Plutonium auf Privatgelände: Brisanter Fund in Niedersachsen

Stand: 05.12.2021 19:16 Uhr

Bei Hausdurchsuchungen Ende Oktober in Braunschweig und im Landkreis Gifhorn fanden Ermittler mehr radioaktive Stoffe als bisher bekannt. Für Umweltminister Lies ein "beunruhigender Vorfall". 

von Stefan Schölermann und Angelika Henkel

Drei Tage lang hatten sich die Strahlenschutz- und Chemie-Experten des Landes Meter um Meter an die Fundorte herangetastet. In einem Dorf im Landkreis Gifhorn gruben Polizeibeamte eine Wiese um - hier hatte der 43-jährige Beschuldigte Teile seiner illegalen Stoffe vergraben. In seiner Wohnung in Braunschweig entdeckten sie ein fachmännisch eingerichtetes Chemielabor voller Substanzen, geordnet in Röhrchen und Behältnissen.

Plutonium wird in der Industrie verwendet

"So einen Einsatz habe ich noch nie erlebt", beschreibt es ein Beamter, der vor Ort mit dabei war. Im Erdreich vergraben fanden die Ermittler Nickel-63, ein potenziell tödlicher Stoff, wenn ein Mensch es direkt zu sich nimmt. Die flüssigen Substanzen waren beim Auffinden noch originalverpackt und dicht verschlossen. In Unruhe versetzte die Ermittler eine zweite radioaktive sogenannte umschlossene Strahlenquelle: Plutonium. Es befand sich im Wohnhaus in einem Originalgefäß, groß wie ein Joghurtbecher, fest umschlossen von einem Blei- und Stahlmantel. Nur bei mutwilliger Zerstörung mit hohem Aufwand kann die Strahlung freigesetzt werden. Das Plutonium ist nicht waffenfähig und wird in der Industrie verwendet, etwa um zu prüfen, ob Rohre dicht sind. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt.

Keine akute Gefahr für Mensch und Umwelt

Die Behörden betonen, dass hier keine akute Gefahr für Menschen und Umwelt bestand. So sieht es auch Rolf Michel, der früher als Physiker an der Universität in Hannover forschte und lehrte. Noch heute ist der Professor als bundesweit anerkannter Strahlenschutzexperte tätig. Er sagte dem NDR, dass die Angst vor Radioaktivität das Problem sei. Das Wort Plutonium habe eine Wirkmacht: Wer radioaktives Material in seinen Händen halte, könne damit für Chaos sorgen oder Behörden und Unternehmen erpressen. Gelange es in ein städtisches Wassersystem, würde es sich schnell verdünnen und wäre für den Einzelnen ungefährlich - dennoch müsste hinterher vermutlich das gesamte Rohrsystem mit großem Aufwand dekontaminiert werden. Die Vorschriften seien sehr streng.

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Warnschild: "Radioaktiv" © picture-alliance/ dpa Foto: Maurizio Gambarini

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Beschuldigter offenbar psychisch krank

Warum der 43-jährige Beschuldigte radioaktive und chemische Substanzen sammelte, ist unklar. Nach Informationen des NDR verhielt er sich gegenüber den Behörden kooperativ und bezeichnete sich selbst als krank. Er wurde zunächst in polizeilichen Gewahrsam genommen und dann in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Aufgefallen war der Mann, weil er im Internet gedroht hatte, seine Vorgesetzten umzubringen - ihm sollte gekündigt werden. 

Plutonium offenbar bei Arbeitgeber entwendet

Das Plutonium könnte er bei seinem früheren Arbeitgeber entwendet haben, einer Firma, die es heute nicht mehr gibt. Die hatte im Jahr 2006 zwar den Verlust des Nickel-63 angezeigt und angekündigt, die Kontrollen im Unternehmen zu verschärfen. Doch dass auch Plutonium fehlte, wurde nach Recherchen des NDR nicht gemeldet. Dabei gelten bei radioaktiven Stoffen strenge Vorschriften und eine enge Meldekette von Polizei, Aufsichtsbehörde, Verfassungsschutz und Parlament. 

Umweltminister will Aufklärung

Der für nukleare Gefahrenabwehr zuständige Umweltminister Olaf Lies (SPD) findet das alarmierend: "Auch wenn keine akute Gefahr bestand, der Vorfall ist absolut beunruhigend, zumal wir davon ausgehen müssen, dass diese Strahlenquelle vor 15 Jahren entwendet worden ist. Da wird man noch mal prüfen müssen: Reicht das alles, was an Verschärfung eingeleitet worden ist? Kann man so einen Vorfall verhindern?"

Sowohl bei der Braunschweiger Polizei und im Landeskriminalamt als auch beim Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), der für Strahlenschutz zuständigen Umweltbehörde, ist man erleichtert, dass der Fall nach bisherigem Stand glimpflich verlaufen ist. Hinweise auf eine politische Motivation des Mannes gibt es laut Staatsanwaltschaft nicht.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 05.12.2021 | 19:30 Uhr

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