpertz-Fenster hat eine eigene Farbigkeit und die collageartige Gestaltung, die zumindest aus der Zeit des Entstehens der Kirche herausfällt. Ich stelle mir die Frage, wenn das Fenster installiert wird, ob nicht auch andere Fenster für die Kirche neu gestaltet werden müssten - vielleicht das gegenüberliegende Fenster oder die Nachbarfenster. Dadurch würde so eine Art von Triptychon entstehen. Ansonsten würde das Lüpertz-Fenster wie eine etwas laute Leuchtreklame in der Abfolge von relativ stillen Fenstern wirken.

Halten Sie den Einbau denn für problematisch?

Krempel: Ich denke, dass die solitäre Situation ein Problem ist. Dann kommt hinzu, dass sich viele Leute offenbar durch die Fliegen und die Präsenz des Bösen gestört fühlen und lieber etwas Spirituelleres als Motiv gehabt hätten. Mich wundert ein wenig, dass nicht darüber geredet wird. Lüpertz hat in einer Dorfkirche bei Halle/Saale sieben Fenster in zwei Chören realisiert. In der St. Andreaskirche hat er sogar elf Fenster gestaltet. Da werden auch Geschichten in Stationen erzählt. In Hannover ist es dann so, dass die Geschichte auf dem Reformationsfenster übereinander erzählt wird und nicht nebeneinander, unserer Leserichtung folgend.

Hätte man aus Ihrer Sicht über Alternativen reden müssen?

Krempel: Es wäre vielleicht klug gewesen, über Alternativen in der Veränderung des Raumes zu reden. Man hätte auch mit Lüpertz sprechen können, ob es die Möglichkeit gibt, mehrere Fenster zu gestalten. Die Frage ist, ob der Stifter dieser Idee so offen gegenübergestanden hätte, weil das eine Vermehrung der Kosten bedeutet hätte. Zudem ist ja die Entscheidung für das Fenster alles andere als demokratisch. Es gab ja keinen Wettbewerb, der andere Künstler eingebunden hätte. Die lokale Künstlerschaft ist pikiert. Sie sagt, dass mit Markus Lüpertz ein Skatbruder von Altkanzler Gerhard Schröder ins Boot geholt wurde, sie aber außen vor bleiben. Zwar ist jetzt ein lebendiger juristischer Prozess im Gang, aber es fehlen aus meiner Sicht die Ausblicke.

Was erwarten Sie im Hinblick auf die Gerichtsentscheidung?

Krempel: Sollte sich das Gericht für das Urheberrecht von Dieter Oesterlen entscheiden, hätte das zur Folge, dass man das Fenster notfalls aufheben muss. Das Urheberrecht erlischt 70 Jahre nach Tod des Urhebers. Das hieße in diesem Fall, dass man bis 2064 warten müsste, denn Oesterlen ist 1994 gestorben. Sollte es dem Einbau zustimmen, würde sich, wie gesagt, die Frage nach den möglichen Weiterungen stellen.

Das Interview führte Oliver Weiße, NDR.de

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 13.12.2020 | 13:40 Uhr

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