Stand: 15.04.2018 12:00 Uhr

Atommüll: Mehr Problemfässer als bekannt

von Björn Siebke

Im Zwischenlager für schwach radioaktiven Atommüll in Leese (Landkreis Nienburg) stehen 442 Fässer, die intensiv nachbehandelt werden müssen. Das belegt eine bisher unveröffentlichte Studie im Auftrag des Umweltministeriums, die dem NDR Regionalmagazin "Hallo Niedersachsen" vorliegt. Bislang hatte das Umweltministerium dem Landtag gegenüber nur sieben problematische Atomfässer eingeräumt.

Das erste Problemfass aus Leese enthielt Flaschen mit Flüssigkeiten, die darin nicht hätten gelagert werden dürfen.

Der Schreck fuhr ihnen bis ins Mark: Ein rostiges Atomfass bei uns in Leese! Das Foto eines verrosteten Fasses empört noch heute die Mitglieder der Bürgerinitiative Strahlenschutz Leese. Seitdem schauen einige Bürger im Landkreis Nienburg noch skeptischer auf das Zwischenlager für schwach radioaktive Stoffe in ihrem Heimatort. 2013 wurde das Fass bei einer Inspektion entdeckt, voller Spuren von Rost und ausgelaufener Flüssigkeit. Dabei war der Inhalt laut Deklaration staubtrocken: Angeblich sollte es Papier enthalten.

Als man es öffnete, wurde klar: Darin waren Flaschen mit Flüssigkeiten - offenbar illegal. In den folgenden Jahren tauchten immer mehr Problem-Fässer auf: mal mit Rostspuren, mal hob sich der Deckel bei sogenannten Blähfässern. Dem Umweltausschuss des Landtags zählte das Niedersächsische Umweltministerium insgesamt sieben Problem-Fässer auf.

Minister Lies: Wir arbeiten mit notwendiger Transparenz

Das war Ende 2016. Doch kurz danach lagen dem Ministerium bereits ganz andere Informationen vor: Eine Studie, die der NDR auf Anfrage erhielt, listet 442 Fässer auf, die "nachkonditioniert" werden sollen. Das heißt, einige müssen getrocknet werden, bei anderen hochgiftige Stoffe neu umschlossen werden.

Umweltminister Olaf Lies (SPD) ist erst seit fast fünf Monaten im Amt. Die Studie liegt schon mehr als ein Jahr im Ministerium vor. Er verteidigt sich und auch seinen Vorgänger: "Alles, was im Zusammenhang mit Atom und Strahlung ist, ist eigentlich etwas, wo man sehr sensibel mit umgeht. Das gilt sowohl für meinen Vorgänger Stefan Wenzel wie auch für mich, dass man da mit der notwendigen und auch sorgfältigen Transparenz arbeiten muss." Lies hat mittlerweile eine Veröffentlichung der Studie angekündigt.

Bürgerinitiative: "Freiwillig rücken die gar nix raus"

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Die Mitglieder der Bürgerinitiative Strahlenschutz Leese haben kein Vertrauen mehr in die Behörden.

Im aktuellen Infobrief des Ministeriums an die Bürger vor Ort ist diese Transparenz kaum zu erkennen: Von den brisanten Studienergebnissen ist dort keine Rede. Das Vertrauen in die Informationspolitik der Behörden ist gering bei den Bürgern: "Wir informieren uns selber, so wie ein Bürger das eben macht. Freiwillig rücken die gar nix raus", sagt Henning Breiter von der Bürgerinitiative.

Immerhin veröffentlicht das Ministerium die Messungen am Zaun in Leese. Demnach wurde an der ehemaligen Munitionsfabrik zwar keine erhöhte Strahlung nachgewiesen. Doch hinter den meterdicken Mauern ist die Strahlung bis zu 2600 Mal höher.

Halle so eng, dass Fässer nicht untersucht werden können

Die Halle liegt in einem Gewerbegebiet, kaum hundert Meter neben einem Möbellager, einem Wertstoff-Hof und einer Paintball-Anlage. Das schwach radioaktive Material darin stammt zum Beispiel aus Röntgenpraxen. Insgesamt 1.484 Fässer gehören dem Land Niedersachsen.

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Nur 70 Zentimeter zwischen den Fass-Stapeln und sehr wenig Rangierfläche - einzelne Fässer zu untersuchen oder gar herauszunehmen, ist kaum möglich.

Fotos des Umweltministeriums beweisen, wie eng die Fässer darin stehen: In mehreren Schichten übereinander sind sie bis zur Decke gestapelt, Reihe für Reihe. Dazwischen bleibt ein Gang von gerade einmal 70 Zentimetern frei. Thorben Gruhl von der Bürgerinitiative hält das für unverantwortlich: "Die stehen so dicht gestapelt, dass man eben nur an einen sehr begrenzen Anteil überhaupt herankommt. Wir sehen ja jetzt, dass durchgerostete Fässer irgendwo in zweiter Reihe stehen."

Bürgerinitiative: Fass fiel vom Lkw, wurde überrollt

1.484 Fässer, viele mit unbekanntem Zustand - und man kann sie nicht richtig untersuchen, weil es zu eng ist. Das Umweltministerium in Hannover bestätigt das, sieht selbst dringenden Handlungsbedarf. Das Land sucht per Ausschreibung eine Firma, die alle Fässer abtransportiert, untersucht und endlagerfähig macht.

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Thorben Gruhl von der Bürgerinitiative beklagt den laxen Umgang mit den strahlenden Fässern.

Doch der Transport macht den Bürgern Sorge, denn schon auf dem Weg nach Leese gab es Probleme. "Da kann man nur hoffen, dass die besser transportiert werden, als es in der Vergangenheit der Fall war. Ein Fass ist auf dem Weg vom Standort Braunschweig nach Leese dem Spediteur vom Lkw gefallen und vom Anhänger des Lkw überrollt worden, sodass der Inhalt sich über die Straße verteilt hat", berichtet Gruhl von einem Transport, der zwar mehr als zehn Jahre zurückliegt, der aber in Leese in Erinnerung geblieben ist.

Wie lange bleiben die Fässer in Leese?

Aber selbst wenn Transport und Reparatur der Fässer gelingen - wohin mit ihnen? Es gibt immer noch kein Endlager für Atommüll. Der dafür vom Bund vorgesehene Schacht Konrad ist wohl erst 2027 bereit. Umweltminister Olaf Lies antwortete kürzlich im Landtag, die Fässer sollten wohl nach Leese zurück, um dort auf die Endlagerung zu warten. Dem NDR sagt er nun, man prüfe aber Alternativen: "Möglicherweise gibt es auch eine andere Lagerstelle, die dann noch gefunden werden muss, wenn es noch länger dauert. Das ist alles noch mit dem Bund zu klären."

Die Ausschreibungsunterlagen sehen vor: Bis Ende 2025 sollen alle Fässer bearbeitet sein - "nach derzeitigem Planungs- und Erkenntnisstand". Fünf Jahre später will die örtliche Raiffeisen-Genossenschaft das Lager nicht weiter verpachten. Ob die Zeitpläne eingehalten werden können? Die Geschichte der Atommüll-Lager ist eine Geschichte der Planänderungen.

Weitere Informationen
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Atommüll: 442 Problemfässer lagern in Leese

15.04.2018 19:30 Uhr
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1.484 Fässer mit schwach radioaktivem Material befinden sich im Zwischenlager in Leese, doch viele sind in schlechtem Zustand: Fast jedes dritte müsste intensiv nachbehandelt werden. Video (05:05 min)

Erneut rostige Atommüll-Fässer in Leese

Im Zwischenlager in Leese sind zwei Atommüll-Fässer mit starken Rostspuren entdeckt worden. Bereits im Mai hatten Kontrolleure ein rostiges und falsch deklariertes Fass gefunden. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 15.04.2018 | 19:30 Uhr

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